Ein langer Abend auf dem Polizeiposten

Aufmerksame Besucher der Seite mit unserer gefahrenen Route haben es vielleicht bemerkt: Zwischen dem Tuz-Gölü-Salzsee und dem Ihlara-Tal liegen recht viele Kilometer, und auch eine grössere Stadt ist zu durchfahren. Dass dies im letzten Beitrag in keiner Weise erwähnt wurde, hat gute Gründe: Unsere Erlebnisse dazwischen schreien förmlich nach einem eigenen Beitrag – hier ist er!

Von der Sonne zu Frühaufstehern erzogen, erreichen wir die Stadt Aksaray bereits zur Mittagszeit, freundlich zweisprachig empfangen.

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Im Schatten eines Baumes wägen wir am Ortseingang ab: Weiterfahren und in der erbarmungslosen Hitze genau das steilste Stück der folgenden Strecke meistern? In der Stadt die gröbsten Temperaturen aussitzen und gegen Abend ein zweites Teilstück fahren? Oder frühzeitig eine Unterkunft suchen und die Beine hochlagern? Wir sind unschlüssig. Einerseits fühlen wir uns noch recht frisch, da noch wenig Höhenmeter auf dem Kilometerzähler stehen. Andererseits wissen wir zu gut, dass die Spitzentemperaturen erst im Lauf des Nachmittags erreicht werden. Die Vernunft siegt vorerst einmal – wir beschliessen, ins Zentrum zu fahren und in einem Café unseren Durst zu löschen.

So kommt es, dass wir in der Nähe des schmucken Hauptplatzes eine Gartenbeiz mit flauschigen Lounge-Sesseln entdecken. Nichts wie hin! Da wir unsere Velos ungern aus den Augen lassen, stellen wir diese gleich nebenan vor eine Glasfront – peinlich darauf bedacht, niemandem im Weg zu stehen oder gar eine Tür zu versperren. Just in dem Moment, als wir uns in die Sessel plumpsen lassen wollen, tritt ein uniformierter Polizist aus der Tür. Uups, da haben wir uns wieder mal ein ganz geeignetes Plätzchen ausgesucht. Unsere Velos stehen, wie wir sofort messerscharf erkennen, direkt vor dem Polizeiposten. Ich erinnere mich gleich an eine ähnliche Szene im MMM-Migros vor Ankara, als ein Sicherheitsangestellter fast durchgedreht ist, weil wir unsere Räder auf dem Vorplatz des dortigen Cafés hingestellt haben. Es gibt Schuhbomber, Sprengstoffgürtelfanatiker – wer weiss schon, was sich in unseren bedrohlichen, riesigen Velotaschen verbirgt?

Ich mache mich auf eine kräftige Standpauke gefasst und will schon das Weite suchen, als der gute Mann wie wild zu fuchteln beginnt: Wir sollen reinkommen, sofort! Keine Widerrede! Da man gut erzogen ist und Respekt gegenüber staatlichen Organen zeigt, kommen wir der Aufforderung nach und finden uns wenig später im kleinen Polizeiposten von Aksaray wieder. Unser Mann stellt sich als Ayhan vor, ebenso anwesend ist eine jüngere Polizistin. Ayhan spricht im Gegensatz zu vielen unserer bisherigen Bekanntschaften ganz gut Englisch, und so entspannt sich eine etwas weitergehende Diskussion als sonst üblich. Durstig wie wir sind, bedeuten wir den beiden, dass wir nun wie geplant ins Café nebenan zu dislozieren gedenken. Dies kommt gar nicht in Frage, wird uns entgegnet, wir seien zum Tee eingeladen. Die Polizistin setzt Wasser auf und wenig später treten der Chef in Zivil sowie zwei weitere Uniformierte in Szene. Ayhan fungiert als Übersetzer, bis alle den gleichen Wissensstand über die zwei komischen Vögel aus İsviçre haben. Wild durcheinander fliegen die Sprachfetzen, Fragen, Gesten, Antworten. Tee um Tee wird serviert, wir lernen auf Türkisch zählen und Yvonne wird auch gleich von Ayhan in die Familie aufgenommen. Er erklärt sie liebevoll zur Cousine; die neue familiäre Verbindung wird für uns Begriffsstutzige anschaulich auf einem Stück Papier niedergekritzelt. Der entsprechende türkische Ausdruck hala amca kızı wird zum geflügelten Wort des Tages.

