Türkiye’ye Hoşgeldiniz

Letzter Mai-Tag 2013, nach über einem Monat verlassen wir heute das Land der antiken Götter mit seinen einsamen Buchten, malerischen Fischerdörfern, Ouzo, Retsina, Moussaka, Sirtaki… Ab Alexandroupoli haben wir einen herrlichen Rückenwind, der uns fast in die Türkei trägt. Die letzten Kilometer dürfen wir nochmals auf der Autobahn zurücklegen – es gibt hier schlicht keine andere Strasse bis zur Grenze. Obwohl praktisch neu, ist eine der Spuren bereits wieder gesperrt: Der oberste Teerbelag löst sich und es tun sich hässliche Löcher auf. Wer weiss, wie lange die Griechen noch Geld zur Reparatur haben und ob sich das lohnt. Wir sehen auf diesen gut 8 Kilometern Strecke auf jeden Fall so gut wie kein Auto.

Die Ausreise aus Griechenland ist innert Sekunden erledigt, wir ergötzen uns anschliessend am riesigen, modernen Duty-Free-Tempel, wo es die Toblerone im Kilopack gibt. Ein Heimweh-Türke mit Aargauer Nummernschild wünscht uns Glück für die weitere Route, wir schwingen uns auf die Sättel und legen die letzten Meter im Niemandsland zurück. Die Strasse wird kurzzeitig zur Schotterpiste, ein Vorgeschmack auf den kommenden Strassenzustand? Dann nähern wir uns dem Fluss Evros, der die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei markiert. Gut gelaunt fahren wir auf die Brückenmitte zu. Hinter uns, also in Griechenland, ist das Geländer adrett blau gestrichen. Vor uns, schon in der Türkei, erstrahlt das Geländer rot. Dazwischen ein Marmorblock mit einer Inschrift, etwas davon abgesetzt auf jeder Seite ein Checkpoint mit bewaffneten Soldaten beider Staaten. Natürlich darf die Fahne nicht fehlen, gleich zwei Stück pro Land ragen in den Himmel. Keck fragen wir den Griechen, ob wir denn ein Foto knipsen könnten? Skeptische Ratlosigkeit, mit etwas Unbehagen gibt er uns jedoch sein Einverständnis, aber bitte vorwärtsmachen! Allein, der Grieche hat die Rechnung ohne den Türken gemacht. Dieser beginnt auf der anderen Seite mit den Armen zu rudern, so geht das doch nicht! Was nun? Es folgt der Slapstik-Moment des Tages: Der griechische Soldat marschiert auf die Brückenmitte zu und hält millimetergenau an der Trennlinie, sein türkischer Kollege tut es ihm gleich. Nun stehen sie da, die Nasenspitzen berühren sich fast, und konferieren, wie mit unserem Anliegen fortzufahren sei. Wir haben Glück, eine Aufnahme wird uns erlaubt. Hier ist es, das Bild mit Seltenheitswert, direkt aus der Hochsicherheitszone Evros:

Ennet dem Fluss dann – so dachten wir – wartet der Spiessrutenlauf: Zollformalitäten, Warenkontrolle und so weiter. Andere Veloreisende sind hier stundenlang gestrandet. Wir warten also brav hinter dem einzigen Auto, das gerade abgefertigt wird, da kommt ein Türke in Zivil und bedeutet uns, wir sollen einfach vorbeifahren. Wir lassen uns nicht zweimal bitten und düsen davon, durch eine stacheldrahtbewehrte Warenumschlagszone zum nächsten Checkpoint. Der Zöllner schaut gelangweilt in unsere Pässe, drückt rasch einen Stempel rein und wünscht uns eine gute Fahrt. Wir können es fast nicht glauben: Rekordabfertigung in weniger als einer Viertelstunde, Foto inklusive. Teschekürler, vielen Dank!

Einige Kilometer später packt uns ein kleines Hüngerchen, da kommt ein Schattenplatz in Form einer Bushaltestelle (Betonsockel mit einem Wellblechdach) gerade recht. Wir verzehren unsere letzten griechischen Leckereien und wollen uns gerade auf den Weg machen, als zwei Buben auf uns zukommen. Sie deuten auf unsere Wasserflaschen, die sie gerne haben möchten. Freundlich, aber bestimmt kommen wir dem Wunsch nicht nach, schliesslich sind wir hier ja nicht in der nordafrikanischen Wüste und es muss niemand verdursten. Wir fahren los und ich staune nicht schlecht, als mir nach dieser kurzen Begegnung bereits die ersten Steine nachgeworfen werden! Wir sind perplex: Sogar in Marokko ist uns das nur ein Mal passiert… Hoffen wir mal, dass das kein schlechtes Omen ist.

