Unser K(r)ampf

Neuseeland, das war in unserer blühenden Fantasie ein bisschen Campingferien in grandioser Natur, wenig Verkehr und angenehmes Herbstwetter. Tatsächlich fühlt es sich aber an wie im Outdoor-Bootcamp. Als erstes belastet uns der Temperaturschock. Von über 40 Grad in Singapur auf 10 Grad und eisigen Wind sind wir körperlich nicht vorbereitet. Uns friert konstant, während die Neuseeländer ungerührt in Shorts herumrennen. Der Wind ist entweder des Velofahrers Freund oder aber ein garstiger Feind. Auf unserer Alpenüberquerung haben wir ihn ständig im Gesicht, teilweise so stark, dass wir kaum mehr vorankommen. Für eine kleine Verschnauf- oder Snackpause zwischendurch gibt es keinen Ort, an den man sich vor den Elementen schützen könnte. Kein Bänklein am Wegesrand, kein Picknickplatz, keine gedeckte Bushaltestelle. Entweder also wir sitzen bei Sturm und Regen am Boden, oder wir fahren weiter. Wenn die Sonne mal scheint, dann tut sie es unerbittlich. Obwohl wir unsere Rüben jeden Morgen mit Schutzfaktor 50 einreiben, glüht die Haut am Abend rot wie ein frisch gepflückter Pfirsich.

Es stellt sich zudem heraus, dass wir mit komplett falschen Vorstellungen in das Traum-Auswanderungsland vieler Europäer gereist sind. Hier die wichtigsten fünf Missverständnisse, ordentlich von uns aufgeräumt:

1. Neuseeland ist grün
Neuseelands Vegetation an der Westküste der Südinsel ist tatsächlich umwerfend dicht. Ein Regenwald mit riesigen Farnbäumen und Pflanzen, wie wir sie auch in den Tropen noch nicht gesehen haben. Doch der Osten der Südinsel und die Vulkanregion im Norden sind im Herbst alles andere als üppig. Vielmehr fühlen wir uns in die braunen Steppen Zentralasiens zurückversetzt. Und wäre da nicht das eine oder andere Schaf, man würde die kargen Grashalme glatt übersehen.

2. In Neuseeland kann man wilde, ungezähmte Natur geniessen
Ja, es gibt sie, die wilde, ungezähmte Natur. Doch in Neuseeland scheint der Landbesitz mehrheitlich privat zu sein. Menschen, die fernab von jeder Kriminalität inmitten der Natur leben, haben nichts zu verbergen und nichts zu beschützen – dachten wir. Doch das Gegenteil ist der Fall. Neuseelands Natur ist bis auf den letzten Meter eingezäunt. Und nicht nur das. Abschreckende Schilder warnen vor dem Betreten: „Tresspassers will be shot! Survivors will be shot again!“ Während in der Schweiz und in nordischen Ländern das „Jedermannsrecht“ besteht, muss man in Neuseeland beim Betreten von Grundbesitz um Leib und Leben fürchten. Die Einfahrten sind videoüberwacht und beim Anblick von bis zu drei Zaunreihen werden wir das Gefühl nicht los, die Landbesitzer wollen nicht ihre Köter, Schaf- oder Kuhherden vor dem Abhauen abhalten, sondern eine fremde, furchteinflössende Welt vor dem Eindringen. Vor was sie sich so fürchten? Wir wissen es nicht.

3. Neuseeland ist ein Campingparadies
Nein. Und schon gar nicht für Velofahrer. Es gibt sie, die staatlich betriebenen, einfachen Campingplätze, die meist an spektakulärer Lage in schöner Natur liegen. Das Problem für untermotorisierte Strassenverkehrsteilnehmer wie wir ist, dass diese meist sehr abgelegen über Schotterpisten zu erreichen sind. Die privaten „Holiday Parks“ andererseits kosten so viel wie in Bangkok ein Zimmer im Mittelklassehotel und bieten uns Velofahrern neben Legalität, einer (kostenpflichtigen) Dusche und einer Küche keinerlei Vorteile. Sie liegen zudem präferiert an einer Hauptstrasse und haben keinen Charme. Da wild campen seit einiger Zeit verboten ist und mit hohen Bussen bestraft wird, sind Velofahrer zudem gezwungen, die teilweise grossen Distanzen zwischen zwei Campingplätzen auf Biegen und Brechen zu überbrücken.

