Bürokratistan in Konstantinopel

Die Welt wird immer kleiner – dies nicht zuletzt deshalb, weil die lästige administrative Hürde namens Visum in vielen Ländern abgeschafft wurde (wie beispielsweise in Kirgistan vor rund einem Jahr). So sind wir bisher unbehelligt quer durch Europa gefahren, und auch an der Schengen-Aussengrenze wurden wir von keinerlei Abfertigungsbürokratie überrascht. Stattdessen gabs von den Beamten bei der Durchfahrt jeweils nur ein müdes Nicken. Dass dies kein Dauerzustand für unsere weitere Reise sein wird und wir noch viele zwiespältige Erlebnisse beim Beschaffen der notwendigen Reisedokumente haben werden, war uns schon lange klar. Da wir zum Zeitpunkt unserer Abreise aber noch zu früh waren, um die begehrten Kleber für unsere Pässe zu sammeln, muss dies zwangsläufig unterwegs geschehen. Nicht zuletzt dafür haben wir in Istanbul einen längeren Stop eingelegt.

Rufen wir uns die weiteren Destinationen in Erinnerung.

  • Iran – Visum bereits in Bern erfolgreich eingesammelt.
  • Turkmenistan – Visum nötig. Man will eigentlich gar nicht hin, muss aber durch. Das Desinteresse ist gegenseitig: Turkmenistan möchte offenbar keine ausländischen Dollares, sondern lieber weiter diktatorisch isoliert vor sich hindösen.
  • Usbekistan – Visum nötig. Hier könnte man eventuell sogar freiwillig hinwollen. Wir kennen Abenteurer, die dort schon Ferien verbracht haben, denn mit Buchara, Samarkand und Xiva gibt es immerhin ein paar schöne Städte. Aber man denkt auch an das andere Usbekistan mit Baumwoll-Monokulturen und deren massiven Folgen für Mensch und Umwelt, beispielsweise der Austrocknung des Aralsees.
  • Tadschikistan – Visum nötig. Mit dem Pamir Highway auf über 4000 Metern voraussichtlich unsere grösste Herausforderung, aber auch die eindrücklichsten Landschaften.
  • Kirgistan – kein Visum nötig. Das Land der Pferde, wo wir vermutlich nur eine sehr kleine Strecke zurücklegen werden.
  • China – Visum nötig. Und wehe dem, der angibt, nach Westchina zu wollen. Man will ja seine unterdrückten Uiguren lieber selber geniessen.

Wie wir auf unserem Visums-Spiessrutenlauf bemerken werden, gibt es interessanterweise eine Korrelation zwischen der touristischen Unattraktivität eines Landes und seinem bürokratischen Leerlauf. Wir nennen das inzwischen liebevoll das „stanländische Paradoxon“. So steht für den Zentralasienreisenden an erster Stelle die alles entscheidenden Frage: „An welchen fünf Tagen werde ich durch die wundersame Karakum-Wüste Turkmenistans hecheln?“ Vielleicht sind es auch nur drei Tage, je nachdem, wie gnädig das dortige Aussenministerium sein Bittgesuch behandeln wird (wenn überhaupt). Damit des untertänigen Bittstellers Ansinnen überhaupt geprüft wird, hat der Reisepass bitteschön sowohl das Visum des Landes der Einreise (Iran) sowie der Ausreise (Usbekistan) zu enthalten. Für uns heisst dies, dass unser erster Akt das Aufsuchen des usbekischen Konsuls in Istanbul ist.

Der Usbeke sitzt in Istinye, was zwar noch zu Istanbul gehört, aber schon halb am Schwarzen Meer oben ist. Empfangen wird man jeden zweiten Tag von 10 bis 12 Uhr morgens, eine frühzeitige Anreise empfiehlt sich also. Wir lesen im Internet, dass kurz nach 8 Uhr ein Schnellboot den Bosporus hochfährt. Mit einem Sprint schaffen wir es in letzter Minute auf das Schiff und sind kurz vor 9 Uhr an der Anlegestelle Istinye, stärken uns mit einem Kaffee und stehen an einem regnerischen Mittwochvormittag mit einigen weiteren Wagemutigen 20 Minuten vor der offiziellen Besuchszeit am Ort des Geschehens.