Auch an diesem Tag ist es drückend heiss und wir kommen nur dank dem weiterhin kräftigen Rückenwind so gut voran. Die Quizfrage lautet also: Möglichst weit fahren und den Wind ausnützen (morgen kann er schon wieder in die andere Richtung blasen), oder frühzeitig stoppen und sich an Land und Leute herantasten? Wir entscheiden uns für letzteres und fahren von der Schnellstrasse ab nach Keşan, der ersten grösseren Stadt nach der Grenze. Die Suche einer Unterkunft geht nun etwas anders vonstatten: Zuerst wird das Zimmer präsentiert, anschliessend über den Preis verhandelt. Englisch kann hier kaum einer und das Verhandeln ist Sache des Mannes. Also los! Hotel Nummer 1, recht teuer und kein Internet. Nummer 2, etwas gehobener, aber zu teuer. Nummer 3, eine Bruchbude, die in einem Gruselfilm als Kulisse dienen könnte. Nummer 4, uiuiui, Luxusschuppen, ich bleibe gleich draussen. Also zurück zu Yvonne, die immer noch vor Nummer 2 steht. Die zahlreichen Portiers stehen ebenfalls noch da und bedeuten mir, mitzukommen. Wird jetzt der erstgenannte Preis nachverhandelt? Es geht erneut zur Zimmerpräsentation, diesmal fünf Stöcke hoch, wo die Mehrbettzimmer mit Gemeinschaftsdusche untergebracht sind. Und tatsächlich: Hier treffen sich unsere Preisvorstellungen. Wir sind uns einig und schwuppdiwupp, werden unsere unzähligen Taschen von allerhand Helfern ins Zimmer hochgetragen. Wow! Erst jetzt wird uns bewusst, wie gut und günstig wir in Griechenland offenbar jeweils untergekommen sind. Denn zu unserem Erstaunen sind die Hotels hier teurer als im Nachbarland, vermutlich bedingt durch das kleinere Angebot.

Nun haben wir Zeit für die erste Begegnung mit einer türkischen Stadt. Besuchen amüsiert den Discounter, der sich in der Moschee im Erdgeschoss eingemietet hat (gibts bei uns irgendwo einen Aldi oder Lidl in einer Kirche?). Schlendern durch die Gassen mit den vielen Händlern vor ihren Auslagen. Und trinken im Stadtpark… nein, noch keinen Çay, sondern noch ganz griechisch ein Frappé, bevor wir uns frühzeitig in die Federn machen.

Tags darauf gehts früh los. Das Frühstück wird uns extra früh um 6:40 Uhr serviert (wir haben gelernt: alles ist Verhandlungssache). Zu gekochten Eiern, Oliven und Käse flimmern zum ersten Mal Protestbilder aus Istanbul über die Bildschirme. Alle scheinen aufgeregt darüber zu debattieren, wir verstehen leider nur Bahnhof, sitzen dafür bereits um 7 Uhr auf den Rädern. Die Strasse verläuft praktisch schnurgerade durch die hügelige Landschaft, rauf und runter und wieder rauf… Am Mittag haben wir bereits unser nächstes Ziel Tekirdağ erreicht. Die Stadt ist grösser als die vorangehende, aber die Unterkünfte scheinen noch rarer. Also gleiches Spiel, ich mache mich zu Fuss auf den Weg und klappere ein paar Strassen ab. Bei der Rückkehr meiner Tour staune ich nicht schlecht: Da steht Yvonne umringt von türkischen Mädels, ein riesiges Tohuwabohu, Fragen hier und Gekicher dort!

Wie ich später erfahre, wurde Yvonne während meiner Abwesenheit von jungen Mädchen der gegenüberliegenden Schule angesprochen. War es das blonde Haar und die blauen Augen? Ganz aufgeregt und mit frisch gelernten Englischbrocken (die Englischlehrerin winkte uns vom Schulzimmer zu) wollten sie alles von ihr wissen, sich mit ihr auf Facebook befreunden und mit ihren Handys tausend Erinnerungsfotos schiessen. „Oh veri biutiful“ und „please never forget me!“ rufen sie Yvonne zum Abschied zu, bevor sie wieder in ihrer Schule verschwinden. Eine Mathematikprüfung ist angesagt.

