Thailand im Zeitraffer

Verrrückt: In Ranong haben wir schon fast 2500 Kilometer auf thailändischem Boden erradelt. Bis zum Grenzübertritt nach Malaysia sollen nochmals rund 700 dazukommen. Damit legen wir im Königreich des Lächelns eine weitaus grössere Distanz als in China zurück – wer hätte das gedacht! Trotz 60-Tages-Visum, das wir sogar noch verlängern mussten: Wir könnten problemlos noch ein paar Wochen anhängen. Vielfältig das Land, freundlich die Menschen, lecker das Essen: Da wird es auch nach so langer Zeit nicht langweilig.

Wir fahren vom Dschungel durch Zuckerrohr- und Sonnenblumenfelder, vorbei an Kokoszuckerfabriken, Meeressalinen und Garnelenzuchtbecken, sausen durch endlose Kautschuk- und Palmölplantagen, lassen uns vom Wind auf schmalen, palmenbewachsenen Küstensträsschen nach Süden tragen. Haben wir zum Wetter nördlich von Bangkok noch „sonnig, angenehm warm“ notiert, heisst es ab unserem Stopp in der Hauptstadt dann „sonnig, sehr heiss“. Bei der Querung von der Ost- zur Andamanenküste erleben wir einen Platzregen von genau 2 Minuten Dauer – es soll der einzige Niederschlag seit den weit entfernten nordthailändischen Bergen bleiben. Danach heisst es in unseren Wetterbeobachtungen „Wüstengefühle kommen auf“, „seeeehr heiss“ oder einfach nur noch „ächz!“.

P1120381aDa lernt man gewisse Dinge sehr zu schätzen, zum Beispiel den allgegenwärtigen 7-Eleven. Über 7200 Filialen dieser kleinen Supermärkte soll es in Thailand geben. Gut möglich, dass man in einer Strasse vor einer Filiale steht und in der Ferne bereits die nächsten vier dieser Läden sieht! Uns solls recht sein, denn oft sind wir froh um eine kurze Pause und ein erfrischendes Getränk in diesen Klimainseln. Speziell der Eiskaffee im beängstigend grossen „Super-Cool“-Becher hat es uns angetan: Nach diesem Zuckerschub fliegen wir in der Bruthitze die nächsten paar Kilometer nur so dahin. Nicht ungefähr lautet der Slogan: „Oh Thank Heaven for 7-Eleven“!

Neben einigen Fernradlern treffen wir nun wieder auf Massen von Touristen – kein Wunder bei so wohlklingenden Destinationen wie Khao Lak oder Krabi! Einige sind irritiert, dass wir gar nicht wie Langzeitreisende aussehen: „You look so fresh!“ Als Veloabenteurer sollte man eben die gängigen Klischees bewirtschaften: Ein ungepflegter Bart, verlaustes Haar, die Haut total braungebrannt und notdürftig bedeckt mit löchrigen Kleidern. Es geht auch anders! Gerne geben wir hier unser Geheimnis preis: Sonnencrème mit Schutzfaktor 50, eine Wegwerfrasierklinge und billiges chinesisches Waschpulver verhelfen zu einem adretten Äusseren. Vermutlich alles überstrahlt haben aber unsere neu erworbenen knallgelben und -blauen T-Shirts.

Pizza, Steak und German Weissbier gibt es hier an jeder Ecke, aus den Bars wummert die Partymusik und selbst die einfachsten Zimmer kosten unverschämt viel, während der Strand selbst durch die bis weit in den Sand hineingebauten Hotelzeilen verschandelt ist. Wir finden ausser am glasklaren Wasser und einem hübschen Strandlokal wenig Gefallen an Khao Lak und flüchten ins ebenso touristische Krabi. Die Fahrt dahin ist allerdings ein Hingucker: 150 Kilometer durch majestätische Karstfelsen, auf kleinsten Strässchen durch kleine muslimische Dörfer, wo wohl nur selten Fremde durchfahren.

Einen Glückstreffer abseits vom Ferienrummel landen wir mit Pak Meng, einem kleinen Fischerdorf etwas weiter südlich. Während sich wenige Kilometer draussen im Meer auf der Paradiesinsel Ko Lanta die Urlauber gegenseitig auf die Füsse stehen und kaum noch ein Zimmer zu finden ist, geht hier das Leben der Fischer seinen gewohnten Gang. Am Wochenende ist der verschlafene Ort eine beliebte Destination für Thais, während wir unter der Woche praktisch allein sind. Wir finden den schönsten Bungalow unserer Reise und frönen drei Tage lang dem Nichtstun. Der abendliche Blick auf den Sonnenuntergang über dem Meer, während am Strand die Kinder planschen und draussen ein Fischerboot vorbeituckert, danach im Kerzenlicht und Mondesschein Curry-Eintopf und scharfen Rüeblisalat mit Sand unter den Füssen schlemmen: Priceless!

