Unbekanntes Thrakien

Angesichts unserer mehrheitlich schweizerischen Leserschaft, die seit Wochen unter Kälte, Regen und Schnee leidet, sind Klagen über allzu sonniges und heisses Wetter geradezu vermessen. Tatsächlich kennen wir aber seit Tagen nur das: Sonne, Hitze und blauen Himmel. Blicken wir zurück: Die Weiterfahrt von Chalkidiki ist sehr hügelig und entsprechend fliesst der Schweiss. Wir entscheiden uns gegen einen abendlichen Aufstieg in die Berge und machen Halt im Garten einer schmucken kleinen Bergkirche. Kein Mensch weit und breit und von ganz oben kommt auch kein Einwand. Das Zelt ist eins, zwei aufgestellt und wir geniessen Wein und Pasta zu einem herrlichen Sonnenuntergang. Tags darauf sind wir früh wieder im selben Dorf wie einige Tage zuvor, nun aber in die andere Richtung. Beim Cappuccino gesellt sich einer der griechischen Senioren dazu und prüft anerkennend unsere Räder. Wenig später holt er seine detaillierten Landkarten der Region und gibt uns mit seinem kleinen Englischvokabular Tipps für die Weiterreise. Und erzählt von seinem ultraleichten Karbonrenner, mit dem er an Rundfahrten teilnimmt. Da sitzt man im Hinterland von Saloniki inmitten der bäuerlichen Bergregion und dann das! Die deklarierte Zeit für die Umrundung der Sithonia-Halbinsel kommt uns dann aber trotz Profivelo doch verdächtig kurz vor… 😉

Von der Küstenstrecke nach Osten sind wir wenig beeindruckt. Die Landschaft ist öde und die Sonne brennt gnadenlos auf uns nieder. In Asprovalta quartieren wir uns ein, schlüpfen motiviert in die Badehose und eilen zum Strand – wo uns eine wenig einladende, grüne Brühe erwartet. Dankend verzichten wir aufs Bad und schwitzen klaglos weiter. Dann doch lieber auf die Insel – wir haben ja Zeit und sind flexibel! Nach Thasos sind es knapp 100 Kilometer, die wir am nächsten Tag schweissgebadet unter die Räder nehmen. Unterwegs biegen wir ab zur Therme von Loutra Eleftheron, wo das warme, sulfathaltige Wasser sprudeln soll. Vom Kartenstudium und vom Blog anderer Veloreisender, die 2009 dort waren, wissen wir davon. So ein Kurbad wäre doch eine interessante Abwechslung (wenn auch keine Abkühlung…). Die Einfahrt in den Komplex erinnert dann aber mehr an einen Gruselfilm. Überall liegen Trümmer, die Häuser der Badeanlagen und Beherbergungszimmer sind verlassen und die einzige Begrüssung erfolgt durch eine Handvoll streunender, kläffender Hunde. Etwas weiter hinten soll es einen frei zugänglichen Naturpool geben, dort aber finden wir schon eine kleine Gruppe Griechen im Wasser schwadernd vor. Kur ade, ist ja eh zu heiss, ab nach Kavala! Wir schaffen es gerade noch auf ein extrasüsses Frappé (unserem neuen Lieblingsgetränk – haben wir den Griechen abgeschaut!), bevor die Fähre ablegt. Drüben quartieren wir uns im netten kleinen Hotel einer Holländerin ein und nehmen kurz vor Sonnenuntergang noch ein Bad im tiefblauen Meer, wo sich die bunten Fische im Seegras verstecken. So muss Meer sein!

Wir stellen uns auf kleinere, gemütliche Etappen ein, um die Insel richtig auskosten zu können. Die gut 30 Kilometer in den Süden der Insel sind dann aber „weiter“ als gedacht, so stark bläst der Gegenwind. Das zuvor gebuchte Apartement gefällt uns so gut, dass wir gleich auf drei Nächte verlängern. Zeit, die schönen Strände und Felsen der Insel zu erkunden. Atemberaubend ist der „Naturpool“ Giola: Mitten in der rauen Felsküste hat sich eine riesige, smaragdgrüne Lagune ausgebildet, in die grössere Wellen stetig neues Wasser hereinspülen. Wer springt zuerst? Das Wasser vom aufgewühlten Meer ist schon recht frisch…

