Thailand im Zeitraffer

Verrrückt: In Ranong haben wir schon fast 2500 Kilometer auf thailändischem Boden erradelt. Bis zum Grenzübertritt nach Malaysia sollen nochmals rund 700 dazukommen. Damit legen wir im Königreich des Lächelns eine weitaus grössere Distanz als in China zurück – wer hätte das gedacht! Trotz 60-Tages-Visum, das wir sogar noch verlängern mussten: Wir könnten problemlos noch ein paar Wochen anhängen. Vielfältig das Land, freundlich die Menschen, lecker das Essen: Da wird es auch nach so langer Zeit nicht langweilig.

Wir fahren vom Dschungel durch Zuckerrohr- und Sonnenblumenfelder, vorbei an Kokoszuckerfabriken, Meeressalinen und Garnelenzuchtbecken, sausen durch endlose Kautschuk- und Palmölplantagen, lassen uns vom Wind auf schmalen, palmenbewachsenen Küstensträsschen nach Süden tragen. Haben wir zum Wetter nördlich von Bangkok noch „sonnig, angenehm warm“ notiert, heisst es ab unserem Stopp in der Hauptstadt dann „sonnig, sehr heiss“. Bei der Querung von der Ost- zur Andamanenküste erleben wir einen Platzregen von genau 2 Minuten Dauer – es soll der einzige Niederschlag seit den weit entfernten nordthailändischen Bergen bleiben. Danach heisst es in unseren Wetterbeobachtungen „Wüstengefühle kommen auf“, „seeeehr heiss“ oder einfach nur noch „ächz!“.

P1120381aDa lernt man gewisse Dinge sehr zu schätzen, zum Beispiel den allgegenwärtigen 7-Eleven. Über 7200 Filialen dieser kleinen Supermärkte soll es in Thailand geben. Gut möglich, dass man in einer Strasse vor einer Filiale steht und in der Ferne bereits die nächsten vier dieser Läden sieht! Uns solls recht sein, denn oft sind wir froh um eine kurze Pause und ein erfrischendes Getränk in diesen Klimainseln. Speziell der Eiskaffee im beängstigend grossen „Super-Cool“-Becher hat es uns angetan: Nach diesem Zuckerschub fliegen wir in der Bruthitze die nächsten paar Kilometer nur so dahin. Nicht ungefähr lautet der Slogan: „Oh Thank Heaven for 7-Eleven“!

Neben einigen Fernradlern treffen wir nun wieder auf Massen von Touristen – kein Wunder bei so wohlklingenden Destinationen wie Khao Lak oder Krabi! Einige sind irritiert, dass wir gar nicht wie Langzeitreisende aussehen: „You look so fresh!“ Als Veloabenteurer sollte man eben die gängigen Klischees bewirtschaften: Ein ungepflegter Bart, verlaustes Haar, die Haut total braungebrannt und notdürftig bedeckt mit löchrigen Kleidern. Es geht auch anders! Gerne geben wir hier unser Geheimnis preis: Sonnencrème mit Schutzfaktor 50, eine Wegwerfrasierklinge und billiges chinesisches Waschpulver verhelfen zu einem adretten Äusseren. Vermutlich alles überstrahlt haben aber unsere neu erworbenen knallgelben und -blauen T-Shirts.

Pizza, Steak und German Weissbier gibt es hier an jeder Ecke, aus den Bars wummert die Partymusik und selbst die einfachsten Zimmer kosten unverschämt viel, während der Strand selbst durch die bis weit in den Sand hineingebauten Hotelzeilen verschandelt ist. Wir finden ausser am glasklaren Wasser und einem hübschen Strandlokal wenig Gefallen an Khao Lak und flüchten ins ebenso touristische Krabi. Die Fahrt dahin ist allerdings ein Hingucker: 150 Kilometer durch majestätische Karstfelsen, auf kleinsten Strässchen durch kleine muslimische Dörfer, wo wohl nur selten Fremde durchfahren.