4. Neuseeland ist ein Veloland
Zugegeben, die Tourismusindustrie Neuseelands gibt sich alle Mühe, das Land mit immer mehr Mountainbike-Tracks zu überziehen. Der gemeine Tourenradler aber, der sich erfrecht, 40 Zentimeter der Strasse für sich zu beanspruchen, wird von vielen offen gehasst. Besorgte Einheimische halten mitten auf der Strasse an und warnen uns vor ihren rücksichtslosen Mitbürgern. Selbst passionierte Radler, die in Europa schon Tausende von Kilometern zurückgelegt haben, berichten uns, dass sie in ihrem eigenen Land niemals auf der Strasse fahren würden. Selbst auf der kurvigsten Landstrasse sind 100km/h erlaubt. Lastwagenfahrer und Autos überholen (man sagt uns: absichtlich) ohne Abstand. So absurd das auch klingt: So unsicher haben wir uns noch in keinem Land gefühlt.

5. Neuseeländer sprechen Englisch
Nein.

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Als wir aus unserem Apfelparadies aufbrechen und weiter Richtung Westküste fahren, lockern sich die Wolken allmählich auf. Der Himmel wird blau, Wind- und Regenjacke werden verstaut und wir geniessen erstmals ein Picknick in vollem Sonnenschein. Vor uns liegt der stahlblaue Lake Hawea. Im Abendlicht fahren wir weiter an einen pittoresken Zeltplatz auf einem Schwemmkegel im Wanaka-See. Wie viel das Wetter doch ausmachen kann! Auf der wunderbaren Fahrt durch voralpines Gebiet atmen wir erstmals so richtig durch: So würde es sich doch leben lassen! An einem Aussichtspunkt hoch über den Seen treffen wir auf eine Truppe Taiwanesen, die soeben aus ihrem Tourbus entweicht. Der bärtige Chauffeur steigt gelangweilt aus und schaut uns sichtlich amüsiert an. Er fragt nach unserer Route und hebt entrüstet die Augenbraue. Was, auf die Nordinsel wollt ihr?

Bärtiger Touristenführer, dezidiert: Dount weischt yar taim!
Wir: Pardon?
Er: Don’t weischt your time! Nothin‘ to see. And awful people.
Wir, verwirrt: Aber die Nordinsel hat doch Vulkane und schöne Beaches?!
Er: I don’t do beaches.
Wir: Hä?
Er: Beaches are like little dogs.
Abgang.

Bei ebenfalls schönstem Wetter radeln wir am nächsten Tag durch wilde Täler und geniessen beim Aufstieg auf den Haast-Pass den Ausblick auf weissverschneite Gipfel. Doch die Idylle dauert nur, bis wir in Haast die Westküste erreichen. Ab hier ist Ende der Welt! Ein Geburtstags-SMS können wir nur via Satellit absetzen, denn hier gibt es weder Handyempfang noch Internet. Die Versorgung wird für uns Langsamfahrer zur Herausforderung, denn der nächste kleine Lebensmittelladen beim Fox-Gletscher ist 120 Kilometer weit weg. Dank langen Etappen und endlosem Auf und Ab steigt unser Kalorienverbrauch gefühlt ins Unendliche. Entsprechend kostspielig wird das Einkaufen: Allein ein lampiges, geschnittenes Vollkorntoastbrot kostet hier 6 NZ-Dollar. Diese Ungewissenheit, wann man zum nächsten Mal an Futter kommt, hat uns seit Zentralasien nicht mehr begleitet. Und ab sofort werden wir noch von einem weiteren Übel geplagt: Sandflies. Jeder noch so kurze Stop endet in wilder Flucht, sobald uns die schwarzen, stechenden Bestien entdecken. Das Kochen im Freien wird zeitweilig zum Akt der Verzweiflung. Wo kein Stück Stoff den Körper bedeckt, stechen die Viecher im Dutzend gnadenlos zu. Zum Glück sind die Biester nicht intelligent, doch sie kompensieren das locker mit Masse. Ihre Stiche werden hart, rot und beissen noch Wochen später…