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Der lange Aufenthalt in Land ermöglicht uns auch, zumindest ein bisschen in den Alltag der Menschen hineinzublicken. Auch wenn das Land derzeit wieder einmal mitten in einer politischen Krise steckt und die Medien statt von Ferienparadies nur noch von Unruheherd sprechen: Die Thais geniessen ihr Dasein – recht haben sie!

Thais feiern. Immer und überall. Gerne auch mittwochnachts gleich neben unserem Bambushüttchen. Fehlen darf dabei keinesfalls Musik. Um das Vergnügen von lauter Musik auch ausser Haus zu haben, baut man sein Auto kurzerhand zur überdimensionalen Stereoanlage um. Dazu am Unterboden grün-blau-rot blinkende Lichter montieren, und fertig ist die fahrbare Disco.

Thais essen. Immer und überall und oft, am liebsten gegrillt: Fleisch, Fisch, Insekten, Innereien, Meeresfrüchte – Hauptsache totes Tier. Auf meine Frage an einen weisen Mönch, wie dies mit dem buddhistischen Glauben vereinbar sei, meint dieser nur süffisant: „They are still arguing!“ Auf jeden Fall ist unsere Fahrt auf zwei Rädern durchs Land immer auch ein Abenteuer für die Nase: An jeder Ecke wartet eine neue olfaktorische Überraschung. Überhaupt sind die Hauptstrassen vieler Dörfer und kleineren Städte eigentliche Freiluftküchen: Da wird grilliert, frittiert, gebraten, gedämpft. Früchte stapeln sich perfekt ausgerichtet zu Pyramiden. In den Töpfen warten Curry & Co. auf Kundschaft, die sich beim Vorbeifahren die gewünschten Portionen in den – na klar – Plastikbeutel abfüllen lässt. Wer nicht genug hat, lässt sich für ein paar Münzen eine Tüte frisch frittierte Bananen oder Süsskartoffeln einpacken. Egal, in welcher Abgeschiedenheit wir auch sind: Die nächste Strassenverkäuferin mit einer schnellen Nascherei wartet gleich um die Ecke!

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Frisch frittierte Süsskartoffeln und Bananen: Perfekt für hungrige Radler!

Thais beschallen die Umwelt. Als hätte nicht jede noch so rudimentäre Behausung in der Pampa sowieso einen Farbfernseher: Werbung geht hier übers Ohr. Pickup Trucks mit bedrohlich hohen Lautsprechertürmen fahren im Schritttempo durch die Gegend und beglücken die Anwohner mit Musik, Parteiparolen und dem aktuellen Sonderangebot des Möbelhändlers. Oft fährt gleich ein Konvoi von vier oder fünf Fahrzeugen hintereinander, so dass die jeweilige Botschaft in der allgemeinen Kakophonie untergeht und wir dem Lärm möglichst rasch entfliehen möchten. Ob schon einmal jemand den Erfolg dieser Werbemassnahmen gemessen hat?

In Thailand gehört obligatorisch ein hässlicher Uhrturm ins Stadtzentrum, und jedes Gericht ist mit adrett ausgestanzten Gurkenstückchen garniert. Lastwagen und Mähdrescher sind von Hand bemalt, Katzen und Hunde werden ins Mänteli gesteckt. Wie es zu diesem absurden Brauch kommt, haben wir nicht herausgefunden – wegen Erfrierungsgefahr kann es ja wohl kaum sein? Thailands omnipräsentes Wort heisst Kaa (Frau) bzw. Krap (Mann). Es ist eine thailändische Höflichkeitsform, die ab und zu gar ins Englische übertragen wird. Wir müssen lachen, wenn es jeweils aus allen Ecken schallt: Goodbye-Kaa oder Thankyou-Krap!

Immer wieder wird uns bewusst, welch ideales Fortbewegungsmittel das Velo ist. Nicht zu schnell, nicht zu langsam unterwegs, können wir Land und Leute an uns vorbeiziehen lassen, jederzeit bereit für einen kurzen oder längeren Halt für ein Foto, einen Schwatz oder einfach, um den Moment einzufangen. Was einem abseits der Hauptstrassen an einem Tag alles begegnet! Platz 1 in der Liste der meistbegegneten Spezies in Südostasien nehmen sicherlich die Männer und Frauen mit Motorsensen ein. Meist sind sie im Rudel unterwegs und häckseln am Strassenrand alles kurz und klein. Der halbe Dschungel und natürlich der herumliegende Müll fliegen uns dann entgegen, und es riecht einen kurzen Moment nach frisch geschnittenem Gras.