Einen Glückstreffer abseits vom Ferienrummel landen wir mit Pak Meng, einem kleinen Fischerdorf etwas weiter südlich. Während sich wenige Kilometer draussen im Meer auf der Paradiesinsel Ko Lanta die Urlauber gegenseitig auf die Füsse stehen und kaum noch ein Zimmer zu finden ist, geht hier das Leben der Fischer seinen gewohnten Gang. Am Wochenende ist der verschlafene Ort eine beliebte Destination für Thais, während wir unter der Woche praktisch allein sind. Wir finden den schönsten Bungalow unserer Reise und frönen drei Tage lang dem Nichtstun. Der abendliche Blick auf den Sonnenuntergang über dem Meer, während am Strand die Kinder planschen und draussen ein Fischerboot vorbeituckert, danach im Kerzenlicht und Mondesschein Curry-Eintopf und scharfen Rüeblisalat mit Sand unter den Füssen schlemmen: Priceless!

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Der lange Aufenthalt in Land ermöglicht uns auch, zumindest ein bisschen in den Alltag der Menschen hineinzublicken. Auch wenn das Land derzeit wieder einmal mitten in einer politischen Krise steckt und die Medien statt von Ferienparadies nur noch von Unruheherd sprechen: Die Thais geniessen ihr Dasein – recht haben sie!

Thais feiern. Immer und überall. Gerne auch mittwochnachts gleich neben unserem Bambushüttchen. Fehlen darf dabei keinesfalls Musik. Um das Vergnügen von lauter Musik auch ausser Haus zu haben, baut man sein Auto kurzerhand zur überdimensionalen Stereoanlage um. Dazu am Unterboden grün-blau-rot blinkende Lichter montieren, und fertig ist die fahrbare Disco.

Thais essen. Immer und überall und oft, am liebsten gegrillt: Fleisch, Fisch, Insekten, Innereien, Meeresfrüchte – Hauptsache totes Tier. Auf meine Frage an einen weisen Mönch, wie dies mit dem buddhistischen Glauben vereinbar sei, meint dieser nur süffisant: „They are still arguing!“ Auf jeden Fall ist unsere Fahrt auf zwei Rädern durchs Land immer auch ein Abenteuer für die Nase: An jeder Ecke wartet eine neue olfaktorische Überraschung. Überhaupt sind die Hauptstrassen vieler Dörfer und kleineren Städte eigentliche Freiluftküchen: Da wird grilliert, frittiert, gebraten, gedämpft. Früchte stapeln sich perfekt ausgerichtet zu Pyramiden. In den Töpfen warten Curry & Co. auf Kundschaft, die sich beim Vorbeifahren die gewünschten Portionen in den – na klar – Plastikbeutel abfüllen lässt. Wer nicht genug hat, lässt sich für ein paar Münzen eine Tüte frisch frittierte Bananen oder Süsskartoffeln einpacken. Egal, in welcher Abgeschiedenheit wir auch sind: Die nächste Strassenverkäuferin mit einer schnellen Nascherei wartet gleich um die Ecke!

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Frisch frittierte Süsskartoffeln und Bananen: Perfekt für hungrige Radler!

Thais beschallen die Umwelt. Als hätte nicht jede noch so rudimentäre Behausung in der Pampa sowieso einen Farbfernseher: Werbung geht hier übers Ohr. Pickup Trucks mit bedrohlich hohen Lautsprechertürmen fahren im Schritttempo durch die Gegend und beglücken die Anwohner mit Musik, Parteiparolen und dem aktuellen Sonderangebot des Möbelhändlers. Oft fährt gleich ein Konvoi von vier oder fünf Fahrzeugen hintereinander, so dass die jeweilige Botschaft in der allgemeinen Kakophonie untergeht und wir dem Lärm möglichst rasch entfliehen möchten. Ob schon einmal jemand den Erfolg dieser Werbemassnahmen gemessen hat?

In Thailand gehört obligatorisch ein hässlicher Uhrturm ins Stadtzentrum, und jedes Gericht ist mit adrett ausgestanzten Gurkenstückchen garniert. Lastwagen und Mähdrescher sind von Hand bemalt, Katzen und Hunde werden ins Mänteli gesteckt. Wie es zu diesem absurden Brauch kommt, haben wir nicht herausgefunden – wegen Erfrierungsgefahr kann es ja wohl kaum sein? Thailands omnipräsentes Wort heisst Kaa (Frau) bzw. Krap (Mann). Es ist eine thailändische Höflichkeitsform, die ab und zu gar ins Englische übertragen wird. Wir müssen lachen, wenn es jeweils aus allen Ecken schallt: Goodbye-Kaa oder Thankyou-Krap!

