Und es ward Stille

Unsere letzten chinesischen Yuan wechseln wir kurz vor der Grenze in laotische Kip und haben danach Faktor 1300 an Geld in der Tasche. Mit einem finalen chinesischen Schlemmermahl in den Bäuchen fahren wir an die Grenze, hoch über unseren Köpfen gondeln gemütlich ein paar dicke, schwarze Cumuli. Als wir unsere Velos am Grenzposten abstellen und es wie auf Knopfdruck herunterleert, sind wir dann aber doch etwas überrascht. Schnell flüchten wir ins Innere, erledigen innert Minuten die Ausreiseformalitäten und stehen dann mit allerlei Chinesen und Laoten unter dem Glasdach und warten, bis das Gewitter weiterzieht. Nachdem der Regen von „In-Sekunden-bis-auf-die-Unterhosen-nass“ in „Fieser-Sprüh-Niesel“ gewechselt hat, zaubern wir unsere Regenjacken aus der Tasche und fahren durch ein pompöses Tor hinein ins laotische Reich. Und eines fällt uns nach der Grenze sofort auf:

Es herrscht Stille.

Leise quakt der Frosch. Dezent raschelt die Palme. Fröhlich piept der Vogel. Doch ansonsten ist tiefe Stille. Der Bergbach gurgelt in Laos noch unverschmutzt und der Urwald ist unberührt. Beschwingt nehmen wir die perfekt geteerte Strasse unter die Räder, winken den Kindern am Strassenrand zu, freuen uns über das herzliche Lachen der Einheimischen und die komplett hupfrei vorbeifahrenden Autos. Dass es sowas gibt! Doch abrupt werden wir aus der Idylle gerissen. *HUUUUUUUUUUUUUP!*. Och nein, was ist denn das? Natürlich, ein chinesischer Reisecar!

Unsere erste Übernachtung in Laos kommt uns himmlisch unkompliziert vor. In einem kleinen Dorf finden wir eine motelähnliche Anlage, die Frage auf Englisch nach dem Preis wird problemlos verstanden und hier braucht man auch keine Angst mehr zu haben, als Ausländer abgewiesen zu werden. Sogar im Dorflädeli kann die Frau den Preis auf Englisch sagen. Wow! Noch verblüffter sind wir ob der Strassenqualität. Seit unserem letzten Besuch vor drei Jahren ist offenbar einiges gegangen. Aus der Rumpelpiste mit langen Schotterabschnitten ist eine perfekt asphaltierte Strasse geworden, freundlich gesponsert von den Chinesen. Dass der grosse Nachbar dahinter steckt, ist unverkennbar: Die gleich blöden Rüttelstreifen (so heissen die wirklich!) am Boden, die der gemeine Truck- und Autofahrer nicht ansatzweise wahrnimmt, aber dafür den armen Velofahrer durchrütteln – und der Gipfel: An besonders unübersichtlichen Ränken prangen Hupschilder. Heisst so viel wie: Hier bitte hupen. Chinesischer Kulturimperialismus pur!

Die einfachen Bambushütten kommen uns weniger bambushüttig vor als damals, die dünne Infrastruktur bezüglich Snacks und Mittagessen bemerken wir dank der guten Strasse nicht: Wir rauschen nur so dahin. Brandneu eröffnete Tankstellen glänzen um die Wette und in einem Dorf werden wir Zeugen des ersten soeben aufgestellten Geldautomaten. Wir denken: Hey, in Laos, da geht was!

Haha. Als wir am nächsten Morgen in Oudomxai losfahren, ist von der perfekten Strasse nichts mehr zu sehen. Der Asphalt ist von Löchern übersät und in der ersten Kurve treffen wir bereits wieder auf Schotter. Der chinesische Kulturimperialismus hat offenbar lieber die Durchgangsstrasse nach Thailand als die Strasse in die laotische Hauptstadt geteert. Bringt mehr ein. Wie anno dazumal geht es nun endlose Kurven steil und schottrig den Berg hinauf. Denn, bewahre, der Laote baut eines ganz sicher nicht: Tunnels. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 1500 Dollar (Schweiz: > 80’000 Dollar) liegen die Prioritäten verständlicherweise an einem anderen Ort. Trotz üblen Strassenverhältnissen und mehr als 1400 zu bewältigenden Höhenmetern sind wir guten Mutes: Letztes Mal sind wir in diese Etappe wegen Wartens auf einen Velomech, der einen Speichenbruch reparieren kann, erst um 11.30 Uhr gestartet und am Zielort mit unzureichender Stirnlampe in tiefer Dunkelheit angekommen. Diesmal, schwören wir uns, soll es anders werden! Wir starten um acht Uhr und wähnen uns auf der sicheren Seite. Es geht zwar 40 Kilometer quasi nur den Berg hinauf und heiss ist es auch, aber wir machen trotzdem hier und da ein Foto, immer mal wieder eine Rast und kehren sogar in einer kleinen Beiz ein. Auch hier ist alles beim alten: Ein paar Brocken Klebreis, ein gebratenes Ei und eine versalzene Nudelsuppe (pardon, „Fö“) – Laos ist noch immer kein kulinarisches Paradies. Als wir den vermeintlichen Gipfel erreichen und es doch hinter jeder Kurve noch weiter hinaufgeht, sind wir langsam ein bisschen irritiert. Es folgt Hügelkette um Hügelkette, Dorf um Dorf, und keine Abfahrt ist in Sicht. Bereits bricht die Dämmerung ein, während in den Hütten unter leisem, geheimnisvollem Glockengeklingel das Suppenhuhn geschlachtet wird.

