We are all Greeks

Pfingstsonntagabend im Zelt auf der Halbinsel Sithonia. Vor uns erstreckt sich einer der schönsten Strände Chalkidikis im Abendlicht. Die Grillen zirpen, bald werden die Leuchtkäfer blinkend herumschwirren und später die Sterne eine würdige Kulisse für unser Openair-Zimmer darbieten. Die letzten Wochenendbesucher verlassen im Halbdunkel den Strand, bald sind der Mond und wir allein. Zwei Wochen ist es her seit unserem letzten Beitrag und die Meteora-Felsnadeln scheinen schon wieder in weiter Ferne. Zwei Wochen, in denen wir nicht sehr weit nach Osten gefahren sind, sondern viel eher kreuz und quer durch das uns unbekannte Nordgriechenland. Für Radler ein Traum: Viele der zurückgelegten Strecken sind wenig befahren. Dies haben wir nicht zuletzt der neuen Autobahn „Egnatia Odos“ zu verdanken, die sich abenteuerlich mit vielen Kunstbauten durch die bergige Landschaft windet. Damit ist die alte, gut ausgebaute Staatsstrasse zum Zubringer einiger Dörfer degradiert und wir haben viel Platz und Ruhe.

Vom Skifahrer-Mekka Metsovo (wir haben einen altertümlichen Einersessellift entdeckt) über den Katara-Pass kommend, treffen wir am späten Nachmittag gerade vor den ersten Regentropfen in Kastraki ein. Dieses kleine Dorf schmiegt sich direkt an die gewaltigen Meteora-Felsen, ein wunderbarer Ort zum Verweilen! Die nächsten Tage erkunden wir abwechslungsweise zu Fuss oder mit dem Velo die Natur und die Klöster. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – wir haben versucht, einige der magischen Stimmungen in der Fotogalerie festzuhalten. Uns hat der Blick von unten besser gefallen als aus den Klöstern heraus – so wirken die Felsnadeln dramatischer mit ihren kirchlichen Refugien drauf, Adlerhorsten gleich. Die Mönche haben ihr ureigenes Rezept zur Krisenbekämpfung gefunden: So wurden die Eintrittspreise von zwei Euro kurzerhand auf drei Euro erhöht. Aus der vorgedruckten Zwei auf dem Ticket wird schwungvoll von Hand eine Drei und schon ist der Einnahmenstrom um die Hälfte erhöht. Geht doch!

Irgendwann müssen dann auch wir aufbrechen. Kurz die Vorräte im Supermarkt auffüllen! Wir stehen vor dem Gestell mit Knorr-Beuteln und werweissen, ob es sich hier um Fertigsuppen oder nur um ungewohnte Saucentypen handelt – der griechische Text und die Bilder auf der Verpackung können das Rätsel leider nicht lösen. Da dreht sich eine Griechin um und klärt uns in astreinem Deutsch auf: „Ja, das ist eine Pilzcrèmesuppe!“ Meeerci! Wir nutzen das regnerische Wetter und legen die eher unspektakuläre Strecke durch das bäuerliche Hinterland im Eiltempo zurück. Es geht flach durch endlose Felder und wir navigieren einigermassen zielsicher auf unbefahrenen Nebensträsschen, als bei einer kurzen Pause plötzlich ein Auto neben uns hält. Ein älterer Herr fragt freundlich, ob wir Kaffee mögen. Aber gerne! Er fährt uns voraus zu seinem nahen Haus, wo wir im Trockenen von Jiannis und seiner Frau mit Kaffee, Kuchen und selbstgekeltertem Wein verwöhnt werden. Mit einem Mix aus Englisch, Deutsch und Griechisch tauschen wir uns aus und versprechen, nach unserer Rückkehr aus der Schweiz eine Postkarte zu schicken – an einer aus China waren sie lustigerweise nicht so interessiert. 😉

