1864 Kurven ins Paradies

Zwei Wochen nur dauert unser Kurzbesuch in Laos, die Hälfte davon verbringen wir im gemütlichen Luang Prabang. Umso mehr gelüstet es uns nach zwei Tagen auf dem Boot, wieder mal in die Sättel zu steigen. Früh aus den Federn, Power-Frühstück und schon stehen wir am Ufer des Mekong, bereit für die Überfahrt ins Land des Lächelns. Nur: Die laotischen Grenzbeamten schlafen noch! Zwar warten unten am Fluss schon die Fährboote, aber das kleine Büro, wo wir unseren Ausreisestempel kriegen sollen, ist noch verriegelt. Wir warten also erst mal – nicht umsonst behaupten böse Zungen, Lao PDR (Demokratische Volksrepublik Laos) hiesse nichts anderes als Please Don’t Rush“. Etwas später queren wir den Fluss ziemlich abenteuerlich auf einem schmalen, hölzernen Kahn. Nur zwei Wochen später übrigens wäre es einfacher gegangen, erfahren wir auf dem Boot von einem thailändischen Uniprofessor, der nach drei Jahren China nach Hause reist: Über die neue, gewaltige Brücke, deren Eröffnung wir somit knapp verpasst haben.

Ennet dem Mekong warten Heerscharen von Touristen auf die Überfahrt nach Laos. In der Gegenrichtung sind wir fast die einzigen. Rasch erhalten wir unseren Einreisestempel und schon stehen wir wieder auf der Strasse – ganz am linken Rand natürlich, denn nun herrscht Linksverkehr! Unsere Rückspiegel wandern von links nach rechts, wir hingegen schauen noch tagelang immer erst auf die falsche Seite, nur um dort nicht unseren gewohnten Blick nach hinten werfen zu können.

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Landschaftlich unterscheidet sich die Region kaum von der laotischen Seite, und doch spürt man den enormen Unterschied der beiden Länder sofort. Die Tempel sind zahlreicher, pompöser und farbiger als in Laos. Auch auf dem Land erblicken wir oft prachtvolle Häuser aus Teakholz. Zu Fuss geht kaum jemand, alle sind motorisiert unterwegs, am liebsten in einem Toyota Hilux. In jeder noch so kleinen Stadt gibt es zig Banken und eine Vielzahl an Supermärkten, allen voran die allgegenwärtigen, auf arktische Temperaturen heruntergekühlten 7-Eleven-Filialen. Am Strassenrand wartet alle Kilometer ein hübsches Bushäuschen, das uns viele schöne Pausenmomente beschert und uns in den ersten Tagen bei fiesen Spontanregengüssen Zuflucht bietet. Das Essen ist vielfältiger, die Auswahl grösser und plötzlich treffen wir überall auf herzige Cafés mit frisch gerösteten thailändischen Bohnen. Nach langer Reise durch Schwellen- und Entwicklungsländer hat uns die „Zivilisation“ wieder: Seit der Türkei ist das Reisen nie mehr so komfortabel gewesen.

Unser erstes Ziel in Thailand ist Chiang Rai. Obwohl bereits 1262 gegründet, gibt es hier gibt es ausser einem kitschigen Uhrturm mitten in einer Strassenkreuzung so gut wie nichts zu sehen. Uns macht das herzlich wenig aus, wir richten uns in einem ruhigen Guesthouse gemütlich ein und pendeln zwischen den Strassenmärkten, Tempeln und Cafés hin und her. Und natürlich schauen wir uns abends das Uhrturm-Spektakel an: Zu pompöser Musik und einer grellen Lichtshow erhebt sich im Innern eine Lotusblüte, während rundherum die Motorroller, Autos und Tuk-Tuks vorbeilärmen. Heureka, das hätte Tinguely nicht besser hingekriegt!