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Lassen uns nie zur Ruhe kommen: Regen, Moskitos und Milliarden von Sandflies…

Auch die Strasse ist nun stärker frequentiert, denn die Westküste scheint das Ziel aller Touristenträume. Vier Kategorien von Touristen teilen ab sofort mit uns die Strasse:

A. Die mittellosen Backpacker
Sie sind 18 oder 19, kommen aus Deutschland, Holland oder England und fahren uns in alten, abgewetzten Karossen vor. Sie sind meist allein oder zu zweit und wir fragen uns: Was macht diese Touristengruppe ausgerechnet im sauteuren Neuseeland? Wieso sitzen die nicht alle im billigen, warmen Südostasien? Irgendwann ist jemand so nett und klärt uns auf. Neuseeland vergibt ohne grosse Nachfrage einjährige Working-Visa an Jugendliche, die sich dann auf Plantagen, Weingütern oder Hostels als billige Arbeitskräfte verdingen. Da hier der Autobesitz im Gegensatz zu Europa zu den indiskutablen Grundrechten gehört, ist ein Autokauf so unkompliziert wie der Erwerb einer Kopfschmerztablette. So verkaufen sie sich gegenseitig ihre gebrauchten Schwarten und gondeln durchs Land. Sie telefonieren via Skype überlaut und stundenlang mit Mutti und Vati in der fernen Heimat und erzählen von ihren Abenteuern. Mittellos sind sie übrigens keineswegs: Hier ein Bungee Jump, da ein Helikopterflug, das verdiente Geld wird gerne mit beiden Händen wieder ausgegeben.

B. Die naturbegeisterten Mittdreissiger
Sie sind dem goldenen Ruf Neuseelands als Naturparadies gefolgt, reisen ausschliesslich als Pärchen und können sich bei dem Apotheker-Preisniveau keinen grossen Camper leisten. Also reisen sie im gemieteten VW-Büchsli ohne WC durchs Land und finden alles toll. Sie haben zwei bis drei Wochen Zeit, bis sie wieder an ihren Arbeitsplatz im Hochpreisland zurückkehren, und wollen deshalb einen möglichst ungestörten Urlaub verbringen. Meist sprechen sie Deutsch. Motto: Wir reisen dahin, wo es aussieht wie zuhause. Super!

C. Die Velofahrer
In keinem anderen Land auf unserer Reise haben wir so viele Velofahrer getroffen wie hier. Wir können immer noch nicht ganz nachvollziehen, weshalb so viele Leute den Aufwand auf sich nehmen, ihre Fahrräder flugzeugtauglich zu verpacken, 25 Stunden um den halben Globus fliegen, um dann in einem sandfliegengeplagten Anti-Camping-Paradies mit wettertechnischen Herausforderungen und einem potenziell tödlichen Fahrstil der einheimischen Lastwagenfahrer ihre hart verdiente Aus- oder Ferienzeit zu verbringen. Haben wir bisher stets bei jedem Reiseradler für ein kurzes Schwätzchen gehalten, fahren die Velotouristen hier meist still winkend an uns vorbei und auch wir halten nur noch an, wenn die andere Partei mit mindestens fünf schweren Satteltaschen durchs Land fährt. Natürlich aber sind auch sie alle hell begeistert vom Land.

D. Die arrivierten Frührentner
Sie haben sich trotz horrenden Kosten ein ansehnliches Wohnmobil geleistet. Stellen es jeden Abend zu einer ebenfalls ansehnlichen Summe in einem zivilisierten Campingplatz mit Stromanschluss auf. Aus ihrer Kombüse klingt wohltemperierter Jazz, soeben haben sie eine Flasche Weisswein zum Apéro entkorkt, schmökern in ihrer philosophischen Literatur und lassen es sich aus ihren prall gefüllten Vorratsschränken so richtig gut gehen. Sandflies kennen sie nur vom Hörensagen, denn wenn sie ihr abgeschirmtes Zuhause verlassen, sind sie stets von unten bis oben mit Chemie eingesprayt. Wie wir sie beneiden!