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Nach Larissa starten wir am Folgetag definitiv unsere Griechenland-Kreuz-und-Quer-Tour. Statt der Autobahn folgend direkt nach Saloniki zu fahren, geht es ostwärts durch hügeliges Land ans Meer. Die Kirschen sind reif und an der Strasse werden die süssen Früchte zu drei Euro das Kilo feilgeboten. Mmmmh! Am Strand angekommen, finden wir noch recht verschlafene Nester vor. Da und dort wird im Hinblick auf die Saison gestrichen, aber die meisten Apartements und vor allem die wenigen Zeltplätze sind verriegelt. Wir entdecken ein etwas abgeschiedenes Strandstück am Dorfende von Koutsoupia – unser perfektes Nachtlager inklusive Abend- und Morgenbad im Meer! Am späteren Abend kommen einige Angler und werfen ihre Köder aus. Im Halbschlaf vernehmen wir das Zischen der Angelschnur beim Wurf. Von Zeit zu Zeit werden die Angeln kontrolliert, die hüpfenden Stirnlampen der arbeitenden Fischer sind durch unser Zeltnetz lustig anzusehen. Am Morgen kurz nach 6 Uhr begrüsst uns der Tag mit einem grandiosen Sonnenaufgang über dem Thermaischen Golf. Für einmal können wir unser Fitnessprogramm in Form von Liegestützen oder Rumpfbeugen im kühlen Sand absolvieren…

Zwei weitere Tage stehen im Zeichen der Weiterfahrt nach Thessaloniki, denn dort wartet Besuch auf uns! Links erhebt sich der Olymp, rechts erstrecken sich lange, flache Sandstrände, zeitweise unterbrochen von kurvigen Felsnasen. Im Sommer geht hier die Post ab, jetzt schläft noch alles. Ein kräftiger Rückenwind macht die Hitze etwas erträglicher, genauso wie der Rasensprinkler vor einer Kirche. Wir fahren durch herrlich rote Getreidefelder, gefärbt von tausenden Mohnblumen. Erinnerungen an die Kindheit werden wach, wo das auch bei uns noch gang und gäbe war. Dazu duften die blühenden Sträucher und Bäume um die Wette, als gälte es, eine Parfumerie zu übertrumpfen. Ein Tag später, nach einer regnerischen Sonntagsfahrt, haben wir es geschafft: Kalispera Thessaloniki, jassas Cornelia!

Zugegeben: Bis kurz vor Saloniki war von Krise so gut wie gar nichts zu spüren. Hier und da ein Klagen über die hohen Preise und den Teuro, aber das war es auch schon. Die Vororte der Stadt hingegen präsentieren uns eher Anzeichen von Zerfall und Krise. Streckenweise erinnert uns die Szenerie an Nordafrika. Dass die Griechen vielleicht nicht immer ganz den Fokus auf die richtigen Prioritäten legen, hat Cornelia in ihrem Gastblog ja bereits ausführlich berichtet. Nicht dass wir ihnen die wohlverdiente Siesta und den Ouzo verübeln (die, wie uns eine nette Wirtin in Ouranoupoli versicherte, schlicht zum Kulturgut gehören und nicht zu diskutieren sind). Aber wie soll der Grieche Vertrauen in eine Regierung fassen, die ihm das Geld aus der Tasche zieht und damit zweifelhafte Vorhaben finanziert? Wir erinnern uns an die Geschichte mit den deutschen U-Booten. Wir haben die oben erwähnte Autobahn quer durch die Berge gesehen, gemäss Wikipedia „probably the most ambitious and expensive public project ever to have taken place in modern Greece“ und gemäss eigner Beobachtung alles andere als übermässig ausgelastet. Wir haben moderne, elektifizierte, zweigleisige Zugslinien vor Thessaloniki gesehen, auf denen pro Tag vielleicht eine Handvoll Züge fährt. Als Aussenstehender erhält man damit nicht den Eindruck, dass hier besonders sorgsam mit den bescheidenen Steuergeldern umgegangen wird. Und kommt dann noch in der Qualitätszeitung ein Artikel, wie eine der wenigen griechischen KMU-Industriefirmen abgewürgt wird, geht das letzte Quentchen Vertrauen in den Staat verloren (die Griechen selbst haben schon längst aufgegeben).