Auf dem Weg nach Chiang Mai machen wir erstmals Bekanntschaft mit den nordthailändischen Bergen. Wir sind uns von der Türkei, Zentralasien und China mittlerweile ja einiges gewöhnt, aber wer hätte gedacht, dass uns diese hügelige Region so arg ins Schwitzen bringen würde! Zwar geht es kaum je über 1500 Meter Höhe hinaus, aber die Strassen winden sich in unendlich vielen Kehren auf und ab. Erschöpft erreichen wir abends jeweils schmucke Dörfer: Tha Ton mit seiner weitläufigen Klosteranlage hoch über der Ortschaft, von wo man einen herrlichen Ausblick über das breite Tal mit dem Mae-Kok-Fluss hat. Chiang Dao am Fusse des dritthöchsten thailändischen Berges, wo wir weit ausserhalb des Dorfes ein kleines, einfaches Bambushüttchen finden und gleich ein paar Tage hängenbleiben, Höhlen erkunden und die köstliche thailändische Küche geniessen.

Ein Gedicht: "Stir Fried Tofu In Garlic and Pepper Sauce Served with Pineapple Ring & Cucumber"

Ein Gedicht: „Stir Fried Tofu In Garlic and Pepper Sauce Served with Pineapple Ring & Cucumber“

Wie das Wiedersehen mit einer alten Bekannten fühlt sich die Einfahrt in Chiang Mai an. Lebhafte Märkte in verwinkelten Gassen sowie lauten Verkehr treffen wir schon ausserhalb der historischen Mauern an. Der Nachtmarkt ist inzwischen zwar eine veritable Touristenfalle ohne jeglichen Charme geworden, dafür geht es im Altstadtbezirk so gemütlich wie eh und je zu und her. Hinter jeder Ecke versteckt sich ein bunt schillernder Tempel, in lauschigen Gärten lässt es sich unter einem Blätterdach gediegen für fast kein Geld speisen und am Abend verwandelt sich so manche Strasse in einen regsamen Markt, auf dem allerhand Krimskrams verkauft wird. Und natürlich das Essen, des Thais liebstes Hobby! Da dieser Tage auch der 86. Geburtstag von König Bhumibol gefeiert wird, ist Chiang Mai festlich geschmückt und Yvonne wird an einer Freiluftausstellung zu Ehren des Königs von einer Handvoll Studentinnen sogar zum Videointerview geladen. Wir wissen nun, dass der König seine Jugend in der Schweiz verbracht hat – wer hätte das gedacht!

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Long live the King!

Nach einer Woche voller kulinarischer Höhepunkte wölben sich unsere Bäuche schon bedrohlich und wir beschliessen, auf dem Weg in den Süden doch noch einen kleinen Umweg zu machen. Auf zum berüchtigten „Mae Hong Son Loop“ im äussersten Nordwesten Thailands! 1864 Kurven sollen es allein auf der Strecke zwischen Chiang Mai und Mae Hong Son sein, wie man auf den stolz getragenen Erinnerungs-Shirts der thailändischen Touristen lesen kann. Für einige soll ja schon die kurvige Fahrt im Minibus eine Herausforderung sein! Wir bringen es mit unserem Slalomkurs bei extremsten Steigungen auf ein Vielfaches der 1864 Kehren und legen zwischendurch sogar eine spontane Zeltnacht ein, weil wir die heftigen Anstiege unterschätzt haben. Da schätzen wir es, dass die Feuerwehrleute mitten im Urwald einen Stützpunkt an bester Lage mit toller Aussicht eingerichtet haben. Unser Zelt dürfen wir mitten in einer Haarnadelkurve auf einem piekfein gemähten Rasen aufstellen und schon bald löffeln wir ein wahrlich internationales Menu: Pasta aus Tadschikistan, dazu eine Pilzcrèmesuppe aus der Türkei. Was man in so einer Radlertasche nicht alles findet!

Seit langem sind wir erstmals ohne unmittelbare Visumssorgen unterwegs und haben keine Deadline im Nacken. Wir teilen darum unsere Rundfahrt auf und verbringen zwischendurch einige Tage in einem wahren Paradies: Willkommen im Waldkloster Tam Wua!