Wir kramen alle benötigten Dokumente hervor und bedeuten dem Aufpasser im Wärterhäuschen, dass wir höflichst ein Visum beantragen möchten. Leider ist der gute Mann der englischen Sprache nicht mächtig, nickt aber anerkennungsvoll und scheucht uns mit einer Handbewegung auf die Strasse zurück. Dort lümmeln wir mit weiteren Bittstellern herum, bis wir plötzlich hereingewunken werden. Treppe runter, Unterlagen durch ein Fensterchen reichen, warten. Es folgt die Information, der Konsul sei gar nicht hier, wir sollen um 11 Uhr wieder aufkreuzen. Raus auf die Strasse und wieder warten. Es herrscht ein Kommen und Gehen, jedoch ohne irgendein Anzeichen organisierten Handelns. Aus 11 Uhr wird 12 Uhr, die Sonne brennt mittlerweile erbarmungslos und wir werden langsam nervös, ob wir hier überhaupt noch etwas erreichen werden. Unser Glück kommt in Form eines in Irland lebenden Türken samt seiner usbekischen Frau und seinen beiden kleinen Töchterchen, die ebenfalls auf eine Anhörung warten. Er setzt sich für uns ein, übersetzt und ermöglicht uns so, dass wir doch noch zum Herrn Konsul vordringen können.

Herr Konsul: „Do you want to work in Uzbekistan?“ – Wir, perplex: „No!“ – Herr Konsul: „Are you sure?“

Nach dem Austausch einiger weiterer Höflichkeiten kommen wir zur Sache. Wir hätten das Visum ja gerne etwas zackig, damit wir – wie oben geschildert – baldmöglichst zum Turkmenen pilgern können, um das dortige Kleberlein abzuholen. Dafür sind wir sogar bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, da die Bearbeitungsdauer gut und gerne zwei Wochen dauern kann. Möglich ist dies mit einem bescheidenen Expresszuschlag von 50%, damit sollte gemäss offizieller Angabe eine Lieferung in zwei Arbeitstagen möglich sein. Wir fragen deshalb scheu, ob wir schon am Freitag vorbeikommen könnten? Herr Konsul hebt eine Braue: „Express-Visa?“ Tja, der Mittwoch sei ja schon so gut wie vorbei und Freitag somit zu früh. „Maybe Monday“. Adiö merci!

Am Freitag wagen wir einen ersten Anruf und werden unhöflich abgewiesen. Keine Visa für gar niemanden, vielleicht am Nachmittag, ich solle wieder anrufen. Nach unzähligen weiteren Telefonaten wissen wir: Das wird nichts mehr mit Express diese Woche. Am Montag darauf sollte dann unser Tag sein, die Nummer des Konsulats kennen wir mittlerweile auswendig. Erstes Telefonat am Morgen, der Herr Konsul kennt mich inzwischen ganz gut und begrüsst mich mit Namen, bevor ich diesen ausspreche. Trotz aller Freundlichkeit sind noch keine Visa da, wir werden weiter vertröstet. Dasselbe Spiel am Nachmittag sowie am darauffolgenden Dienstag, ich kenne inzwischen jede telefonarische Regung des Konsulats. Am Mittwoch ist unsere Geduld am Ende und wir fahren ohne weitere telefonische Nachfrage mit dem Bus raus zu diesem Komödiantenstadl. Überraschend schnell werden wir vorgelassen. Der Herr Konsul erkennt uns sofort und meint strahlend, am Dienstagabend sei unsere Visabestätigung mirakulöserweise noch eingetroffen. Wir sollen nun bei der nahen Bank die geschuldete Summe inkl. Expresszuschlag einzahlen und dann seien die Visa unser. Etwas genervt wenden wir ein, dass von Express hier ja keine Rede mehr sein könne. Widerspruch von fremdländischen Schnöseln ist allerdings gar nicht erwünscht. Schnippisch meint Herr Konsul, wir hätten beim Antrag „Express“ verlangt und so sei das nun zu begleichen. Alternativ könne er uns gerne jetzt und hier unsere Pässe zurückgeben und wir könnten ohne Visum von dannen ziehen. So geht das!