Beenden wir den Exkurs in die griechische Politik, da geben ja schon genügend Unbeteiligte ihren Senf dazu. Thessaloniki empfängt uns mit Regen und einem eher kühlen Klima, dafür mit einer feinen Küche. Im Szenequartier Ladadika testen wir die kleinen Restaurants, das kleine, herzige „Vasilikos“ und ihre netten Wirtinnen kriegen von uns die Höchstnote – ein Raki als Willkommensgruss, wunderbare Kreationen und zum Schluss Parfait und Kuchen aufs Haus. Weltklasse! Schon am Folgetag ist das Wetter besser, dank Wochentag die Geschäfte offen und die Stadt somit viel freundlicher. Wir entdecken viele hübsche Ecken, aber auch viele für immer geschlossene Ladenlokale. Wir schlendern durch die alten Märkte, die bereits einen Hauch von Istanbul tragen. Wir kleben an den Schaufenstern der unzähligen Patisserien der Stadt, die sich mit süssen Kreationen gegenseitig überbieten. Saloniki kriegt von uns den Titel „Stadt der Zillionen Kalorien“ – hier könnte man sich problemlos mit Süssigkeiten vollstopfen, bis man platzt. Wir geniessen den Sonnenuntergang mit Blick auf das Hafenquartier, wo die Kräne sich erhaben ins Bild einfügen – ganz anders als im pseudokulturbeflissenen Zürich mit ihrer Hafenkran-Diskussion, die viel kostet und nichts bringt.

Dann geht es auch schon auf Entdeckungstour in Chalkidiki – Cornelia mit dem Bus und wir hechelnd mit dem Velo hintendrein. Erst in die Berge, ins verschlafene Arnea. Verschnaufpause auf dem Weg, wir essen eine Kleinigkeit, als ein Motorhome auf den Parkplatz einbiegt. Kurz darauf werden wir unvermittelt gefragt, ob wir Eis möchten. Hä? Das können wir nicht ausschlagen! Und schon sitzen wir mit einem netten belgischen Paar im Pavillon der Raststätte, geniessen eine Schale Eiscrème und diskutieren über das Woher und Wohin. Schon wieder ein grosses Dankeschön! Dann auf den Inselarm Athos mit den vielen Klöstern. Zuletzt auf Sithonia mit den schönen Stränden (und vielen fiesen Zwischenanstiegen, wie wir schweissgebadet erfahren mussten). Hier treffen wir Yvonnes Arbeitskollegin Susanne und Martin, die uns zu einem feinen Znacht in der Taverne einladen. Schon wieder: Danke! Ein letzter Abstecher zu Cornelias Resort, wo sie die letzten Tage ihrer Ferien verbringt, und schon sind wir wieder zu zweit on the road. Noch einmal gehts in die Berge Chalkidikis, wir campieren im Garten eine kleinen Bergkirche, bevor es wieder ernsthaft ostwärts geht. Türkei, wir kommen!

Und wer sich jetzt über den Titel dieses Beitrags wundert: Es geschah zu einer Zeit, als wir im fernen Kroatien kurz Rast machten. Zwei Gestalten brausen mit ihren bepackten Rennvelos heran. Es stellt sich heraus, dass es Griechen sind. Griechen auf dem Velo, und das weiter als über den Dorfrand hinaus! Das hat echt Seltenheitswert. Erst später beim Durchsehen der Fotos entdecken wir die wunderbare Botschaft auf ihren Shirts.

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Indeed, we are all Greeks! So lange wie hier waren wir bisher in keinem anderen Land. Trotz der übermässig teuren Cappuccini, der fehlenden Duschvorhänge und den Flickwerkstrassen in den Dörfern: We love you, Greece!

PS. Neu sind wir schon zu viert unterwegs! Kuno hat Verstärkung erhalten. Afrodite (obwohl Griechin, ist das „f“ statt „ph“ eine Reminiszenz an ihre afrikanischen Wurzeln) begleitet uns ab sofort und steht uns mit ihren Kenntnissen bei. Sie hat einen Master in Voodoo und Zusatzausbildungen in Hunde- und Schlangenbeschwörung. Sie spricht fliessend Griechisch, Afrikaans und Züridüütsch. In ihrer Freizeit ist sie ein Speed Junkie und liebt Base Jumping und Skydiving – mit ihren Flügeli ist sie hier klar im Plus…

Afrodite

2 comments to We are all Greeks

  • Emma

    Ich möchte bitte auch eine Afrodite gegen Hunde! Danke 🙂

  • Daniel Wulle

    Vielen Dank für die Kreuz-und-Quer-Berichte aus Griechenland! Interessant kulturell, gesellschaftlich, politisch… immer wieder erfrischend spannend, was ihr alles so erlebt!
    Greece – Greeks! AVTIO und bye Greece und Merhaba/hoi Türkiye! Grüsse an Kuno und speziell Afrodite… Wir wollen etwas Sonne und Wärme von euch hier in der Schweiz…

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