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Ziemlich abgekämpft nach einem langen Tag und einem neuen Höhenmeterrekord von über 1700 Metern biegen wir am späten Nachmittag in ein schmales Strässchen ein und finden uns bald in einer stimmungsvollen Lichtung mit gepflegtem Rasen wieder. Leise gluckert der Bach, im Fischweiher tanzen die Wasserspinnen im Abendlicht und in der Ferne zwitschern die Vögel von den bewaldeten Karstfelsen herunter. In den nächsten Tagen werden wir das eingespielte Radlerdasein aufgeben und uns einem anderen, nicht minder herausfordernden Tagesablauf unterwerfen: Wir erhalten Einblick ins Leben eines thailändischen Waldklosters und lernen dabei Vipassana-Meditation. Ein Abenteuer der ganz anderen Art! Als erstes tauschen wir unsere farbigen Veloleibchen gegen die für Novizen üblichen weissen Kleider ein und werden danach in unsere jeweiligen Kämmerchen gewiesen. Nach einer kurzen Einweisung ins Klosterleben sinken wir früh ins Bett auf die Matte, denn am Morgen geht es zeitig los!

Schnell gewöhnen wir uns an die neue Routine und widmen uns so ganz anderen Dingen, als wir es uns aus unserem Veloalltag gewohnt sind. Dank der magischen Lage in totaler Abgeschiedenheit und den hilfreichen Instruktionen des lehrenden Mönchs gelingt es auch einem Debütanten wir mir, schon bald die alltäglichen Ablenkungen hinter sich zu lassen und sich ganz der Übung von Achtsamkeit hinzugeben. Auch das vierzigminütige Sitzen im Schneidersitz gelingt ganz passabel. Dafür sind die Essenszeiten für den auf maximale Kalorienzufuhr getrimmten Radlermagen eine Herausforderung: Nach 12 Uhr mittags wird bis zum nächsten Morgen keine feste Nahrung mehr aufgenommen. Entsprechend gross ist der Ansturm auf den im Speisesaal angebotenen Tee, Kaffee und die Ovomaltine – die Zuckerdose auf der Theke ist regelmässig leergeräumt.

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Der Tagesablauf im Waldkloster Tam Wua: Auch beim nachmittäglichen Laubwischen sind wir mindful

Dreimal täglich meditieren wir in der Gruppe, dazwischen bleibt genügend Zeit, um sich an der Schönheit der Klosteranlage inmitten der pittoresken Karstfelsen zu erfreuen. Sei es bei einem Spaziergang zur Meditationshöhle am Fuss der Berge oder um den Lotusteich – die Zeit scheint hier langsamer zu gehen. Die stetige Beschäftigung mit irrelevanten Neuigkeiten und das Nachdenken über banale Alltäglichkeiten treten zusehends in den Hintergrund. Zeit und Raum für die Gelegenheit, über die grossen Lebensfragen zu sinnieren – vielleicht sogar mit einem Besen in der Hand beim Laubwischen. Vor den beiden Mahlzeiten des Tages dürfen wir den Mönchen das Essen darreichen, bevor wir selber beim hervorragenden vegetarischen Buffet zugreifen. Auch wenn der Abt mit seinen Anekdoten dabei manchmal etwas abschweift und zu keinem Punkt kommt – recht hat er mit seinem oft wiederholten Spruch: „Meditation Vipassana, happyyy happyyyyyy!“

Happy verlassen wir nach einigen Tagen dieses Kleinod, denn zwischen hier und dem äussersten südlichen Ende des Landes liegen ja noch einige Kilometer. Eine kurze Etappe bringt uns nach Mae Hong Son, wo wir uns unter die vielen thailändischen Besucher mischen, einen „Kurvenabsolvierer“-Aufkleber erwerben und uns in einer Strassenküche am See wieder an den lärmigen Alltag ausserhalb der Klostermauern gewöhnen. Willkommen zurück im Radlerleben!

3 comments to 1864 Kurven ins Paradies

  • Alexander

    Ich freu mich schon, wenn ihr dann mal wieder nach Hause kommt und von euren Abenteuern live erzählt.

    Aber was soll ich dann lesen….?!?

    Vielen vielen Dank für die vielen kurzweiligen Pausen vom Alltag!

  • Mister happyy happyyyy

    *rofl* sehr schön

  • Daniel Wulle

    So, so, gewölbte Bäuche bei euren muskulären, durchtrainierten Staturen! Königsfest und Klostererlebnisse und Kurvenfestival und Höhenmeter-Rekorde. Höhepunkte aneinander, beeindruckend das Tagesprogramm im Kloster…

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