For sale

Häuser, Pubs, Bauernhöfe, Motels, Weideland, Restaurants, Ruinen, ganze Freizeitanlagen, ja sogar Kirchen: In Neuseeland ist alles for sale. Auch an den entlegensten Orten strahlen uns die auf Holzpflöcken in den Boden gerammten Immobilienhaie und Grundstücksmaklerinnen mit ihrem Kukident-Lächeln an. Nicht die Einsamkeit oder die lästigen Sand Flies sollen die Gründe für den Ausverkauf der Südinsel sein, wie wir zuerst vermuten. Nein, es lockt das schnelle Geld. Bei den hierzulande nicht sehr beliebten Rentnern aus den USA soll es besonders populär zu sein, am anderen Ende der Welt ein Stückchen Land zu kaufen. Vermutlich überlassen die neuen Besitzer die Bewirtschaftung dann einem Einheimischen, während sie draussen auf ihrer Veranda ein Glas Weissen trinken und dabei von einer Horde Stechbiestern leergesaugt werden. Selbst eine Chinesin, die mitten in der Pampa ein Pub bewirtet und dazu chinesische Gerichte serviert, hat sich ein „Zu Verkaufen“-Schild organisiert und haut bei nächster Gelegenheit ab. Als wir bei ihr die Gebühren des nahen Zeltplätzchens begleichen wollen, kommen wir mit den einzigen zwei Gästen ins Gespräch. Es ist ein liebenswürdiges dänisches Rentnerpaar, das in der Nähe eine Farm besitzt und hier die europäischen Wintermonate überbrückt. Einen weiteren Hof haben sie in der Heimat, ebenso ein schönes Appartement in Kopenhagen. „We think that’s quite clever!“ sagen sie, zahlen uns ein Bier und grinsen entspannt. Hat was!

Mangels eigener Immobilie stellen wir unser Zelt auf und kommen mit den zwei weiteren Besuchern des Campgrounds ins Gespräch. Wie könnte es sonst sein, es ist ein Schweizer Paar auf Veloreise. Mit einem grossen Feuer versuchen wir, der Insektenplage Herr zu werden, leider erfolglos: Die Biester ignorieren unsere Rauchzeichen und stechen munter weiter. Nur mit unserer thailändischen Extragiftmischung können wir das Ungeziefer in Schach halten. Dafür scheint tagsüber mal die Sonne – ist es die Ruhe vor dem Sturm? Nach Tränengas in Istanbul, verschütteten Strassen und eingestürzten Brücken in China oder Unruhen in Thailand ist es Zeit für einen richtigen Tropensturm: Zyklon Lusi ist unterwegs! Unsere Wege kreuzen sich ziemlich genau in Nelson.

Zyklon Lusi

Der Weg dahin ist einmal mehr eine Kombination von unerhört steilen Anstiegen, vielen Kilometern und einen uns permanent verhöhnenden Gegenwind – wie wir das lieben! Immerhin scheint tagsüber die Sonne. Erst während der sich hinziehenden Anfahrt durch end- und gesichtslose Gewerbeviertel verdüstert sich der Himmel. Kaum stehen wir vor dem gebuchten Hostel, beginnt es zu regnen. Die apokalyptische Berichterstattung zum aufkommenden Sturm hat uns vorsichtig gemacht: Zum ersten Mal seit unserem Start in Christchurch stellen wir nicht unser Zelt auf, sondern kommen in den Genuss von eigenen vier Wänden und einer richtigen Matratze – kostenloser Blick auf riesige Schiffscontainerstapel im Hafen inklusive! Drei Tage dauert unsere Zwangspause. Hatte Lusi auf der Nordinsel noch erhebliche Schäden angerichtet hat, haben wir es nur noch mit einem Stürmlein zu tun. Zwar fegt uns der Wind beim Spazieren durch die Strassen manchmal fast von der Strasse, aber zusammen mit den Locals nehmen wir es sportlich und geniessen das Kleinstadtleben. Entdecken einen echten Italiener, der weiss, was eine Pizza ist. Besichtigen die Sehenswürdigkeiten – wobei dies in recht kurzer Zeit erledigt ist, denn abgesehen von einer mittelprächtigen Kathedrale im Art-Deco-Stil gibt es so gut wie nichts zu sehen. Staunen über die bemerkenswerte Anzahl an Supermärkten – Essen scheint wirklich eine der Lieblingsbeschäftigungen der Leute zu sein. Stellen fest, dass offenbar eine ganze Generation von neuseeländischen Jugendlichen ihre Zeit damit verbringt, in verwahrloster Kluft als Strassenmusikanten ein paar Dollars zu verdienen. Erfreuen uns nicht zuletzt an der Tatsache, dass wir nicht permanent von einem Schwarm Sand Flies verfolgt werden. Sitzen im gemütlichen Hostel, während es draussen Bindfäden regnet. Fast werden wir heimisch, aber die Nordinsel ruft!