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We love Schotter! Dieser da ist allerdings noch harmlos

Als dann endlich die ersehnte Abfahrt auftaucht, können wir nicht wirklich aufatmen. Noch knapp zwanzig Kilometer sind zu bewältigen und wegen den vielen Schotterabschnitten kann man es nie rollen lassen. Langsam wird es dunkel und unser Ziel ist immer noch nicht in Reichweite. Konsterniert montieren wir die Stirnlampen und fahren ein zweites Mal in unserem Leben in Dunkelheit in Pak Mong ein. Zwar gibt es jetzt ein viel schöneres Hotel und gar ein Strassenrestaurant mit englischer Karte (heyhey!), doch Pak Mong haben wir immer noch nie bei Tageslicht gesehen. Grrrrrrrrr!

Die Strecke von Pak Mong nach Luang Prabang ist ein einziges Auf und Ab. Wir fahren dem idyllischen Fluss Nam Ou entlang und wundern uns wie eh und je über das Mysterium, dass laotische Kinder Ausländer schon von weitem förmlich riechen können. Während chinesische Kinder mit sich selbst viel zu beschäftigt waren, können wir hier noch so still und unauffällig in ein Dorf rollen, es stehen garantiert schon zig Kinder am Strassenrand und rufen enthusiastisch „Sabaideeee, Sabaideee“! He ja, fährt einmal so ein Fremder vorbei, will man den auch ausgiebig geniessen! Wir hingegen sichten in Minibussen, auf Töffs und sogar auf Velos zunehmend weisse Haut. In Luang Prabang wird es dann so richtig arg: So viele westliche Menschen auf einen Haufen haben wir zuletzt im usbekischen Bukhara gesehen. Am Anfang geht es mir wie den Chinesen: Ich muss sie alle anstarren! 😉

Irgendwann gewöhnen wir uns an die weissen Bierbäuche und die Touristenmassen und freuen uns, bei einem feinen indischen Essen die beiden Schweizer Tandemradler Alena & Marcel sowie einmal mehr Heidi & Markus aus Österreich zu treffen. Mit dem Gründer von Big Brother Mouse und einem seiner laotischen Mitarbeiter, der zum ersten Mal auf ein Mountainbike sitzt, unternehmen wir zudem einen Ausflug an die bekannten Tad-Sae-Wasserfälle, wo wir uns dank unserer lokalen Begleitung gar trauen, mitten im Urwald zu baden. Grossartig!

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Dabei nutzen wir die Gelegenheit, aus erster Hand mehr über Laos zu erfahren. Zum Beispiel wundern wir uns, weshalb in Luang Prabang auch heute noch Strassen oder öffentliche Gebäude auf Französisch angeschrieben sind? Sasha von Big Brother Mouse lacht nur gequält: Die Ex-Kolonialmacht lasse zugunsten der Regierung ein ansehnliches Sümmchen springen, damit laotische Schüler Französisch lernen, erzählt er. Was es ihnen bringt? Nichts. Hauptsache ein bisschen französischer Kulturimperialismus für eine gesunde französische Nationalpsyche! Ebenfalls kommen wir auf den vermissten laotischen Bürgerrechtler Sombath Somphone zu sprechen, der vor einem Jahr unter mysteriösen Umständen von der Bildfläche verschwand… Ja, dass die kommunistische Volksrepublik Laos keine Demokratie mit Meinungsfreiheit & Co. ist, musste auch die Schweizer Leiterin des Helvetas-Büros in Laos bemerken. Sie wurde wegen angeblich regierungskritischen Äusserungen kurzum des Landes verwiesen und so wundert es auch nicht, dass Big Brother Mouse jedes seiner harmlosen Kinderbücher den Behörden vor der Publikation zur Genehmigung vorlegen muss.

