Thank you for visiting Iran!

Seit ich mir vor zehn Tagen an der türkisch-iranischen Grenze den Stoffvorhang über Oberkörper und Kopf warf, habe ich das Ding nur noch in der schützenden Deckung eines Hotelzimmers oder Privathauses ausgezogen. Des Nachts träume ich davon, dass ich aus lauter Vergesslichkeit „oben ohne“ aus dem Zimmer stürme, was in diesem Land wohl gleichbedeutend wäre, wie wenn bei uns jemand füdliblutt durch die Berner Altstadt flitzt. In unseren ersten Iran-Stunden bin ich also ständig um eine angemessene Verhüllung besorgt, doch bald stellt Christian mit breitem Grinsen fest: Die einzige, die es hier mit dem Hijab so richtig ernst nimmt, ist die Touristin!

Während die gläubigen Frauen in der Türkei unter dem Kopftuch noch ein zusätzliches Stirnband montieren, damit vor dem fremden Manne auch ja kein Haar enthüllt wird, sitzen die Tücher hier vor allem bei jungen Frauen oft so locker, dass sie einem lästigen Feigenblatt gleich gerade noch so knapp am Hinterkopf baumeln. Vorne präsentiert Frau dann keck die aufwändig auftoupierten Stirnfransen, die eben operierte Nase (kein Scherz!) und diverse Sonnenbrillen von Gucci bis Prada.

Der Einstieg in das uns noch unbekannte Land wird uns nicht in bester Erinnerung bleiben. In meinem Bauch rumpelt es noch immer und der wolkenlose Himmel verspricht erneut gnadenlose Hitze. Deshalb steuern wir trotz ein bisschen Wehmut, die Strecke nicht mit eigener Muskelkraft zurücklegen zu können, den Busbahnhof an. Schnell sind für Mensch und Rad zwei Tickets gekauft und unsere Räder kurz darauf im Bauch des Fahrzeugs verstaut. Zufrieden sitzen wir auf unseren Plätzen und warten auf die Abfahrt, da sticht plötzlich ein Mann mit Polizeiabzeichen auf uns zu und wedelt fordernd mit einer hohen Rial-Note. Zwar spricht er kein Wort Englisch, aber wir verstehen nur zu gut: Hopp, hopp, bezahlen! Da wir uns dumm stellen und unsere Anti-Korruptionsgesichter aufsetzen, artet das Ganze in eine regelrechte Affäre aus – inklusive einem laut fluchenden Christian, den ich selten so aufgebracht gesehen habe. Nach gehässigem Herumgefuchtel und der Drohung des Personals, unser Gepäck wieder auszuladen, bleibt uns nichts anderes übrig, als den offensichtlich illegal geforderten Betrag zu zahlen. Zwar reduziert sich unser Korruptions-Obolus nach heftigen Diskussionen mirakulöserweise von 150’000 auf 100’000 Rial, umgerechnet nicht einmal drei Franken. Aber immerhin ist das fast gleichviel, wie das reguläre Ticket kostet, und so sind wir nach allem, was wir Gutes über dieses Land gehört und gelesen haben, erst einmal ziemlich konsterniert.

Vier Stunden und vier Polizei-Checkpoints später (Polizist steigt ein, zeigt mit dem Finger auf uns und sagt: „You! Passport!“) spuckt uns der Bus in Tabriz aus. Die Hitze haut uns fast vom Sattel: Der Velocomputer zeigt 49 Grad! Etwas planlos navigieren wir durch den schweren Verkehr der Innenstadt und halten irgendwo im Zentrum an, um uns zu orientieren. Es vergehen keine drei Minuten, da hält ein Wagen neben uns, heraus winkt ein junger, adrett gekleideter Iraner. Nach den üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin bietet er uns spontan an, bei seiner Familie zu übernachten. Wir sind platt: Einfach so bei komplett fremden Leuten einfallen? Wir tun, was unser Reiseführer in solchen Situationen rät: Just say „yes“! Während Ali* noch kurz von dannen braust, um für seinen neuen Gemüseladen eine Klimaanlage zu kaufen, stehen wir im Schatten einer Hauswand und harren mit gespanntem Grinsen der Dinge, die da kommen. Und staunen nicht schlecht, als innerhalb kurzer Zeit zwei weitere Autofahrer anhalten und uns zu sich nach Hause einladen. Einfach unglaublich!