Der Tee fliesst in Strömen und unsere Blasen senden bereits erste Warnsignale, ausserdem wollten wir ja über die Weiterfahrt nachdenken. Statt dessen lernen wir die Schlachtrufe der favorisierten Fussballklubs kennen, schauen Fenerbahçe-TV und müssen Position für oder gegen Galatasaray oder eben Fenerbahçe beziehen. Hakan Yakin kommt ins Spiel, ja klar, den FC Basel kennt man, ebenso den Murat! Ob wir Pisa kennen würden mit dem schiefen Turm – so einen hätten sie auch hier in Aksaray in Form eines Minaretts. So geht es weiter, bis wir uns losreissen und uns herzlich verabschieden. Um 19 Uhr werde in der Türkei gegessen, mahnt uns Ayhan. Wenn wir dann doch noch in der Stadt seien, hätten wir uns sofort auf dem Polizeiposten zu melden. Sie hätten dann Feierabend und man werde anschliessend gemeinsam speisen.

Wieder draussen, packen wir unsere Velos und stehen Minuten später auf dem geräumigen Vorplatz einer noch geräumigeren Moschee. Was nun? Es ist nun noch heisser und wir sind unschlüssiger als zuvor. Der Türke nebenan unter dem kühlenden Baum nutzt die Gunst der Stunde, um etwas auf Deutsch zu parlieren – auch er hat wie viele andere ein paar Jahre in Deutschland gelebt und erzählt uns nun ein wenig von seiner Heimat, in die er als Rentner zurückgekehrt ist. So gewinnen wir weitere Zeit, bis plötzlich – wir trauen unseren Augen kaum! – unsere ganze illustre Polizistenschar wieder vor uns steht. Wie haben die uns gefunden?!? Alle drei strahlen selig und erklären ihren erneuten Auftritt damit, dass sie in der kurzen Zwischenzeit bereits das Zettelchen verloren hätten, auf dem wir unsere E-Mail-Adressen notierten! Da steht man also erneut herum (diesmal ohne Tee), parliert über dies und das, und das freudige Wiedersehen wird kurzerhand in eine kleine Stadtbesichtigung ausgebaut: Erst dürfen wir die sehenswerte Moschee aus dem 15. Jahrhundert besichtigen – Yvonne mit der Polizistin Hatice durch den Nebeneingang, wo die Frauen beten, und ich mit dem Herrn Polizist unten den grossen Betraum.

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Wir überlegen uns, wie wir die muntere Polizistentruppe nun langsam loswerden könnten, damit wir endlich über das restliche Tagesprogramm befinden können. Wir verabschieden uns deshalb mit dem Hinweis, dass wir nun noch den schiefen Turm von Aksaray besichtigen würden. Schlechter Plan, denn das Strahlen wird noch grösser! Wir werden angewiesen, an der Strasse bei der nächsten Kreuzung zu warten. Wenige Augenblicke später taucht ein Polizeiauto auf, drinnen mit breitem Grinsen unser Polizeiteam, und munter wird das Polizeihorn betätigt. Wir unterdrücken ein Kichern: Wir auf unseren schwer bepackten Velos im Schlepptau der Polizei durch die Stadt, das muss ein Bild abgegeben haben! Hinter dem Kastenwagen herfahrend, erreichen wir ein paar Blocks weiter in einem Quartier mit schönen osmanischen Gebäuden das krumme Minarett.