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Thailand produziert jährlich 3 Millionen Tonnen Kautschuk: Den stechenden Ammoniakgeruch kennen wir inzwischen nur zu gut

Die Ladung der vorbeidonnernden Lastwagen würden wir mittlerweile anhand der Duftmarke auch blind erraten. Am besten schmecken uns die Laster mit den Zuckerrohrstengeln, die wunderbar süss riechen. Ebenso weiss die Nase meistens vor dem Auge, wenn wir wieder zu einer Kautschukplantage gelangen. Thailand ist mit Abstand der grösste Produzent von Naturkautschuk. In Reih und Glied stehen die Bäume mit der angeritzten Rinde, um den Stamm gebunden ist ein kleiner Eimer, der das zähfliessende Latex auffängt. In den nahen Hütten wird der Milchsaft mit Ammoniak behandelt und zu weissen „Teppichen“ verarbeitet – von hier weht jeweils ein nicht ganz so angenehmer Duft auf die Strasse. Der einen oder anderen Gummimatte werden wir vielleicht in der entfernten Heimat wieder begegnen: 70% des Kautschuks enden als Autoreifen auf den Strassen dieser Welt.

Ab und zu kommen wir an einem Singvögelmarkt vorbei. Amüsant, den Thais zuzusehen, wie sie auf ihren Rollern daherbrausen, in jeder freien Hand einen Vogelkäfig, abgedeckt mit einem Tuch. Darunter zirpt oder trillert es ganz munter auf die Strasse hinaus. Andere gehen mit ihrem Hund Gassi, hier gibts einen Ausflug mit dem Piepmatz!

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Je weiter wir ins südliche Thailand fahren, desto vielschichtiger wird die Bevölkerungszusammensetzung. In Trang fahren wir mitten in die Hauptprobe für die Feierlichkeiten zum chinesischen Neujahr. Hier wohnen mehrheitlich Chinesen und Malayen, die goldverzierten buddhistischen Wats weichen vielen (meist sehr schmucklosen) Moscheen und einigen chinesischen Tempeln. Endlich können wir wieder den liebgewonnenen Akt des scheppernden Muezzinrufs zu jeder Unzeit geniessen und in der Trinkpause vor dem Tesco-Supermarkt die muslimischen Frauen in den verschiedenen Stadien der Verhüllung bewundern. Im feucht-heissen Klima Südostasiens scheint uns eine schwarze Burka ebenso nachteilig wie in der iranischen Sommerhitze. Ein beachtlicher Teil der islamischen Frauen sieht das hier genauso: Sie sitzen kurzärmlig und mit Flip-Flops an den Füssen auf dem Moto wie alle anderen, das luftige, speziell genähte Kopftuch kann frau sich mit einem Handgriff wie eine Kappe überziehen. Praktisch!

Am letzten Januartag nehmen wir ein letztes Mal den thailändischen Boden unter die Räder, queren das Tal des dicht bewachsenen und hügeligen Thale-Ban-Nationalparks und kommen schweissgebadet am Grenzposten an, wo sich unzählige malaysische Ausflügler an den Verkaufsständen mit allerhand günstiger Ware eindecken. Nach 67 Tagen im Königreich verabschieden wir uns vom vielfältigen Ferienland: Good Bye Krap, Thailand!

1864 Kurven ins Paradies

Zwei Wochen nur dauert unser Kurzbesuch in Laos, die Hälfte davon verbringen wir im gemütlichen Luang Prabang. Umso mehr gelüstet es uns nach zwei Tagen auf dem Boot, wieder mal in die Sättel zu steigen. Früh aus den Federn, Power-Frühstück und schon stehen wir am Ufer des Mekong, bereit für die Überfahrt ins Land des Lächelns. Nur: Die laotischen Grenzbeamten schlafen noch! Zwar warten unten am Fluss schon die Fährboote, aber das kleine Büro, wo wir unseren Ausreisestempel kriegen sollen, ist noch verriegelt. Wir warten also erst mal – nicht umsonst behaupten böse Zungen, Lao PDR (Demokratische Volksrepublik Laos) hiesse nichts anderes als Please Don’t Rush“. Etwas später queren wir den Fluss ziemlich abenteuerlich auf einem schmalen, hölzernen Kahn. Nur zwei Wochen später übrigens wäre es einfacher gegangen, erfahren wir auf dem Boot von einem thailändischen Uniprofessor, der nach drei Jahren China nach Hause reist: Über die neue, gewaltige Brücke, deren Eröffnung wir somit knapp verpasst haben.

