Papierlos in Zentralasien gestrandet

Unsere usbekische Pechsträhne startet netterweise schon drei Kilometer vor der eigentlichen Grenze. Eigentlich hätten wir gleich umdrehen und noch ein paar relaxte Tage in Turkmenistan anhängen sollen, haha. Auf einem unscheinbaren Asphaltsträsschen radeln wir in Richtung Landesgrenze, als mir plötzlich dieser hübsche Esel vor die Linse hüpft (na gut, hüpfen ist übertrieben, er war in Tat und Wahrheit recht immobil):

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Doch dies soll leider mein letztes Foto gewesen sein. Denn genau drei Sekunden später gibt das Objektiv den Geist auf. Zack. Einfach so. Ein erster wirklich schmerzlicher Verlust!

Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Dieses O‘zbekiston hat noch einige Überraschungen dieser Art für uns im Köcher. Und so strampeln wir vorerst noch topmotiviert ins neue Abenteuer. Irgendwie fühlt es sich an wie auf der Flucht aus Guantanamo: Bis auf die Zähne bewaffnete Militärs, meterhohe Grenzzäune überwacht von trotzig aufragenden Wachtürmen, zig Checkpoints mit zig Passkontrollen (wie könnten wir denn in den paar Metern seit der letzten Passkontrolle noch schnell eine Fälschung machen?) und die Strasse ist nur noch ein Kiesweg. Ein Wunder eigentlich, dass man uns nicht aus purer Vorsicht präventiv erschossen hat. Die meisten Drogen werden bekanntlich ja auf Fahrrädern ausser Landes gebracht. 😉

Zu unserer grossen Überraschung ist die usbekische Seite der Grenze noch offen – und nicht nur das, nein, es ist sogar noch einiges los in diesem Nadelöhr der Diktaturen. Im Gegensatz zur turkmenischen Seite werden hier noch munter Lastwagen abgefertigt und es herrscht ein geschäftiges Treiben.

Wir treten durch ein eisernes Metalltor und schieben unsere Räder mangels anderer Instruktionen einfach mal auf den Ausgang zu. Kann ja nicht so falsch sein, oder? „STOOOOOOOOOOOPPP!!!!!!“ brüllt es hinter uns, und wir erstarren zur Salzsäule. Der barsche Ton lässt keine Zweifel offen, dass wir gerade etwas sehr, sehr Verbotenes getan haben. Aber was? Oh! Wir haben den Grenzposten total übersehen. ‚Tschuldigung! Das Ding hat ja aber auch nur die Dimension einer leicht ausgebauten Damentoilette…

Wir treten in ein unscheinbares Gebäude mit mehreren kleinen Büros. Im ersten sitzt der Arzt. Gesundheitskontrolle. Er: „Seid ihr krank“? Wir: „Nein“. Er findet das schon mal sehr beruhigend, holt aber dennoch ein futuristisches Gerät in Form einer Plastikpistole hervor und hält es uns an die Stirn. Temperatur in Ordnung, er winkt uns durch: Alles bestens! Da sind wir aber froh.

Wer gemeint hat (wie wir), das sei es nun gewesen, ist kein Kenner der usbekischen Gründlichkeit. Zweite Station ist die eigentliche Zollabfertigung. Während sämtliche unserer Taschen durchleuchtet werden, müssen wir ein mehrseitiges, leider nur in Russisch erhältliches Formular ausfüllen. Und zwar in doppelter Ausführung, bitte! Schade, hat es die Erfindung des Durchschlagspapiers noch nicht bis nach Usbekistan geschafft. Mit Hilfe eines französischsprechenden Usbeken (wir sind erstaunt) und einer netten Russin, die in Turkmenistan arbeitet (wir sind noch erstaunter), schaffen wir es, sämtliche unserer Wertsachen und Devisen korrekt zu deklarieren. Wen es eigentlich so brennend interessiert, dass wir unter anderem 400 Thai Baht mit im Gepäck haben, bleibt für immer ein ozbekisches Geheimnis.

Es ist inzwischen spät geworden. Die Dämmerung bricht herein, und wir schlagen nur ein paar hundert Meter hinter der Grenze unser Zelt auf. Erfreut über die unerwartete Gesellschaft, stürzt sich sofort die gesamte Mückenpopulation des Landes auf unsere leichtbekleideten Extremitäten: Was für ein herzliches Willkommen!

