Glück, Unglück – alles ist relativ!

Hätten wir uns damals nicht gegen den Abstecher an den blauen Bulunkulsee entschieden, und wären wir am folgenden Tag dank Sturm im Rücken nicht wie die Henker bis nach Murghab durchgefahren, sässen wir heute nicht hier über einer köstlichen chinesischen Nudelsuppe und würden über Glück und Unglück philosophieren… Ja, was ist Glück? Was ist Unglück? Wir wissen nur: Zu viele Konjunktive sind ungesund, und: Der Schein kann trügen!

Unsere langersehnte Dusche in Murghab und wieder mal eine weiche Schlafunterlage sind ein Traum. Gut, das Wasser kann man nur mit viel Enthusiasmus als lauwarm betiteln und ein Bettgestell fehlt, aber wer achtet in so einem Moment schon auf Details! Glück ist eben relativ! Abenteuerlustig wie wir sind, machen wir uns gesäubert und in aufgeräumter Stimmung auf einen kleinen Rundgang durchs Dorf. Sofort befällt uns eine leicht depressive Stimmung. Nein, nicht dass die Menschen unglücklich scheinen oder dreckig oder hungrig. Doch irgendwie haben wir trotzdem das Gefühl, dieses Murghab sei an Trostlosigkeit kaum zu überbieten. Die Frauen pumpen eimerweise Wasser aus den Dorfbrunnen, die Strassen sind staubig und ungeteert und der lokale Basar besteht ganz prosaisch aus umgebauten Schiffscontainern. (Liebe Verantwortliche von Maersk & Co., falls ihr ein paar Container vermissen solltet, geht doch mal nach Murghab!)

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Das Dorf ist ebenso schnell besichtigt wie die Verpflegungslage: Im einzigen Restaurant der Ortschaft geht es wegen einer Hochzeit gerade höher zu und her als uns lieb ist, wir sitzen deshalb wenig später in unserem Hotel glücklich vor je einem Bier, einem frittierten Ei und einer dünnen Brühe inklusive einer (in Zahlen: 1) Kartoffel. Eine Speisekarte gibt es natürlich nicht, und leider hat die Bedienung vergessen zu erwähnen, dass auch Pommes Frites im Angebot wären. Pommes Frites? Das muss ja Monate her sein…! Wir bemerken das Versäumnis spät – aber nicht zu spät – und fallen wie Hyänen über die Kohlenhydrate her. Oh ja, der Pamir beschert uns ein weiteres, schönes Motto: Jede Kalorie zählt!

Je länger der Abend, desto grösser der Ausländeranteil im Speisesaal und gross ist auch das Hallo, als plötzlich ein bekanntes Gesicht auftaucht: Peter, ein in Hongkong lebender Südafrikaner – er war einer der Leidensgenossen in unserem Hostel im fernen Khorog. Doch wenige Minuten später sitzen zwei Schweizer mit extrem langen Gesichtern am Tisch. In einem harmlosen Nebensatz erwähnt Peter, ob wir wüssten, dass die chinesische Grenze wegen einem Feiertag am kommenden Donnerstag und Freitag geschlossen sei (an Wochenenden ist sie sowieso immer zu)? Wir schlucken drei Mal leer, bis wir auch nur ein Wort herausbringen. WAS? Die vier lustigen Holländer am Nebentisch mischen sich in unsere Konversation ein und bestätigen, was wir nicht wahrhaben wollen: Wären wir heute Abend bei der fidelen Hochzeitsgesellschaft geblieben, wären wir langsamer gefahren oder einen Tag länger krank gewesen – wir hätten diese Information nie erhalten und wären Tage später wie die Deppen vor der geschlossenen chinesischen Grenze gestanden und hätten um unser nutzlos gewordenes Visum bittere Tränen vergossen.

Schockiert wanken wir Richtung Bett. Das gibts doch nicht! Da hetzen wir durch dieses Tadschikistan bis zur halben Bewusstlostigkeit, nur damit wir nun den restlichen Pamir Highway hinter geschlossenem Autofenster an uns vorbeiziehen sehen? Wie viel Pech kann man denn haben?!

Wollen wir unsere Chinapläne nicht doch noch beerdigen, gilt es nun also, in nur drei Tagen an der Grenze zu stehen, und dazu gibt es nur eines: Am nächsten Morgen früh einen Jeep anheuern und 300 Kilometer quer durch den Pamir nach Kirgistan jagen. Und zwar bitte ohne Panne!

Als wir tags darauf am Basar stehen und nach Minibussen nach Kirgistan Ausschau halten, ist keiner da. Gefühlte fünfzig Fahrzeuge fahren zurück nach Khorog, doch keiner will mit uns nach Norden. Was für ein Glück, dass wenig später Peter in Begleitung eines anderen Touristen auftaucht und wir uns nun zu viert mit ein wenig Hartnäckigkeit und langem Warten eine bezahlbare Fahrgelegenheit organisieren können. Zwar muss unser Fahrer vor der definitiven Abfahrt noch durch sämtliche Gässchen von Murghab kurven (und das sind erstaunlich viele), doch irgendwann ist genügend Benzin organisiert und per Trichter in den Tank abgefüllt und es kann losgehen.