Ennet dem Mekong warten Heerscharen von Touristen auf die Überfahrt nach Laos. In der Gegenrichtung sind wir fast die einzigen. Rasch erhalten wir unseren Einreisestempel und schon stehen wir wieder auf der Strasse – ganz am linken Rand natürlich, denn nun herrscht Linksverkehr! Unsere Rückspiegel wandern von links nach rechts, wir hingegen schauen noch tagelang immer erst auf die falsche Seite, nur um dort nicht unseren gewohnten Blick nach hinten werfen zu können.

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Landschaftlich unterscheidet sich die Region kaum von der laotischen Seite, und doch spürt man den enormen Unterschied der beiden Länder sofort. Die Tempel sind zahlreicher, pompöser und farbiger als in Laos. Auch auf dem Land erblicken wir oft prachtvolle Häuser aus Teakholz. Zu Fuss geht kaum jemand, alle sind motorisiert unterwegs, am liebsten in einem Toyota Hilux. In jeder noch so kleinen Stadt gibt es zig Banken und eine Vielzahl an Supermärkten, allen voran die allgegenwärtigen, auf arktische Temperaturen heruntergekühlten 7-Eleven-Filialen. Am Strassenrand wartet alle Kilometer ein hübsches Bushäuschen, das uns viele schöne Pausenmomente beschert und uns in den ersten Tagen bei fiesen Spontanregengüssen Zuflucht bietet. Das Essen ist vielfältiger, die Auswahl grösser und plötzlich treffen wir überall auf herzige Cafés mit frisch gerösteten thailändischen Bohnen. Nach langer Reise durch Schwellen- und Entwicklungsländer hat uns die „Zivilisation“ wieder: Seit der Türkei ist das Reisen nie mehr so komfortabel gewesen.

Unser erstes Ziel in Thailand ist Chiang Rai. Obwohl bereits 1262 gegründet, gibt es hier gibt es ausser einem kitschigen Uhrturm mitten in einer Strassenkreuzung so gut wie nichts zu sehen. Uns macht das herzlich wenig aus, wir richten uns in einem ruhigen Guesthouse gemütlich ein und pendeln zwischen den Strassenmärkten, Tempeln und Cafés hin und her. Und natürlich schauen wir uns abends das Uhrturm-Spektakel an: Zu pompöser Musik und einer grellen Lichtshow erhebt sich im Innern eine Lotusblüte, während rundherum die Motorroller, Autos und Tuk-Tuks vorbeilärmen. Heureka, das hätte Tinguely nicht besser hingekriegt!

Auf dem Weg nach Chiang Mai machen wir erstmals Bekanntschaft mit den nordthailändischen Bergen. Wir sind uns von der Türkei, Zentralasien und China mittlerweile ja einiges gewöhnt, aber wer hätte gedacht, dass uns diese hügelige Region so arg ins Schwitzen bringen würde! Zwar geht es kaum je über 1500 Meter Höhe hinaus, aber die Strassen winden sich in unendlich vielen Kehren auf und ab. Erschöpft erreichen wir abends jeweils schmucke Dörfer: Tha Ton mit seiner weitläufigen Klosteranlage hoch über der Ortschaft, von wo man einen herrlichen Ausblick über das breite Tal mit dem Mae-Kok-Fluss hat. Chiang Dao am Fusse des dritthöchsten thailändischen Berges, wo wir weit ausserhalb des Dorfes ein kleines, einfaches Bambushüttchen finden und gleich ein paar Tage hängenbleiben, Höhlen erkunden und die köstliche thailändische Küche geniessen.

Ein Gedicht: "Stir Fried Tofu In Garlic and Pepper Sauce Served with Pineapple Ring & Cucumber"

Ein Gedicht: „Stir Fried Tofu In Garlic and Pepper Sauce Served with Pineapple Ring & Cucumber“

Wie das Wiedersehen mit einer alten Bekannten fühlt sich die Einfahrt in Chiang Mai an. Lebhafte Märkte in verwinkelten Gassen sowie lauten Verkehr treffen wir schon ausserhalb der historischen Mauern an. Der Nachtmarkt ist inzwischen zwar eine veritable Touristenfalle ohne jeglichen Charme geworden, dafür geht es im Altstadtbezirk so gemütlich wie eh und je zu und her. Hinter jeder Ecke versteckt sich ein bunt schillernder Tempel, in lauschigen Gärten lässt es sich unter einem Blätterdach gediegen für fast kein Geld speisen und am Abend verwandelt sich so manche Strasse in einen regsamen Markt, auf dem allerhand Krimskrams verkauft wird. Und natürlich das Essen, des Thais liebstes Hobby! Da dieser Tage auch der 86. Geburtstag von König Bhumibol gefeiert wird, ist Chiang Mai festlich geschmückt und Yvonne wird an einer Freiluftausstellung zu Ehren des Königs von einer Handvoll Studentinnen sogar zum Videointerview geladen. Wir wissen nun, dass der König seine Jugend in der Schweiz verbracht hat – wer hätte das gedacht!