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Das Warten hat sich gelohnt: Bei strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen fahren wir auf dem malerischen Queen Charlotte Drive durch die zusehends zerklüftete Gegend der Marlborough Sounds. Immer wieder gibt die kurvige Strasse einen atemberaubenden Blick auf einsame Buchten. Und dann nehmen wir Abschied von der Südinsel: In Picton besteigen wir frühmorgens die Fähre, die uns nach Wellington bringt. Wir merken schnell, dass wir in der Hauptstadt angekommen sind: Eine beachtliche Dichte an Kravattenträgern markiert das politische Zentrum des Landes. Glücklicherweise ist der Bahnhof gleich gegenüber vom Fährhafen, wir packen die Gelegenheit und ergattern uns Bahntickets für die Weiterfahrt nordwärts. Uns bleiben nur noch zwei Wochen bis nach Auckland und die wollen wir nicht mit Schäfchenzählen in den endlosen Weiden der südlichen Nordinsel verbringen. Da der Zug just zur Abendessenszeit unterwegs ist, geniessen wir ein selbst mitgebrachtes Picknick und kassieren prompt einen saftigen Zusammenschiss des Zugbegleiters. Unser mitgebrachter Weisswein ist illegal. Alkhoholische Getränke dürfen nur in der Zugbar bezogen werden. Ganz verdattert sitzen wir da und knabbern eingeschüchtert an unserem Käse. Wenigstens das ist erlaubt! In Palmerston North (von den Einheimischen liebevoll „Palmy“ genannt) springen wir aus dem Zug und stellen erstaunt fest, dass hier sogar Fahrradrouten existieren. Wir überlegen nicht lange und nehmen die Strecke in Angriff.

Die Route führt landschaftlich reizvoll durch eine so gut wie unbesiedelte Gegend. Obwohl sogar ausgeschildert, begegnen wir weit und breit keinem einzigen Radfahrer. Auch sonst gibt es fast keinen Verkehr und wir haben die Strasse für uns alleine – eine Wohltat nach haarsträubenden Begegnungen mit wildgewordenen Truckfahrern. Zwischenzeitlich fahren wir mitten durch den Urwald und lauschen den unbekannten Geräuschen des heimischen Federviehs. Es kommt uns vor, als sässen wir mitten in einem National-Geographic-Dokumentarfilm:

Das Topografie dieser Gegend entlockt dem gemeinen Radler immer wieder eine Schimpftirade. Alle paar Kilometer frisst sich ein Fluss tief ins Gelände ein. Da steht man dann am Abgrund, schaut sehnsüchtig hinüber zur Strasse auf der anderen Seite, die zum Greifen nah scheint. Allerdings windet sich diese halsbrecherich erst satte 200 Höhenmeter in die Tiefe. Da unten überqueren wir dann eine schmale Holzbrücke, bevor wir die verlorene Höhe schweissgebadet zurückerobern dürfen. Zum Lohn für 1400 Höhenmeter Schinderei finden wir in Rangiwahia den wohl niedlichsten Campingplatz des ganzen Landes. Die goldenen Jahre des Dorfs sind zwar schon länger vorbei, wir finden nur ein paar verstreute Häuser vor. Aber das einsame Plätzchen gleich im Dorfzentrum ist uns einfach sympathisch, nicht zuletzt wegen dem aufregenden Ausblick auf die lokalen Hotspots:

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Hier tanzt der Bär: Rangiwahia Downtown

Die Stille wird nur selten unterbrochen von ein paar Bell Birds, deren Gesang uns manchmal an das Rauschen und Zirpen der guten alten Dial-up-Modems erinnert. Dass die kleine Schule im Nachbardorf in einem handgefertigten Faltblatt den Durchreisenden bittet, doch auf einen Besuch vorbeizuschauen, passt ebenfalls in die entspannt-melancholische Stimmung.

Inzwischen sind wir auch in der Lage, das blumige Marketing-Englisch der Tourismusverantwortlichen des Landes zu interpretieren. Die Broschüre zum Manawatu Cycle Way liest sich mit dem vifen Auge eines erfahrenen Neuseelandradlers folgendermassen:

The 126-kilometre Manawatu Cycle Way weaves its way (die kurvige Strecke ist ein einziges Auf und Ab) from Mangaweka to Palmerston North City, providing cyclists with a two-day trip set against the region’s unique rural landscape (Schafe, Schafe, Schafe, Schafe). This off-the-beaten-track (hier kommt kein Mensch, und das hat seinen Grund!) takes you on a journey to discover hidden places and tucked away treasures (so versteckt, dass auch wir sie nicht finden) ranging from convivial country cafes and pubs (leider alle geschlossen, nur bellende Hunde da); heritage sites (oooh, ein antiker Kirchturm aus dem Jahr… 1953!), galleries and gardens (wird ausnahmsweise das Gras mal nicht gemäht, wachsen sogar Blumen), to scenic reserves, day walks, swimming holes, glow-worm caves, picnic areas (Kiesplatz neben der Strasse ohne jegliche Annehmlichkeiten wie Tisch, Sitzbank oder Mülleimer, man fährt ja im Wohnmobil vor), and camping spots (alle bereits geschlossen).

Kühe, Schafe und immergleiches Weideland haben wir nun genug gesehen. Die vor uns liegende Vulkanwelt verspricht endlich ein bisschen Abwechslung. Kommen wir zunächst noch einmal in den Genuss von 1001 Hügeln und einer Fahrt durch ein Übungsgelände der Armee, finden wir uns bald auf einer sanft ansteigenden Ebene wieder. Vor uns erhebt sich der mächtige Mount Ruapehu mit seiner schneebedeckten Krone. Fast 2800 Meter hoch ist der imposante Berg und damit der höchste Vulkan Neuseelands. Obwohl es in jüngerer Zeit immer wieder Eruptionen gab, befinden sich hier Skigebiete mit der dazugehörigen Infrastruktur. Ohakune scheint eine einzige Ansammlung von Unterkünften und Verpflegungsstätten für Alpinsportler zu sein. Uns zieht es darum bald weiter zum Mount Ngauruhoe, dessen Name für nichts weniger als „heisse Steine werfend“ steht. Bleibt nur zu hoffen, dass der Berg in den nächsten Tagen auf ein Feuerwerk verzichtet – nicht umsonst hat er es als „Mount Doom“ in Lord of the Rings zu einiger Bekanntheit geschafft. Tatsächlich übt die perfekt kegelförmige Gestalt des Vulkans eine magische Faszination aus. Bei recht schönem Wetter pedalen wir durch diese Wunderwelt, gerade richtig für unseren Jubiläumstag: Seit einem vollen Jahr sind wir nun furt und am anderen Ende der Welt angekommen. Wie klein dieser Planet doch ist!