Ein weitaus schockierenderes Kapitel des Landes erschliesst sich jedoch bei einem Besuch im UXO (Blindgänger) Museum. Dass Laos das meistbombardierte Land der Welt sein soll, erfüllt uns zuerst mit Verwunderung. Doch die Zahlen sind erdrückend. Zwischen 1964 und 1973 wurden über 2 Millionen Tonnen Bomben auf Laos abgeworfen. Einige behaupten sogar, über Laos seien mehr Sprengköper gefallen als auf Deutschland und Japan während des gesamten Zweiten Weltkriegs. Ungefähr ein Drittel des tödlichen Materials, geschätzte 80 Millionen Blindgänger, ist dabei nicht explodiert und „verseucht“ auch heute noch ein Viertel der laotischen Dörfer. Wer hat das getan? Und weshalb? Was damals nicht einmal der amerikanische Senat wusste, ist auch heute noch den wenigsten bekannt: Amerikas geheimer Krieg in Laos mit bis zu zwei Millionen Opfern steht in keinem Geschichtsbuch. Der ARTE-Film zu diesem Geheimkrieg der CIA hat uns nachhaltig erschüttert. Was hier im Namen der Demokratie geschehen ist, lässt einem mit Grauen zurück. Und bis heute hat die USA keinerlei Wiedergutmachung an die Zivilbevölkerung geleistet.

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Nach eindrücklichen, aber auch erholsamen Tagen in Luang Prabang brechen wir auf nach Thailand. Damit wir dieselbe Schotterstrecke nicht nochmals zurückfahren müssen, entscheiden wir uns für eine zweitägige Bootsfahrt auf dem Mekong. Die Anlegestelle ist viele Kilometer ausserhalb der Stadt und natürlich nur auf Laotisch angeschrieben. Alle anderen nehmen ja auch ein Taxi. Als wir den Ort eine Viertelstunde vor Abfahrt immer noch nicht gefunden haben, werden wir langsam nervös. In letzter Minute erreichen wir die Schiffsanlegestelle, stossen unsere Velos über einen Dreckweg die steile Böschung zum Fluss hinunter, und fast hätte eine meiner Vordertaschen im Mekong seine letzte Ruhe gefunden. Die Halterung reisst und das Ding rugelt fröhlich in Richtung Wasser. Mit einem beherzten Hechtsprung kann ich meine Habseligkeiten vor den Fluten retten. Dass wir unsere Taschen und Velos über eine schmale, schlitterige Holzplanke aufs Schiff hieven müssen und die Velos unangebunden auf dem Bootsdach mitgondeln, kann uns danach nicht mehr gross aus der Ruhe bringen.

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Ein paar Mal setzt unser Herzschlag allerdings schon aus, wenn der Bootsfahrer allzu keck durch die Stromschnellen manövriert und sich das Schiffsdach mit unseren Velos gefährlich weit zur Seite neigt. Aber wir sind zufrieden, nicht die umgekehrte Strecke fahren zu müssen. Flussabwärts von Thailand kommend, stapeln sich die Touristen in den Booten mit einer Beinfreiheit in bester Flugzeugmanier, während in unsere Richtung die Kähne fast leer sind. Da wir erst kurz vor Sonnenuntergang im Grenzort Huay Xai ankommen, übernachten wir noch auf der laotischen Seite. Thailand ist nah; man kann es förmlich riechen. Auf der anderen Seite stehen prächtige Tempel und anstatt in löchrigen Bambushütten wohnt man in hübschen Häusern aus Teakholz. Im Fernseher unseres Hostels läuft Thai-TV mit einer Berichterstattung über die politischen Proteste in Bangkok. Der Besitzer dreht sich sichtlich amüsiert zu uns um und meint breit grinsend: „Hähä… Thailänd… Democracy!

1 comment to Und es ward Stille

  • Daniel Wulle

    Diesen Bericht habe ich an unserem neuen Digital-TV via Internet gelesen und die zuletzt eingestellten Fotos angesehen. Baden im Urwald ist sicher ein Erlebnis. Auf die Schotterpisten könntet ihr sicher verzichten und die Flussfahrt war abenteuerlich. Morgen startet ihr einige Stunden vor uns ins neue Jahr, über 9 Monate seid ihr nun unterwegs. Macht es weiter gut! Bis irgendwann im 2014!

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