Ein paar Stunden später brechen wir in der Morgendämmerung auf, denn es warten bis Bukhara 100 Kilometer auf teilweise sehr holprigen Strassen. Natürlich haben wir am Abend vorher die gierigen Geldwechsler an der Grenze schnöde ignoriert, was wir jetzt bereuen: Die Sonne brennt einmal mehr unerbittlich, und mit unseren restlichen turkmenischen Münzen lässt sich hier natürlich kein Getränke-Nachschub beschaffen.

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Die zweite schlechte Nachricht ereilt uns bei der Einfahrt nach Bukhara: Auf unserer Hostelsuche werden wir von den beiden australischen Radlern Alex und Eve angesprochen, von denen wir erfahren, dass der von uns angepeilte Grenzübergang nach Tadschikistan geschlossen worden ist (irgendwas mit verschüttetem Champagner soll des Zwists Ursache gewesen sein). Es blüht uns also ein happiger Umweg nach Norden oder Süden: Toll!

Doch es kommt noch schlimmer. Nachdem wir ein hübsches, traditionelles B&B gefunden und auf dem Schwarzmarkt endlich Geld gewechselt haben, krabbeln aus allen Ecken unzählige Fernradler. Auf dem Weg nach China trifft sich in Bukhara offenbar alles, was zwei Räder hat. Einerseits geniessen wir es, plötzlich wieder auf Touristen zu treffen und von der guten Infrastruktur zu profitieren (wir kosten den einzigen Segafredo-Kaffee des Landes, bei dem sogar die italienischen Touristen anerkennend in ein „Aaah“ und „Oohhh“ ausbrechen). Andererseits sind die prächtigen Moscheen hier nur noch für Touristen da, und es fühlt sich nach der chaotischeren, aber lebhafteren iranischen Variante irgendwie auch etwas steril an. Trotzdem geniessen wir Bukhara in vollen Zügen, insbesondere, da wir mit unseren polnischen Radlerkollegen Joanna und Jakub den iranischen Fastenmonat vergessen machen und ausgiebig das lokale Bier testen. Ja, genau so hatten wir uns unseren Usbekistan-Aufenthalt vorgestellt: Nach ein paar gemütlichen Tagen in Bukhara ohne Stress nach Samarkand radeln und uns dann im tadschikischen Dushanbe ein erstes Mal um ein chinesisches Visum bemühen. Falls das nicht geklappt hätte, hätten wir im kirgisischen Bishkek unser Glück versucht.

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Es soll leider anders kommen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich in der Velofahrercommunity die Schreckensnachricht, dass es in Kirgistan seit einigen Tagen für Ausländer nicht mehr möglich sei, ein chinesisches Visum zu beantragen. Kurz darauf die noch beunruhigendere Neuigkeit: In Tadschikistan würden Touristen erst gar nicht mehr zur chinesischen Botschaft vorgelassen. Wir sind schockiert: Von einem Tag auf den anderen scheinen uns in Zentralasien alle Wege zur Weiterfahrt versperrt. Doch der definitive Stimmungskiller folgt erst: Unser Notfallszenario, mit dem Flugzeug nach Hongkong zu fliegen und dort relativ einfach an ein Visum für Festlandchina zu kommen, zerfällt von einer Minute auf die andere in Schutt und Asche. Da China im September eine neue Visaregelung einführt, wurde dieses „Schlupfloch“ offenbar nun auch gestopft. Das kann ja nicht wahr sein: Wir sind in Zentralasien gestrandet!

Wir müssen nicht lange überlegen: Die einzige Möglichkeit, die uns noch bleibt: Schnellstmöglichst in die usbekische Hauptstadt Taschkent fahren, um dort unser Glück zu versuchen. Keine gute Lösung zwar, denn so bleiben uns für die Bewältigung des berüchtigten tadschikischen Pamir Highways maximal 30 Tage, was faktisch nicht ausreicht. Doch es ist unsere allerletzte Chance, und die wollen wir nutzen.

Da uns die Fahrt nach Taschkent per Fahrrad mindestens eine Woche wertvoller Zeit gekostet hätte, buchen wir uns zwei Sitze auf dem nächsten Nachtzug (eine lustige Erfahrung!) und sind 24 Stunden später in Taschkent. Das vor uns liegende Wochenende nutzen wir, um alle notwendigen Dokumente für den Visumsantrag zu beschaffen: Einen Flug nach Ostchina sowie Hotelbuchungen, eine Bestätigung, dass wir einen Arbeitgeber haben, die genaue Reiseroute, einen Bankkonto-Auszug und speziell fürs Chinavisum angefertigte Passfotos (zum Glück schon in Istanbul beschafft), auf dem kein Haar, keine Brille und kein lästiges Lächeln die Sicht auf das Gesicht des Antragsstellers verstellt.