Nach einem lustigen Fotoshooting ist unser Wille zur Weiterfahrt definitiv gebrochen. Wir bedeuten unseren liebenswürdigen Begleitern, dass wir uns nun eine Unterkunft suchen würden. Auf eigene Faust dürfen wir das keinesfalls, wir werden wiederum durch die Strassen geleitet, parlieren am Rotlicht mit einem weiteren Deutsch-Türken, der sich über unseren massiven Polizeischutz wundert, und landen letztendlich in einem Hotel, wo uns auch gleich der übliche Preis- und Besichtigungstamtam erspart bleibt – alles ruck-zuck organisiert von deinem Freund und Helfer! Uns zieht es definitiv langsam Richtung Zimmer und Dusche, doch da haben wir die Rechnung ohne die Polizei gemacht. Man hat ja Zeit! Die Herren und die Dame machen es sich in den Sesseln unserer Hotel-Lobby bequem und lassen schon wieder Tee servieren. Als die Truppe dann definitiv abzieht, wird uns nochmals eingeschärft, sich um 19 Uhr auf dem Posten einzufinden.

Mit Duschen, Dösen und Beitragschreiben verstreicht die Zeit bis dahin im Nu, wir verlassen unser Zimmerchen erst knapp vor sieben. Offenbar hat man sich bereits Sorgen um uns gemacht. In der Lobby stehen Adem und Ibrahim, die uns in ihren Polizei-Kastenwagen verfrachten (für uns beide die erste Fahrt in einem Polizeiauto!). Unterwegs holen wir Hatice ab, beim Bäcker wird Brot und beim einem weiteren Geschäft das Essen eingeladen und schon sind wir wieder auf der Polizeistation. Wo wir am Nachmittag in lustiger Runde aufgehört haben, setzen wir die muntere Diskussion beim gemeinsamen Mahle fort. Ohne Besteck wird das Brot in den scharfen Eintopf getunkt, dazu wird Ayran gereicht, ein salziges Joghurtgetränk. Mmmmh!

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Kaum ausgegessen, wir alles weggeräumt, tiptop saubergemacht und schon ist wieder eine riesige Kanne Tee aufgesetzt. Der zweite Ibrahim wird aufgrund eines Missverständnisses meinerseits zu Mr. Guru, was zu einiger Belustigung führt, da dies auf Türkisch irgendetwas mit Frosch zu tun haben muss. Der erste Ibrahim entpuppt sich als musischer Polizist, wagt ein paar Tanzschritte und singt die Schweizer Nationalhymne, welche wir peinlicherweise nicht erkennen. Ayhan und die diversen Mobiltelefone fungieren dabei als Übersetzer, draussen bestaunen wir gemeinsam den Vollmond und plötzlich stehen auch Süssigkeiten in Form von „türkischen Churros“ auf dem Tisch. Wir lachen und reden und tauschen zuletzt unsere Kontaktdaten aus – Ehrensache, dass unsere erste Karte aus China nach Aksaray geht!

So endet ein langer Tag mit einem riesigen Strauss wundervoller Erlebnisse. Als wir im Bett liegen, brummt uns der Schädel und wir können kaum glauben, wie uns geschehen ist. Vielen Dank, teşekkür ederim an Ayhan, Hatice, Ibrahim the Musician, Adem, Mr. Guru Ibrahim, The Boss für eure unglaubliche, herzliche Gastfreundschaft, die uns noch lange in Erinnerung bleiben wird!

1 comment to Ein langer Abend auf dem Polizeiposten

  • Daniel Wulle

    Sightseeing mit der Polizei, erlebt in der Türkei! Habe diese Notiz gelesen im Eintrag der gefahrenen Kilometer und freute mich nun, dies in deinem Bericht zu lesen. Interessant diese Polizei-Geschichte(n)… Danke auch für die neu, eingestellten Fotos. Das schiefe Minarett und „euer“ Polizeiauto im Vordergrund. Toll, diese wunderbaren Begegnungen, die haben euch ins Herz geschlossen! Und ihr auch…

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