Verärgert eilen wir zur Bank. Dort sitzt die halbe Türkei und hat sich zum Ziel gesetzt, genau an diesem Vormittag die kompliziertesten aller denkbaren Bankgeschäfte zu tätigen. Wir warten und warten, bis wir endlich unser überschaubar diffiziles Anliegen vorbringen dürfen. Gerne möchten wir die Summe von USD 220 in der Lokalwährung einzahlen, was die Bankfachfrau ablehnt. Das hier ist eine Bank und keine Wechselstube, wir können unsere türkischen Lira beim Exchange-Büro gleich nebenan tauschen. Vorausschauend wie wir sind, haben wir ein paar Not-Dollars dabei, legen diese auf den Tresen und die gute Frau beginnt wie wild Formulare auszufüllen. Auf jedem einzelnen dürfen wir unsere Namen und Unterschriften verewigen und nach einem gefühlten halben Arbeitstag haben wir unser Geld in eine Quittung umgewandelt.

Mittlerweile ist es gleich 12 Uhr, im dümmsten Fall macht sich der Konsul schon wieder aus dem Staub. Wir rennen den Berg hoch, werden wiederum zügig reingelassen und dann, tataaaa: Keine fünf Minuten später klebt das begehrte Zettelchen in unseren Pässen. Raxmat, danke aber auch!

  • Uzbek Consulate General in Istanbul, Sehit Halil Ibrahim Caddesi, No. 23, Istinye, Istanbul
  • Öffnungszeiten: Mo/Mi/Fr 10-12 Uhr
  • Telefon: (+90) 212 229 00 75
  • Erforderliche Dokumente: 1x Visumsantrag, 2x Foto, 1x s/w Passkopie
  • Anfahrt: Ab Kabataş fahren verschiedene Busse nach Istinye, z.B. der 25E. Alternativ fährt von hier um 8.15 Uhr die Schnellfähre in rund 40 Minuten hin.
  • Gebühren: USD 60 + USD 20 Servicegebühr für 30 Tage, Single Entry; (völlig nutzloser!) Expresszuschlag USD 30

Die lange, aufreibende Wartezeit auf das usbekische Visum liessen wir natürlich nicht unnütz verstreichen. Der Traum vom frühzeitigen chinesischen Visum lassen wir nach einigen Abklärungen bei einer spezialisierten Agentur schnell wieder fallen. Bleibt der Tadschik, den wir uns als nächstes vorknöpfen. Das Konsulat liegt genau am anderen Ende der Stadt, glücklicherweise mit einigermassen direkter Busverbindung. Inzwischen haben wir uns eine Istanbulkart besorgt, um sorgenfrei jederzeit in einen Bus hüpfen zu können. Kurz vor Mittag sind wir da, das Personal jedoch ist im Mittag, bitte in einer Dreiviertelstunde wieder anklopfen. Ab ins nächste Café, wo es ein mittels riesigem Plakat beworbenes Nescafé-und-Schwarzwaldtorten-Combo gibt. Dermassen gestärkt sind wir bereit fürs nächste Visumsabenteuer. Im Konsulat werden gerade neue Matratzen angeliefert, wir dürfen ebenfalls eintreten und werden kurz darauf vom netten 1/2./3. Sekretär empfangen (Unzutreffendes bitte streichen, ist mir gerade entfallen). Wir wechseln freundliche Worte über die Schweizer und Tadschikischen Berge, über Urlaubsziele (der Herr Konsul ist nämlich gerade in den Ferien) und übers Militär. Um das tadschikische Visum zu erlangen, ist nebst den üblichen Formularen auch noch ein handgeschriebener Bittbrief nötig. Unser auf ein A5-Hotelnotizpapier gekritzeltes Schriftstück findet keinen Anklang, wir erhalten saubere A4-Blätter und genaue Anweisungen, was das Schreiben enthalten soll. Dann zur Bank, die geforderten Lira einzahlen und wieder zurück ins Konsulat. Nochmals kurz warten, und schon sind wir wieder drin. Der Herr Sekretär prüft bereits akribisch einen Testausdruck unserer Visa, alles ist tiptop und Minuten später stehen wir auf der Strasse. In unseren Pässen das Visum sowie der begehrte blaue GBAO-Stempel. Mit letzterem können wir die autonome Provinz Berg-Badachschan bereisen, in welcher der Pamir Highway durchführt. Yeah! So geht das, liebe usbekischen und sonstig-stanischen Bürokraten!