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Am Montagmorgen fahren wir mit der U-Bahn zur Botschaft. Mist, zu spät aufgestanden! Vor uns warten mindestens schon 30 Personen – und zwar in der prallen Sonne. Um 9 Uhr wird die Tür aufgesperrt, und das pure Chaos bricht aus. Zwar scheint es eine Art inoffizieller Schlange zu geben, die wir nicht durchschauen, doch als plötzlich nur noch Studenten eingelassen werden, weiss keiner mehr wer vorher und nachher kam, und es regiert das Faustrecht. Ich glaube, dies ist eine der bisher übelsten Erfahrungen dieser Reise. Als sich Christian von einer vordrängelnden, keifenden Russin nicht abdrängen lassen will, drischt diese mit den Fäusten auf ihn ein. Mir klappt nur noch fassungslos die Kinnlade hinunter: Was für ein Albtraum!

Drei quälende Stunden später, kurz bevor die Botschaft ihre Audienz beendet, schaffen es auch wir als einzige Nicht-Usbeken in die heiligen Hallen der chinesischen Volksrepublik. Zwar gilt es auch hier nochmals eine Viertelstunde anzustehen, denn vor uns abgefertigt wird ein Reiseagentur-Vertreter, der geschätzte 200 Pässe in den Händen hält. Kein Wunder, dauert das Stunden!!! Komplett entkräftet und ohne Hoffnung treten wir endlich an den Schalter, händigen die Dokumente aus und halten den Atem an. Wenn jetzt irgendetwas bemängelt wird und wir unverrichteter Dinge abziehen müssen, geben wir auf, das haben wir uns draussen geschworen. Die Dame hinter dem Schalter wirft einen kritischen Blick. Sie zögert. Deutet auf unser Antragsformular und sagt: Veraltet! Tatsächlich haben wir das Antragsformular 2011, und alle anderen das 2012. Und jetzt? Der Security-Mann besorgt uns zwei neue Formulare, doch plötzlich hat die Dame Einsehen. Sie nimmt unsere Pässe, sämtliche Unterlagen und händigt uns ein kleines Zettelchen aus. Dort stehen irgendwelche kryptischen Nummern und die Dame sagt: „Friday“. Freitag? Ja… und… unsere Pässe? Die brauchen wir doch wieder! Nix Pässe, heisst es, und schon ist der nächste dran.

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Unser Plan, während der Visums-Wartezeit gemütlich nach Samarkand zu radeln und die Stadt in aller Ruhe zu besichtigen, ist damit kläglich gescheitert. Ohne gültigen Pass ist man in Usbekistan ein Sans Papier und kann, wie wir schnell bemerken, weder ein Zugticket kaufen, noch in ein Hotel einchecken, noch Euros in Dollar wechseln. Und so sitzen wir, glücklicherweise in sehr netter Gesellschaft der beiden österreichischen Radler Heidi und Markus, in unserem B&B fest und sind zum Nichtstun verdammt. Als wir uns beim Geldwechseln auf dem Schwarzmarkt auch noch naiv übers Ohr hauen lassen und die Kameratasche in einem Fotogeschäft liegen lassen, sinkt unsere Stimmung langsam, aber sicher auf den Nullpunkt. Eine Reise mit dem Fahrrad verspricht zwar unendliche Freiheit, doch in Tat und Wahrheit sind wir seit dem Iran Sklaven unserer Visa.

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Freitagnachmittag, 13 Uhr. Zweieinhalb Stunden vor Türöffnung treffen wir (nachdem wir es bereits am Mittwoch und Donnerstag erfolglos versucht hatten) erneut vor der chinesischen Botschaft ein. Eine weitsichtige Leidensgenossin hat diesmal clever eine Warteliste erstellt, auf der wir unsere Namen eintragen. Wir stehen an fünfter und sechster Stelle – nicht schlecht! Immerhin haben die Chinesen seit unserem ersten Besuch ein Sonnendach und ein paar Wartesessel montiert, und da sitzen wir nun die nächsten vier Stunden herum und sind nervös wie vor einer Prüfung.

Was wird uns da drinnen erwarten? Werden plötzlich noch mehr Unterlagen gefordert, und wir verbringen weitere Tage papierlos und wartend in unserem Hotel? Erhalten wir ein Visum, aber statt den gewünschten 60 Tagen vielleicht nur nutzlose 15? Oder werden wir gleich ganz abgeschmettert und können den Traum von China definitiv begraben…?

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