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Long live the King!

Nach einer Woche voller kulinarischer Höhepunkte wölben sich unsere Bäuche schon bedrohlich und wir beschliessen, auf dem Weg in den Süden doch noch einen kleinen Umweg zu machen. Auf zum berüchtigten „Mae Hong Son Loop“ im äussersten Nordwesten Thailands! 1864 Kurven sollen es allein auf der Strecke zwischen Chiang Mai und Mae Hong Son sein, wie man auf den stolz getragenen Erinnerungs-Shirts der thailändischen Touristen lesen kann. Für einige soll ja schon die kurvige Fahrt im Minibus eine Herausforderung sein! Wir bringen es mit unserem Slalomkurs bei extremsten Steigungen auf ein Vielfaches der 1864 Kehren und legen zwischendurch sogar eine spontane Zeltnacht ein, weil wir die heftigen Anstiege unterschätzt haben. Da schätzen wir es, dass die Feuerwehrleute mitten im Urwald einen Stützpunkt an bester Lage mit toller Aussicht eingerichtet haben. Unser Zelt dürfen wir mitten in einer Haarnadelkurve auf einem piekfein gemähten Rasen aufstellen und schon bald löffeln wir ein wahrlich internationales Menu: Pasta aus Tadschikistan, dazu eine Pilzcrèmesuppe aus der Türkei. Was man in so einer Radlertasche nicht alles findet!

Seit langem sind wir erstmals ohne unmittelbare Visumssorgen unterwegs und haben keine Deadline im Nacken. Wir teilen darum unsere Rundfahrt auf und verbringen zwischendurch einige Tage in einem wahren Paradies: Willkommen im Waldkloster Tam Wua!

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Ziemlich abgekämpft nach einem langen Tag und einem neuen Höhenmeterrekord von über 1700 Metern biegen wir am späten Nachmittag in ein schmales Strässchen ein und finden uns bald in einer stimmungsvollen Lichtung mit gepflegtem Rasen wieder. Leise gluckert der Bach, im Fischweiher tanzen die Wasserspinnen im Abendlicht und in der Ferne zwitschern die Vögel von den bewaldeten Karstfelsen herunter. In den nächsten Tagen werden wir das eingespielte Radlerdasein aufgeben und uns einem anderen, nicht minder herausfordernden Tagesablauf unterwerfen: Wir erhalten Einblick ins Leben eines thailändischen Waldklosters und lernen dabei Vipassana-Meditation. Ein Abenteuer der ganz anderen Art! Als erstes tauschen wir unsere farbigen Veloleibchen gegen die für Novizen üblichen weissen Kleider ein und werden danach in unsere jeweiligen Kämmerchen gewiesen. Nach einer kurzen Einweisung ins Klosterleben sinken wir früh ins Bett auf die Matte, denn am Morgen geht es zeitig los!

Schnell gewöhnen wir uns an die neue Routine und widmen uns so ganz anderen Dingen, als wir es uns aus unserem Veloalltag gewohnt sind. Dank der magischen Lage in totaler Abgeschiedenheit und den hilfreichen Instruktionen des lehrenden Mönchs gelingt es auch einem Debütanten wir mir, schon bald die alltäglichen Ablenkungen hinter sich zu lassen und sich ganz der Übung von Achtsamkeit hinzugeben. Auch das vierzigminütige Sitzen im Schneidersitz gelingt ganz passabel. Dafür sind die Essenszeiten für den auf maximale Kalorienzufuhr getrimmten Radlermagen eine Herausforderung: Nach 12 Uhr mittags wird bis zum nächsten Morgen keine feste Nahrung mehr aufgenommen. Entsprechend gross ist der Ansturm auf den im Speisesaal angebotenen Tee, Kaffee und die Ovomaltine – die Zuckerdose auf der Theke ist regelmässig leergeräumt.