  • Tajik Consulate General in Istanbul, Yeni Baglar caddesi, Billur sok. No: 16, Senlikkoy may, Florya, Bakırköy, Istanbul (Achtung, das Konsulat ist etwas versteckt in der kleinen Seitenstrasse „Billur“)
  • Öffnungszeiten: Mo-Fr 8 bis 17 Uhr
  • Telefon: (+90) 212 426 50 54
  • Erforderliche Dokumente: 1x Visumsantrag, 2x Foto, 1x s/w Passkopie, 1x handgeschriebener Brief ans Konsulat mit der Beschreibung unserer Reise und der geplanten Destinationen im Land. GBAO speziell erwähnen!
  • Anfahrt: Ab Eminönü fährt der Bus BN2 in rund 30 Minuten nach Florya, von dort sind es zu Fuss 10 Minuten zum Konsulat. Alternativ fährt der Bus 73T ab Taksim nach Florya – dauert zwar lange, ist aber vom Beyoğlu-Quartier aus eine passable, umsteigefreie Option
  • Gebühren: USD 50 für 45 Tage, Single Entry; inkl. GBAO-Stempel für den Pamir Highway

Mit dem erkämpften usbekischen Visum sind inzwischen sämtliche Erfordernisse der lieben Turkmenen erfüllt und wir haben uns auch schon fünf schöne Tage für die Durchreise durch diese wundervolle Wüste ausgesucht. Wie es uns beim mehrfachen Aufsuchen der netten Herren dieses Konsulats ergangen ist, sparen wir uns für einen späteren Bericht auf. Nur soviel: Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende…

6 comments to Bürokratistan in Konstantinopel

  • Herr K

    Haben die -staner keine Ventilklausel für/gegen radelnde Helvetier? Oder sind allfällige Ventilgebühren (vier habt Ihr ja dabei) bereits in den bescheidenen Stempelgebühren enthalten? – Vielen Dank für die lebendigen Schilderungen Eurer Erlebnisse. Eine wunderbare Möglichkeit für daheimgebliebene Couch Potatoes, Eure Expedition mitzumachen! Viel Spass und good luck!

  • Herr S

    Anything to declare?

    • Christian

      Yeah. Don’t go to Bureaucratistan.

      I don’t like leaving my own country, Doug, and I especially don’t like leaving it for anything less then warm sandy beaches, and cocktails with little straw hats.

  • Daniel Wulle

    …da bin ich auf die Turkmenische-Konsul-Never-Ending-Story gespannt… Wie ist es im Nationalpark Göreme? Sicher total eindrücklich, aber ihr habt ja schon so viele andere landschaftlich interessante Dinge gesehen. The Show goes on!

  • Kurt Wulle

    Gerade im 20Min gelesen:
    Zu dessen 56. Geburtstag hat das Popsternchen Jennifer Lopez dem Präsidenten des isolierten zentralasiatischen Staates Turkmenistan ein «Happy birthday, Mr. President» gehaucht. Ob sie wusste, in welchem Land sie da auftritt?

    Das errinert mich an Beyonce. Die war sich an Silvester 2009 nicht zu schade, für den Sohn des damaligen libyschen Staatschefs (äh Diktator, gell) Muammar al-Gaddafi aufzutreten: Für ihren einstündigen Auftritt erhielt die Dame satte zwei Millionen Dollar.

    siehe auch „Geld stinkt nicht“:
    http://www.spiegel.de/panorama/leute/beyonce-und-der-diktatorensohn-singen-tanzen-kassieren-a-670846.html

  • Rita

    komme gerade aus dem südtirol waren 2 Wochen heuen und habe sofort nach Euern Berichten gesucht.
    War ja richtig was los bei Euch.
    Die Fotos sind einfach toll und das Ihr immer noch Zeit findet, zu schreiben ist spitze, vielen Dank das wir so an Euern Abenteuer teilnehmen können.
    Weiterhin gute Fahrt und schöne Begegnungen wünscht Euch
    Rita

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