Was uns in den nächsten 24 Stunden erwartet, berührt uns tief und zeigt eine Dimension von Gastfreundschaft und Offenheit für Fremde, die uns sprachlos macht. Wie sich herausstellt, werden wir bei den wohlhabenden Eltern von Ali einquartiert. Sie wohnen in einem ausladenden Appartement mit stilvollen Möbeln, einem riesigen Flachbildschirm und einer ultramodernen Küche im obersten Stock eines Wohnhauses. Bei unserer Ankunft werden wir herzlichst begrüsst und sofort an den Esstisch geführt. Es ist Mittagessenszeit und wir werden regelrecht gemästet. Ganz verblüfft fragen wir: Ramadan…?!?

Dank dem Umstand, dass Ali und seine sympathische Mutter Shaadi* sehr gut Englisch sprechen, erfahren wir unglaublich viel über das Leben im Iran und die Meinung des Volks zur aktuellen Situation. Da die Menschen de facto zum islamischen Glauben und auch zum Ramadan gezwungen werden, ist die Unzufriedenheit riesig. Egal wer, wo und wann, die Leute halten auch in aller Öffentlichkeit mitten auf der Strasse mit ihrer Meinung nicht zurück. Ein junger Filmstudent, der uns auf der Suche nach einer Sehenswürdigkeit weiterhilft, sagt es am unverblümtesten: I don’t like Iran!

Dabei wäre der Iran, sagen sie quasi unisono, ein wundervolles Land. Wären da nicht die Regierung, die schlechten internationalen Beziehungen und die vielen Verbote und Beschränkungen: Kein Alkohol, keine westliche Musik, keine Parties, keine Barbie-Puppen (naja, kein Verlust), keine Berührungen zwischen Frau und Mann in der Öffentlichkeit, kein Facebook und kein Satelliten-TV (und trotzdem habens alle) und natürlich der Verhüllungszwang für Frauen. „Die einzige Freude, die uns im Alltag bleibt“, meint unsere Gast-Mutter resigniert, „ist das Essen…“ Da Shaadi nach 30 Jahren Arbeitsleben pensioniert ist, hat sie reichlich Zeit und kutschiert uns nach dem Mittagessen zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Christian und ich haben in unserem Leben ja schon einiges an Strassenverkehrssituationenen erlebt, doch auf dieser rasanten Fahrt wird uns Wind und Weh: Wer auf Irans Strassen überleben und vorwärtskommen will, braucht eiskalte Taktik und stählerne Nerven. Shaadi grinst amüsiert ob unseren schockierten Gesichtern und meint, dass sie als autofahrende Frau sowieso nicht für voll genommen werde. Sagts, und drückt aufs Gas.

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Am nächsten Tag besuchen wir den Gemüseladen des Sohns, rüsten Kräuter, scherzen und kochen gemeinsam italienische Macaroni; die Schwiegertochter und Freunde kommen zu Besuch, wir schauen Fotos von unserer Heimat und von Shaadis Europabesuchen an (hoffentlich bald auch in die Schweiz!) und verabschieden uns am späten Nachmittag schweren Herzens von unserer so liebgewonnenen Gast-Mutter und ihrer Familie. Wir spüren, dass uns Shaadi zu gerne noch etwas länger dabehalten hätte, aber wir wollen die unglaubliche Gastfreundschaft nicht überstrapazieren. Zudem kommt ja demnächst unser Schweizer Besuch!