Immer wieder wird uns bewusst, welch ideales Fortbewegungsmittel das Velo ist. Nicht zu schnell, nicht zu langsam unterwegs, können wir Land und Leute an uns vorbeiziehen lassen, jederzeit bereit für einen kurzen oder längeren Halt für ein Foto, einen Schwatz oder einfach, um den Moment einzufangen. Was einem abseits der Hauptstrassen an einem Tag alles begegnet! Platz 1 in der Liste der meistbegegneten Spezies in Südostasien nehmen sicherlich die Männer und Frauen mit Motorsensen ein. Meist sind sie im Rudel unterwegs und häckseln am Strassenrand alles kurz und klein. Der halbe Dschungel und natürlich der herumliegende Müll fliegen uns dann entgegen, und es riecht einen kurzen Moment nach frisch geschnittenem Gras.

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Thailand produziert jährlich 3 Millionen Tonnen Kautschuk: Den stechenden Ammoniakgeruch kennen wir inzwischen nur zu gut

Die Ladung der vorbeidonnernden Lastwagen würden wir mittlerweile anhand der Duftmarke auch blind erraten. Am besten schmecken uns die Laster mit den Zuckerrohrstengeln, die wunderbar süss riechen. Ebenso weiss die Nase meistens vor dem Auge, wenn wir wieder zu einer Kautschukplantage gelangen. Thailand ist mit Abstand der grösste Produzent von Naturkautschuk. In Reih und Glied stehen die Bäume mit der angeritzten Rinde, um den Stamm gebunden ist ein kleiner Eimer, der das zähfliessende Latex auffängt. In den nahen Hütten wird der Milchsaft mit Ammoniak behandelt und zu weissen „Teppichen“ verarbeitet – von hier weht jeweils ein nicht ganz so angenehmer Duft auf die Strasse. Der einen oder anderen Gummimatte werden wir vielleicht in der entfernten Heimat wieder begegnen: 70% des Kautschuks enden als Autoreifen auf den Strassen dieser Welt.

Ab und zu kommen wir an einem Singvögelmarkt vorbei. Amüsant, den Thais zuzusehen, wie sie auf ihren Rollern daherbrausen, in jeder freien Hand einen Vogelkäfig, abgedeckt mit einem Tuch. Darunter zirpt oder trillert es ganz munter auf die Strasse hinaus. Andere gehen mit ihrem Hund Gassi, hier gibts einen Ausflug mit dem Piepmatz!

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Je weiter wir ins südliche Thailand fahren, desto vielschichtiger wird die Bevölkerungszusammensetzung. In Trang fahren wir mitten in die Hauptprobe für die Feierlichkeiten zum chinesischen Neujahr. Hier wohnen mehrheitlich Chinesen und Malayen, die goldverzierten buddhistischen Wats weichen vielen (meist sehr schmucklosen) Moscheen und einigen chinesischen Tempeln. Endlich können wir wieder den liebgewonnenen Akt des scheppernden Muezzinrufs zu jeder Unzeit geniessen und in der Trinkpause vor dem Tesco-Supermarkt die muslimischen Frauen in den verschiedenen Stadien der Verhüllung bewundern. Im feucht-heissen Klima Südostasiens scheint uns eine schwarze Burka ebenso nachteilig wie in der iranischen Sommerhitze. Ein beachtlicher Teil der islamischen Frauen sieht das hier genauso: Sie sitzen kurzärmlig und mit Flip-Flops an den Füssen auf dem Moto wie alle anderen, das luftige, speziell genähte Kopftuch kann frau sich mit einem Handgriff wie eine Kappe überziehen. Praktisch!

Am letzten Januartag nehmen wir ein letztes Mal den thailändischen Boden unter die Räder, queren das Tal des dicht bewachsenen und hügeligen Thale-Ban-Nationalparks und kommen schweissgebadet am Grenzposten an, wo sich unzählige malaysische Ausflügler an den Verkaufsständen mit allerhand günstiger Ware eindecken. Nach 67 Tagen im Königreich verabschieden wir uns vom vielfältigen Ferienland: Good Bye Krap, Thailand!

1 comment to Thailand im Zeitraffer

  • Daniel Wulle

    Wie schmecken die gegrillten Insekten denn so? Habt ihr probiert? Oder die Meeresfrüchte? Oder bleibt ihr bei Curry-Eintopf? Den Glückstreffer Pak Meng würde ich sehr gerne buchen… Herrlich! Die Singvögel ausfahren ist echt witzig… Die Kautschuk Produktion ist eindrücklich – andere Länder, andere Düfte, gell…

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