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Der Tagesablauf im Waldkloster Tam Wua: Auch beim nachmittäglichen Laubwischen sind wir mindful

Dreimal täglich meditieren wir in der Gruppe, dazwischen bleibt genügend Zeit, um sich an der Schönheit der Klosteranlage inmitten der pittoresken Karstfelsen zu erfreuen. Sei es bei einem Spaziergang zur Meditationshöhle am Fuss der Berge oder um den Lotusteich – die Zeit scheint hier langsamer zu gehen. Die stetige Beschäftigung mit irrelevanten Neuigkeiten und das Nachdenken über banale Alltäglichkeiten treten zusehends in den Hintergrund. Zeit und Raum für die Gelegenheit, über die grossen Lebensfragen zu sinnieren – vielleicht sogar mit einem Besen in der Hand beim Laubwischen. Vor den beiden Mahlzeiten des Tages dürfen wir den Mönchen das Essen darreichen, bevor wir selber beim hervorragenden vegetarischen Buffet zugreifen. Auch wenn der Abt mit seinen Anekdoten dabei manchmal etwas abschweift und zu keinem Punkt kommt – recht hat er mit seinem oft wiederholten Spruch: „Meditation Vipassana, happyyy happyyyyyy!“

Happy verlassen wir nach einigen Tagen dieses Kleinod, denn zwischen hier und dem äussersten südlichen Ende des Landes liegen ja noch einige Kilometer. Eine kurze Etappe bringt uns nach Mae Hong Son, wo wir uns unter die vielen thailändischen Besucher mischen, einen „Kurvenabsolvierer“-Aufkleber erwerben und uns in einer Strassenküche am See wieder an den lärmigen Alltag ausserhalb der Klostermauern gewöhnen. Willkommen zurück im Radlerleben!

Happy New Year!

Das Jahr 2013 geht zu Ende – ein Jahr, das für uns mehr als so manches zuvor in Erinnerung bleiben wird. 17 Länder haben wir bis bisher durchquert, 12’000 Kilometer und 100’000 Höhenmeter erradelt. Dutzende andere Velofahrer haben wir getroffen. Ungezählte wundervolle Begegnungen mit Menschen in uns so fremden Ländern durften wir erleben. Oft spürten wir gerade in ärmeren Regionen eine Gastfreundschaft und Offenheit gegenüber Fremden, die schlicht berührend ist.

Für diese vielen wunderbaren Momente haben wir uns das genommen, was wir euch fürs 2014 wünschen:

Zeit.

Zeit für die Familie. Für einen Spaziergang im nahen Wald. Zum Betrachten einer fallenden Schneeflocke. Für die Freunde. Zum Durchatmen, Nachdenken. Zeit für Stille. Zum sinnlichen Erleben einer erwachenden Wiese an einem Frühlingstag. Und vor allem Zeit für euch selbst. In diesem Sinne:

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Big Brother Mouse sagt Danke!

Wir sind überwältigt! Vor wenigen Wochen haben wir von der Organisation „Big Brother Mouse“ berichtet, die wir 2010 auf unserer ersten Veloreise durch Laos kennengelernt haben. Während wir uns in den folgenden Tagen Luang Prabang näherten, sind viele unserem Aufruf gefolgt, sich an einer Spende für ein neues Buch zu beteiligen. Mit grosser Freude dürfen wir verkünden, dass wir gemeinsam unser Ziel erreicht haben: Den laotischen Kindern im Namen von furt.ch ein Buch zu spenden! Zu unserer riesigen Überraschung und Freude ist dabei nicht nur der Minimalbetrag zusammengekommen. Wir konnten deshalb ein besonders schönes Buch auswählen: Die Geschichte des jungen Prinzen Sithon, der sich in die hübsche Manola verliebt.

sithonmanola200x284Thao Sithon was a young Lao prince. He heard about Manola from a palace guards, and fell in love with her. But soon after they were married, they separated, as he had to go to war. This famous Lao folktale tells of the couple’s quest to be together again.

The walls of Buddhist temples in Laos are often decorated with pictures from folktales and religious parables. This book is illustrated with paintings of Sithon and Manola from one such temple.

Retold by Kongsy Vilayphone and Khamphong Vongpachit, photographs by Kongsy Vilayphone Lao language, 64 pages, A5

Das Buch ist erst kürzlich für den Druck vorbereitet worden und muss nun nicht lange auf einen Sponsor warten, sondern wird schon bald in den Dörfern von Laos vielen Tausend Kindern Lesespass bereiten. Wir danken allen unseren Leserinnen und Lesern, die sich an der Aktion beteiligt haben, ganz herzlich für die grosszügigen Beiträge! Dank euch konnten wir Big Brother Mouse 2’400 US-Dollar für die Herstellung dieses Buches überreichen.