Frühmorgens hat der Ngauruhoe noch seine orange Mütze an

Frühmorgens hat der ferne Ngauruhoe noch seine orange Mütze an

Hat uns die Berglangschaft der Kiwis bisher nicht zu Freudensprüngen verleitet, finden wir an diesen bizarren Steinformationen wesentlich mehr Gefallen – einen giftig dampfenden Schlot findet man in der fernen Heimat ja nicht gleich um die Ecke. Wir werden deshalb mit unserem Zelt ansässig und machen uns auf zum Tongariro Alpine Crossing. Fast 20 Kilometer führt dieser (Massen)-Wanderweg durch eine einzigartige Vulkanlandschaft. Mal präsentiert sich der Mount Ngauruhoe in dichten Nebel gehüllt, mal zeigt er seine steilen, tiefrot schimmernden Abhänge. Kraterseen glitzern mal smaragdgrün, mal tiefblau. Aus unzähligen Löchern im porösen Gestein zischt penetrant-schwefliger Dampf heraus. Grosses Kino! Der Abstieg zieht sich dann allerdings ewig hin und wir stellen ernüchtert fest, dass unsere Fitness zwar zum Zweiradfahren taugt, die Muskeln zur Fortbewegung zu Fuss hingegen zwischenzeitlich verkümmert sind. Der Muskelkater am Folgetag spricht jedenfalls Bände!

Welche Kräfte in dieser Region unter dem Boden brodeln, wird einem auf Schritt und Tritt bewusst. Geysire und blubbernde Schlammpools à la Yellowstone sind unmittelbare Zeugen der unterirdischen Aktivität. Aber auch die weitläufigen Anlagen zur geothermischen Energieproduktion sind eindeutige Zeichen dafür: 13% der Elektrizität werden auf diese Weise produziert. Jedes Hotel preist seinen eigenen Hot Pool an – Kunststück, wenn das warme Wasser sozusagen aus dem Boden sprudelt! Dazwischen machen wir Halt in Kleinstädten und Touristenorten, die allesamt den nimmerendenden Drang der Touristen nach Adrenalin zu befriedigen versuchen. Jetboating, Skydiving, Bungeejumping, Adventure Quad-Biking, Scenic Helicopter Flights – Hauptsache, es macht Lärm und erhöht die Pulsfrequenz!

Blubb!

Blubb!

In Rotorua legen wir ein letztes Mal vor dem Schlussspurt nach Auckland einen Ruhetag ein, fahren ohne Gepäck durch Schwefelfelder und blubbernde Themalquellen, beäugen holzgeschnitzte Maori-Statuen und vermelden den ersten Materialverlust infolge Diebstahl: Werden uns in der Küche des Hostels tatsächlich zwei Trinkbecher und ein Sackmesser geklaut. Sind wir nun also um die halbe Welt gefahren, doch bestohlen werden wir im zivilisiertesten Land seit Europa – bedenklich!

Von nun an gehts nur noch in nordwestliche Richtung, das subtropische Klima macht sich bemerkbar und wir freuen uns mittlerweile schon fast über den stetigen Gegenwind, der uns etwas Kühlung verschafft. Europa beginnt für uns schon hier: In Te Aroha landen wir unvermutet auf einem Zeltplatz, der seit vielen Jahren von einer Schweizerin geführt wird, in Kaiaua verbringen wir einen lustigen Abend mit einem Paar aus Ostdeutschland und einen Teil der letzten Etappe entlang dem malerischen Thames-Meeresarm legen wir mit Radler Neil aus Grossbritannien zurück. Aber halt, Europa kann warten: Wir legen ja noch einen kleinen Zwischenhalt auf einem grossen Kontinent ein. Kia ora, e noho rā New Zealand!

1 comment to For sale

  • Martin und Ivy

    So nice to see another Blog entry, really nicely written. And the NZ pictures are superb. But didn’t the Telegraph Road song start with: „A long time ago, came a man on a truck…“???

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