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Die ersten hundert Kilometer sind ziemlich unspektakulär. Ein kleines Asphaltsträsschen mit den üblichen Schlaglöchern, die unser Fahrer ohne mit der Wimper zu zucken in höllischem Tempo überrollt. Wir beten für unsere Kniescheiben und schielen all paar Minuten gen Himmel: Sollte es ein Fahrrad herunterregnen, dann wäre das dann unseres… Langsam wird die Route steiler und die Strasse zum Schotterweg: Willkommen auf dem 4650 Meter hohen Ak-Baital-Pass! Gerade will ich zu Christian hinüberrufen, dass das Pässchen mit dem Velo ja gar nicht so übel gewesen wäre, da rollen wir schon hinunter auf die andere Seite. Was folgt, ist Horror fürs Velofahrerherz: Kilometer an Kilometer übelster Schotter abgerundet mit der verhassten Wellblechpiste, dazu kommt ein fieser Gegenwind, feuchter Nebel … und was ist das? Eine Schneeflocke! Es schneit – und zwar so dicht wie bei uns im tiefsten Winter. Wir sind beide ziemlich still geworden und starren nur noch fassungslos in den tobenden Schneesturm… So plötzlich hat sich das Blatt gewendet: Was für ein G-l-ü-c-k, dass wir im Jeep sitzen!

Der Schneesturm endet erst am wunderschönen Karakulsee. Ein tiefblauer Bergsee, dahinter die frisch verschneiten Berge und in der Ferne grüsst Pik Lenin auf 7134 m.ü.M. Wir fahren durch eine überirdisch schöne Mondlandschaft mit farbigen Felsen, dampfenden Geysiren und endlosen Kilometern an chinesischem Grenzzaun. Eine unvergessliche Fahrt!

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Der Grenzübertritt nach Kirgistan verläuft für einmal ziemlich reibungslos. Kein Wunder: Während unser Fahrer mit unseren Pässen von Grenzposten zu Grenzposten wetzt, sitzen wir bequem im Fahrzeug und geniessen die Aussicht. Nach sieben Stunden Fahrt trennen sich im kirgisischen Sary-Tash unsere Wege: Peter fährt weiter in die Hauptstadt Osh, während wir unsere Velos vom Dach schrauben und in der erstbesten Beiz erstmal ein herzhaftes kirgisisches Menu bestellen. Welch kulinarische Überraschung: Auch hier wird eine dünne Brühe mit einer (in Zahlen: 1) Kartoffel serviert. Wir wollen doch auf unsere alten Zentralasientage nichts Neues mehr anfangen. 🙂 Die Manti-Teigtaschen hingegen, eine Art gefüllter Strudelteig, schmecken himmlisch!

Als wir wohlgenährt und aufgewärmt ins Freie treten, haut uns das Panorama sprichwörtlich aus den Socken. Im Abendlicht leuchtet eine schier unendliche Kette frisch verschneiter Berge. Die Temperatur ist allerdings frostig geworden: Bei nur mehr fünf Grad montieren wir zum ersten Mal unsere Sturmhaube, doch der tolle Ausblick lässt uns die eisige Kälte einfach vergessen.

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Die Nacht wird ebenfalls eisig, und am nächsten Morgen kratzen wir erstmals Frost von unserem Zeltdach. Doch es wartet ein strahlender Tag mit noch strahlender Aussicht. Einsame Reiter treiben ihre Herden über die Ebene, Jurten sitzen wie Pfefferkörner auf dem Grasland – ja, die 90 Kilometer Kirgistan bis an die chinesische Grenze sind wahrlich ein landschaftliches Highlight dieser Reise.

Die letzte Etappe vor China wird allerdings happig. Es warten zwei platte Pneus und ein Pass auf 3800 Metern. Wir kämpfen uns durch die immer dünner werdende Luft nach oben, bis uns plötzlich ein Lastwagen überholt, der Fahrer wild aus dem Fenster rudernd. Wir winken fröhlich zurück, doch der gute Mann hört nicht auf zu fuchteln. Was will er bloss? Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Anhängen! Laut lachend und juchzend hängen wir uns links und rechts am Fahrzeug an – was für ein Gaudi! Obwohl uns beiden fast die Arme abfallen, purzeln so die letzten 100 Höhenmeter bis zur Passhöhe im Nu dahin. Lastwagenfahrer sind einfach spitze!

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Nach einem Gipfelfoto mit verschneitem Hintergrund sausen wir Kilometer um Kilometer in die Tiefe, ächzen uns einen letzten Pass hoch und stehen dann, nach 179 Tagen, 7300 Kilometern und 62’000 Höhenmetern endlich (und rechtzeitig) vor dem Ziel unserer Reise: China. Was für ein Glück!

Oder doch nicht…?

5 comments to Glück, Unglück – alles ist relativ!

  • emu

    Von Chengdu ist das Tal mit den Tempeln (taoistisch und buddhistisch), worin man auch übernachten kann, sehenswert. Allerdings im Tal zu Fuss. Wichtige Frage: In welcher grossen Chinastadt seid ihr nach Chengdu? e

    • Christian

      Nach Chengdu fahren wir südwärts weiter – Chongqing, Kunming, Hongkong? Und dann ab nach Südostasien!

      Kommst uns besuchen? 😉

    • Yvonne

      Meinst du Qingcheng Shan…? Zum Glück gibts Google! 😉

      Seit China verfolgen wir eine ziemlich rollende Planung, wir sind also noch total offen für Tipps von erfahrenen Reiseführern aus der Schweiz. 🙂

  • Glück

    Glücklich sind, die mit dem Fahrrad reisenden bis an China’s Grenze bewahrt bleibenden, zwei unglaublichen Eidgenossen – ganz unverdrossen gehen sie ihre Reise mit variantenreicher Speise – bis zum Ziel kein leichtes Spiel! Unglück sei euch ferne, genießt jeden Augenblick gerne!

  • Peter Grupp

    Gratuliere, unglaublich, was ihr geleistet habt! Ich freue mich für euch.
    LG aus dem Herbstnebel – Peter

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