Normalerweise hat man als Spender ja keine Möglichkeit, mit vertretbarem Aufwand die Arbeit einer unterstützten Organisation vor Ort persönlich zu beurteilen. Wir sind nun aber da – und das erst noch ganz ökologisch mit dem Velo! So nutzen wir am 22. November die Gelegenheit, Big Brother Mouse bei der Arbeit zuzuschauen und in ein laotisches Dorf zu begleiten. Eine Book Party im Dorf „Huyamak“ steht an! Big Brother Mouse versucht, bei jeder der unzähligen Schulen in der Region ein Mal pro Jahr vorbeizugehen. In Huyamak sind seit dem letzten Besuch bereits drei Jahre vergangen. Mit vier weiteren Sponsoren starten wir frühmorgens im Minibus und fahren nordwärts. Bald biegen wir von der asphaltierten Strasse ab und sind innert Minuten im ärmlichen Laos: Auf einem ausgewaschenen Fahrweg geht es über Stock und Stein, mitten durch Bäche und an vielen winzigen Dörfern vorbei. Man fragt sich still, wie oft diese Leute hier wohl in die Stadt kommen? Wohl nie. Mehr als einmal muss unser Fahrer einen Bauern nach dem richtigen Weg fragen: Geradeaus oder doch den steilen, unscheinbaren Pfad die Böschung hoch? Wir wären hier schon längst verloren.

Nach langer, staubiger Fahrt erreichen wir unser Ziel. Unser Besuch ist angekündigt, die Kinder warten bereits aufgeregt auf die Gäste aus der fernen Stadt – und noch spannender sind wohl die sechs „Falangs“, Ausländer, die mit von der Partie sind. Unter freiem Himmel versammeln sich die Klassen in Reih und Glied und hören aufmerksam der Bekanntgabe des Tagesablaufs zu. Dann gehts los, mit Geschrei stürmen die Kinder in die Schulzimmer und schon bald haben wir alle Hände voll zu tun bei der Verteilung eines lustigen Rätsel- und Spielhefts. Ein paar Erklärungen über die verschiedenen Denkspiele, und schon wird es still im offenen Bambusschulhaus. Gross und Klein, gerüstet mit den funkelnagelneuen Bleistiften, beugt sich über die Hefte und schreibt, malt und zeichnet, was das Papier hergibt. Ab und zu braucht es einen neugierigen Blick zum Nachbarn – vielleicht hat der ja schon die Lösung des Buchstabenrätsels gefunden, bei dem man selbst nicht mehr weiter weiss!

Schon geht es draussen weiter: Die ganze Schule, insgesamt rund 130 Kinder, bildet einen grossen Kreis. In der Mitte steht Sone von Big Brother Mouse und erklärt das erste Spiel: Alle müssen auf seinen Befehl springen, stehenbleiben oder sich ducken – wer falsch reagiert, muss in die Mitte des Kreises marschieren. Dort erwartet die „Verlierer“ eine Handvoll weisses Pulver. Das Gekicher und ausgelassene Geschnatter ist riesengross, als sie sich ihre Gesichter damit einreiben: Kleine Schneemänner mitten unter der laotischen Sonne!

Zurück im Klassenzimmer, lesen die Mitarbeiter von Big Brother Mouse laut aus einem der Bücher vor. Die bunten Bilder spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Kinder werden so animiert, später zu Hause und in der Schule ebenfalls laut zu lesen und die bebilderten Geschichten zu erzählen. Dicht gedrängt sitzt die Kinderschar auf den schmalen Holzbänken und lauscht gebannt der Erzählung. Wir sind beeindruckt von der packenden, humorvollen und äusserst motivierten Art des Teams von Big Brother Mouse – es weiss, wie man Kinder begeistert. Zu vermitteln, dass Lesen Spass macht, ist eines ihrer Hauptziele – und das haben sie voll erreicht! Von den lokalen Lehrern hingegen haben wir nicht den Eindruck, dass sie ihre Aufgabe mit besonders viel Hingabe, Kreativität und Spass meistern. So ist denn auch die Lehrerausbildung ein weiteres Thema, dem sich Big Brother Mouse annehmen möchte…

Nach einer kleinen Erfrischungspause folgt der Höhepunkt des Tages: Jedes Kind erhält sein eigenes Buch. Wir werden umringt beim Verteilen der Schätze – wer bereits ein Buch sein eigen nennen darf, zeigt dieses wie ein Juwel herum, vertieft sich augenblicklich in die spannende Geschichte oder schaut sich die wunderbaren Illustrationen an.

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Beispielseite aus „unserem“ Buch Sithon and Manola. Bildern wird viel Platz eingeräumt, weil zu viel Text die meisten Kinder überfordern würde.