So radeln wir kurz darauf einmal mehr bei Backofentemperatur 16 Kilometer durch die Stadt. Unser Ziel schon fast vor Augen, werden wir erneut abgefangen. Mustafa* ist in der Couchsurfing-Community, hilft uns spontan bei der Hotelsuche und lädt uns später zu Sirup, Obst und Tee ins Haus seines Bruders ein. Was für ein Gaudi: Nach einer rasanten nächtlichen Fahrt durch die Aussenquartiere von Tabriz sitzen wir wenig später wie zwei Zootierchen im pompösen Wohnzimmer des Hauses, während Familie, Nachbarn und wie es scheint die halbe Stadt ein- und ausgeht. Als Mustafa und sein Bruder nachts um zwei Uhr anfangen, Karaoke zu singen und selbstgeschriebene Gedichte vorzutragen, geht auch noch die letzte Zurückhaltung verloren: Fragen auf Farsi und Antworten auf Englisch fliegen hin und her, es wird gefilmt, mit dem Handy fotografiert und wir sind nicht mehr sicher, wer sich mehr über den kulturellen Austausch gefreut hat. Sie oder wir. 🙂

Neben all der Hilfsbereitschaft, der Freundlichkeit und den neugierigen Fragen („What do you think about Iran?“ „How do you like Iran?“) gibt es aber auch Momente, die uns nachdenklich stimmen. Frauen, die von ihrer arrangierten Ehe erzählen, und davon, neben einem anstrengenden Job, dem Führen des Haushalts und der Erziehung der Kinder dem Ehemann am Abend noch den Tee servieren zu müssen. Und dass eine Scheidung trotz allem nicht in Frage kommt. Oder ein junger Mann, der sich beim unserem Anblick wehmütig an die Zeit vor seiner Heirat zurückerinnert, als auch er noch als „Fernradler“ durch den Iran tingelte und nachdenklich meint, das Schlimmste sei es, wenn man aufhöre zu träumen…

Nicht zuletzt deshalb wundert es uns nicht mehr, werden wir an jeder Ecke mit einem Lächeln von Menschen angesprochen: Sei es, um ein wenig Englisch zu sprechen, sei es vielleicht auch, um den Hauch ferner Länder zu schnuppern. Oder manchmal auch einfach nur für ein herzliches Welcome oder Thank you for visiting Iran!

 

* Namen geändert

5 comments to Thank you for visiting Iran!

  • Nicole

    Hi ihr zwei! Das klingt so traurig. Aber genau so habe ichs mir vorgestellt…

  • Emma

    Spannend! Und schön, dass alle Seiten Freude am Austausch haben. An Frau Y. mit dem Schleier kann ich mich allerdings noch nicht so gewöhnen 🙂

  • Christian Neidhart

    Liebe Yvonne, lieber Christian

    Karte aus Esfahan zum Wettbewerbsgewinn eben angekommen! Vielen herzlichen Dank, auch fürs Versprecheneinhalten… Nicht selbstverständlich, wenn man Eure zeit- und kraftfordernden Erlebnisse verfolgt. Wir sind beeindruckt, auch vom spannend formulierten Reisetagebuch. Am 28. d.M. geht es auch bei uns los: Start in der Schweiz, Fahrt nach Istanbul zum offiziellen Beginn der Silk Road Rallye. Treffpunkt Kashgar 25.-27.9.???
    Liebe Grüsse, Monique + Christian N.

    • Christian

      Liebe Monique, lieber Christian,

      Gut zu wissen, dass die Karten angekommen sind – unser Hotelier in Teheran meinte nämlich, sie seien unzureichend frankiert. Dabei hatten wir die Briefmarken höchst offiziell auf der Hauptpost in Shiraz nach eingehender Beratung erworben. 🙂

      Zeitlich sind wir für unser Rendez-vous in Kashgar immer noch im Plan, sofern uns die Chinesen einreisen lassen. In Tadschikistan machen wir uns erneut auf Visa-Jagd…

      Beste Grüsse, Christian

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