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Die hübsche Promenade am Meer lassen wir uns nicht entgehen, ebensowenig die traditionellen Holzhäuser in der Innenstadt. Ansonsten ist die Stadt für ihre Köfte-Lokale und den Anisschnaps bekannt – beides nicht gerade weit oben auf unserer Favoritenliste! Hier werden wir zum ersten Mal mit der aktuellen politischen Situation konfrontiert: Eine junge Studentin spricht uns an und erzählt uns, dass ihre Regierung Leute grundlos verhaften würde. Ob wir vom Gezi-Park gehört hätten? Sie bittet uns, die Botschaft der Protestierenden via Twitter zu verbreiten. Am Abend sehen wir dann auch hier eine (noch kleine) Gruppe Demonstranten. Diese Geschichte ist – leider – noch nicht zu Ende geschrieben…

Eine weitere Etappe bringt uns schon ganz in die Nähe Istanbuls. Ausnahmsweise regnet es und wir sitzen den Morgen erst mal aus, kühler ist es nun ja endlich. Irgendwann haben wir aber genug vom rumsitzen und fahren los. Wir waren durch andere Blogs ja auf den Moment vorbereitet, aber als es bei uns dann so weit ist, ist es noch schöner als gedacht: Wir stehen plötzlich vor unserem ersten MM-Migrosmarkt und freuen uns über das sofort aufkommende Heimatgefühl. Alles wie in echt, nur eben Türkisch-Migros! Natürlich können wir einem kleinen Rundgang nicht widerstehen und prüfen anerkennend das Sortiment – sogar die M-Sélection-Linie gibt es hier! Wieder auf der Strasse, bekommt uns die Kombination von Nässe und den vielen Glassplittern nicht. Einer bohrt sich in mein Vorderrad, ein glatter Durchschlag! Zum Glück hat die Strasse hier einen breiten Pannenstreifen, denn der Verkehr ist nun schon wesentlich dichter, je mehr wir uns Istanbul nähern. Kurz vor dem Tagesziel entdecken wir vor einer Bäckerei einen italienischen Velofahrerkollegen, der unser spärliches Italienisch zu schätzen weiss, mit uns ein langes, lustiges Schwätzchen hält und uns das erste türkische Delight sponsert. Er will heute noch nach Istanbul reinfahren – Respekt! Vor allem, da uns der Bäcker und des Bäckers Kollegen eindringlich vor dem schlimmen Strassenverkehr warnen.

Silivri ist unsere letzte Station vor Istanbul und die Hotelsuche wird offensichtlich immer schwieriger. Hier wird einem allerhand geboten, jedoch im negativen Sinn. Bei der ersten Absteige fürchte ich mich schon bei der Zimmerbesichtigung, dass ich mir Flöhe oder Wanzen einfangen würde. Und das zu einem absurden Preis! Wir haben aber Glück uns finden zufällig am Hafen ein Clubrestaurant (des Lehrerverbands, mutmassen wir), wo auch einige Zimmer vermietet werden. Im Dach des Hauses quartieren wir uns im klitzekleinen Zimmerchen ein, das dafür eine Terrasse mit Meerblick bietet. Apropos Meer: Auch hier hat man sich – wohl mangels anderer Sehenswürdigkeiten – alle Mühe gegeben und eine prächtige Strandpromenade gebaut. Nur leider scheint die Stadt über keine Kläranlage zu verfügen. Schon bei der Einfahrt über die Brücke haut es uns fast vom Velo, eine einzige stinkende Kloake ergiesst sich hier ins Marmarameer. Bei Wikipedia lesen wir, die Küste um Silivri sei mit Istanbuler Wochenendhäusern bebaut. Viel Spass beim Baden!

Die Tatsache, dass die Schnellstrasse nach Istanbul hier keinerlei Seitenstreifen mehr hat, sowie der massive Verkehr veranlassen uns nächstentags, ausnahmsweise nicht in die Pedalen zu treten, sondern gemütlich im Bus Platz zu nehmen. Kaum auf dem Bushof angekommen und etwas ratlos ins hektische Treiben geschaut, werden wir gleich zu einem schon fast abfahrenden Bus gewiesen. Nach Istanbul? Ja, heisst es unisono! Wohin denn genau? Das bleibt leider ein Geheimnis, da sich unser Türkisch- und deren Englischvokabular nur an einer sehr kleinen Stelle überschneiden. Item, alle Taschen und die Velos in den Bauch des Busses verstaut, und Sekunden später sind wir unterwegs. Istanbul, wir kommen!

3 comments to Türkiye’ye Hoşgeldiniz

  • Daniel Wulle

    Die Zollabfertigung lief ja wirklich einwandfrei… Danke für das Exklusiv-Bild! Hammermässig! Yanik fragt, ob es im türkischen Migros auch M-Budget Produkte gibt?!? Die türkischen Teens-Girls neben Yvonne sind härzig…

    • Christian

      M-Budget haben die Türken (noch) nicht kopiert – aber hier ist im Gegensatz zur Schweiz die Migros auch nicht teurer als die Discountgeschäfte, weshalb so eine Billiglinie vermutlich gar nicht sinnvoll ist. Dafür gibts auch eine Kundenkarte à la Cumulus!

  • Petra Wagner

    Yvonne Popstar :-)) Sehr herzige Geschichte! Gute Fahrt euch weiterhin!!

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