Eine Zeitlang haben wir Unbeliebte-Touristendie Naturschönheit für uns allein, ab und zu kommen und gehen ein paar Touristen, die sich aber nicht zum Bade wagen (und umso ungeduldiger darauf warten, dass wir reinspringen). Dann aber ändert die Szenerie. Die Russen kommen! Lärmig macht sich eine Gruppe junger Russen daran, das Territorium zu erobern. Die Vorhut ist ein modelreifes Früchtchen, das sich sogleich in Pose wirft, um von ihrem Macker abgelichtet zu werden. Wir kippen fast vom Felsen, als dieses Schauspiel von einer grossen Welle unterbrochen wird: Barbie wird ganz nass und das mag es gar nicht! Das Ganze wiederholt sich dann x-mal, auch das kaum zwölfjährige Mädchen weiss sich schon adrett in Szene zu setzen. Dass man uns dabei nicht gleich niedertrampelt, ist vermutlich purer Zufall. So haben wir eine Stunde Aufruhr und Rummel, bevor die Karawane weiterzieht. Mal noch schnell den Zigarettenstummel im Pool versenken – man war jetzt ja hier und die nachfolgenden Besucher können einem ja egal sein. Dies war ja nicht die erste Begegnung mit russischen Touristen, aber sie war einmal mehr nicht der angenehmen Art. Lustigerweise gabs kürzlich bei 20 Minuten eine Umfrage zum Thema, das Resultat spricht für sich (Screenshot vom 31. Mai 2013).

Wir lassen die Russen Russen sein und machen uns auch auf den Heimweg. Es ist ja auch höchste Zeit, die Fahrräder mal ausgiebig zu kontrollieren und die Ketten nachzuspannen. Die letzte Station auf der Insel ist Limenas, von wo die Fähre auf kürzerem Weg zurück ans Festland fährt. Auch hier gefällt es uns so gut, dass wir gleich nochmals einen Tag anhängen. Die Türkei kann warten und in den Iran können wir sowieso erst Mitte Juli einreisen, es ist also keine Eile angesagt. Ein Zwischenhalt in Aliki bringt faszinierende Einblicke in den altertümlichen Marmorabbau. Hier wurden mit ausgefeilten und über Jahrhunderte verfeinerten Methoden riesige Marmorblöcke ausgebrochen und mit spektakulären Seilzügen auf Schiffe verfrachtet! Noch heute gibt es auf Thasos Steinbrüche, unsere Fähre am Folgetag ist voller Lastwagen mit tonnenschweren Blöcken des kostbaren Steins.

Die Türkei und somit die EU-Aussengrenze sind nun nicht mehr weit. Wir sind nach der langen Zeit des Faulenzens motiviert und die Kilometer fliegen nur so dahin, natürlich auch dank des spürbar flacheren Geländes Thrakiens. Nicht umsonst war die Region schon zu byzantinischen Zeiten als Kornkammer Konstantinopels bekannt. Wir wechseln vom Hotel ins Zelt, verbringen eine Nacht sogar auf der historischen Via Egnatia, diesem eindrücklichen Bauwerk aus vorchristlicher Zeit. Sie war die erste Strasse der Römer ausserhalb Italiens und verlief vom heutigen Albanien durch Mazedonien, Griechenland bis nach Byzanz. Über 2000 Jahre lang stellte sie die einzige nennenswerte Verbindung der Region dar. Auch viele der heutigen Dörfer und Städte verdanken ihr Sein der Via Egnatia, da sie jeweils an der Route im Abstand einer damaligen Tagesetappe von 45 bis 60 Kilometer aufgebaut wurden. Für den Bau der Strasse wurden 50cm Erdreich abgetragen und planiert. Danach wurde der neue Belag mit stetiger Bewässerung verfestigt und darauf wurden grosse, 15cm dicke Steinblöcke gelegt – sogar einen Mittelstreifen gab es!

Bei der Fahrt über Land bemerken wir auch, dass wir nun allmählich den Kulturkreis wechseln. Hier und da sind in den Dörfern neben der orthodoxen Kirche auch schon Moscheen und Minarette zu sehen. Es sieht nach friedlicher Koexistenz aus, die Realität ist aber offenbar eher ein uninteressiertes Nebeneinander der verschiedenen Kulturen. Alexandroupoli ist die letzte grössere griechische Stadt unserer Reise und wir geniessen ein letztes Mal Feta & Co., denn drüben ruft schon der Börek. Αντίο Ελλάδα, merhaba Türkiye!

PS. Wer erfahren möchte, was uns in Griechenland besonders gefallen hat, und wofür wir eine goldene Himbeere vergeben, klickt am besten auf unsere Rubrik Awards!

1 comment to Unbekanntes Thrakien

  • Daniel Wulle

    Danke für den Einblick. Schön an eurem Erleben teilzunehmen! Vielen Dank für den griechischen Bericht! Endlich wärmere Grüsse aus der Heimat!

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