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Zugegeben: Die Schuld für den gefühlten K(r)ampf liegt nicht zuletzt bei uns. Bis wir vom Wirbelsturm ausgebremst werden, erradeln wir in 16 Tagen 1235 Kilometer und fast 10’000 Höhenmeter und legen dabei gerade mal einen einzigen Ruhetag ein. Hotelnächte: Null. Mangels eingehender Planung (die gebrochenen Speichen lassen grüssen) haben wir uns in zu kurzer Zeit wohl auch schlicht zu viel vorgenommen. Vielleicht ist es aber auch, weil wir die Neuseeländer nie ganz verstehen. 🙂 Eine typische Konversation verläuft ungefähr so:

Neuseeländer: Giddaymait! (Good day mate)
Wir: Äh, hello!?
Neuseeländer: Öü dia. Söü yü aa raidin this push baik ull ouver Niüziilind? Aid ratha taik maicah! (Oh dear. So you are riding this bicycle all over New Zealand? I’d rather take my car!)
Wir: Äh?
Neuseeländer: Aa yü oooolrait? Yü hiv tü tün lift at the rid lait! Büt döünt botha, yüll git thia. Ai bit ya’ll faind it quicklei! Yü aa a veri spischal piasen. (Are you alright? You have to turn left at the red light! But don’t bother, you’ll get there. I bet you’ll find it quickly. You are a very special person.)
Wir: Wäs?
Neuseeländer: Oooossummait! Nöü würries! Nöü würries! (Awesome, mate! No worries! No worries!)

(PS. Mit Hilfe dieses amüsanten Videos haben wir dann noch ein bisschen geübt…)

An der Westküste holt uns das trübe, nasse Wetter wieder ein und oft radeln wir unter wechselndem Sprühregen. Dennoch gefällt uns die Fahrt von Greymouth nach Westport ausserordentlich. Die tief zerklüftete Küste und die Pancake Rocks sind ein echter Hingucker. Auch die Fahrt von der Westküste weg durch die Buller Gorge entlang des breiten Buller-Flusses gefällt uns super. Immer wenn sich das Wetter von der goldigen Seite zeigt, macht das Fahrradfahren in Neuseeland tatsächlich Spass.

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Auf dem Weg von der Westküste zur Nordspitze der Südinsel kommen wir mit einem kauzigen, älteren Herrn ins Gespräch, der gerade – wie praktisch jeder Neuseeländer – seinen Rasen piekfein mäht. Mit ungläubigen Augen schaut er uns an, als wir kundtun, dass es zum Velofahren heute doch etwas kühl sei. Er wischt sich die Stirn ab und meint, nein, eigentlich sei es direkt heiss heute. Und ruft uns beim Davonfahren noch nach: „And don’t forget to check the weather!“ Pardon: „Änd dint firgit tü chick the witha!“ „Tersch a schtorm coming!“ Ein Wirbelsturm?!? Bei nächster Gelegenheit werfen wir den Computer an und rufen ein paar neuseeländische Wetterseiten auf. Tatsächlich: Rot prangt ein Warnhinweis fürs kommende Wochenende: „Severe weather alert!“ Herrje, das kann ja heiter werden!

3 comments to Unser K(r)ampf

  • Daniel Wulle

    Thank’s for the Y-Report from NZ. NZ = supplement und erst noch ein gewünschter K(rampf)… Morgen hoffen wir auf viel Sonne für euch für Cham to Zurich… YES!

  • Monsieur T

    Heiterkeit
    macht sich hier breit,
    wenn ihr zu zweit
    neuseelandweit,
    bei dai änd neit,
    bäd or oolreit,
    berichtet aus der einsamkeit.

  • Verflixt erinnert das doch sehr an England, speziell an Kent: Alles eingezäunt, alles privat, Neigbourhoodwatch bis zum Abwinken, dazu eine äußerst seltsame Sprache. Aber wenn man Kontakt aufnimmt in die Trutzburgen jenseits der Zäune, trifft man offene, freundliche Menschen, die einen zum Zelten auf Privatgrund einladen. Und Radler und Autos: Nienienie auf einer A-Road versuchen zu radeln! In England gibt es allerdings prima Radwege.

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