Zum Schluss übergibt Big Brother Mouse der Lehrerschaft einige Schachteln weiterer Bücher. Damit wird in der Schule eine kleine Bibliothek eingerichtet, in der die Kinder ihre Bücher tauschen und so weiteren Lesestoff erhalten können. Für den Rest des Nachmittags kriegen die Schüler frei – wir begleiten sie noch zu einem kurzen Spaziergang durch das Dorf, bevor wir unsere Rückreise antreten. Wir sind uns einig: Big Brother Mouse leistet mit einem kleinen, motivierten Team hervorragende Arbeit und ermöglicht es etlichen Kindern, auf vergnügliche Art das Lesen zu üben. Wir sind glücklich, dass wir stellvertretend für unsere Leserschaft und unsere Sponsoren einen Einblick in dieses Projekt erhalten durften. Möge die Geschichte von Sithon und Manola vielen laotischen Kindern packende Lesestunden bereiten und ihnen den Weg in die Welt des Lesens ebnen!

Bern-Kunming in 12 Tagen

Kunming ist – jetzt machen wir für einmal einen kleinen Bildungsausflug – eine der drei Partnerstädte Zürichs. Einen roten Teppich bei unserer Ankunft haben wir deshalb nicht erwartet. Aber dass es ein kleineres Kunststück ist, mit einem Fahrrad in diese Stadt hinein- und wieder hinauszufahren, gibt einem schon zu denken. Anderen Radlern erging es nicht besser: Zwei britische Fernradler mussten vor einigen Wochen bei der Ausfahrt aus Kunming nach 75 Kilometern und Stunden der Herumirrens auf Baustellen und gesperrten Strassen klein beigeben und am Abend wieder in ihr Hostel zurückkehren.

Über 30 Jahre besteht diese Städtepartnerschaft; das den Zürchern wohl bekannteste Resultat davon ist der Chinagarten an der Seepromenade, „einer der ranghöchsten Gärten ausserhalb Chinas“. Werden wir in Kunming, dank des milden Klimas die „Stadt des ewigen Frühlings“ genannt, ebenfalls auf Spuren von Zürich stossen? Vielleicht auf eine Replik vom Sternen-Grill am Bellevue inklusive legendärer Bratwurst und einem Gold-Bürli? Oder gar auf einen Hafenkran, der hier genauso deplaziert wäre wie am Limmatquai? Nun, Zürichs Beiträge sind subtiler: Trink- und Abwasser, Stadt- und Regionalentwicklung waren in der Vergangenheit Themen. Aktuell soll Altstadtschutz ein prioritärer Zusammenarbeitsbereich sein. Da müssen wir schon schmunzeln: Hallo, wo gehts hier bitte zur Altstadt? Es ist in Kunming kaum ein Gebäude auszumachen, das mehr als ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Im Osten der Stadt entsteht ein neues Quartier für ein paar Hunderttausend Chinesen – wir sind meilenweit durch ein Meer von Baukränen gefahren. Sorry, liebe Zürcher: Hier gibts keine Altstadt mehr zu schützen. Wir haben nur noch einige Trümmerfelder gesehen, auf denen bald weitere Hochhäuser in den Himmel wachsen. Die von der „Velostadt Zürich“ angeregten separaten Busspuren, Fussgängerzonen und Fahrradstreifen (auf denen notabene nur Elektroscooter rollen) haben wir allerdings mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen, sie sollen ja in der Volksrepublik China Modellcharakter haben. Aber dass kein einziger Chinese selbst auf diese bahnbrechenden Innovationen gekommen ist?

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Fussgängerzone in Kunming, aufgewertet mit Kunst am Bau –
das haben die Chinesen bestimmt den Zürchern zu verdanken!

Wie auch immer, wir geniessen die praktisch sehenswürdigkeitenfreie Grosstadt eine Woche lang. Sehen uns den ziemlich braunen „Green Lake“, ein paar Tempel und Pagoden sowie den Vergnügungspark am Dian-See an. Bald stossen auch Heidi und Markus dazu, denen wir seit Kashgar immer knapp vorausgefahren sind – da gibt es bei einem Bier viele Anekdoten über lustige und seltsame Begegnungen mit den Asiaten auszutauschen! Nicht zuletzt warten wir aber je länger, desto ungeduldiger auf ein Paket aus der Schweiz: Ich fahre ja seit knapp 1000 Kilometern ohne Hinterbremse, was bei aller Angewöhnung kein Spass und schlicht gefährlich ist – Südchina wird je länger, desto gebirgiger, und spätestens in Laos geht es ohne zuverlässige Bremse nicht mehr.

Unseren Velohändler des Vertrauens baten wir, den neuen Bremshebel per DHL-Expresspaket zuzustellen. Ebenso avisierten wir mitten in der chinesischen Pampa gleich ein Hostel in Kunming, dieses doch bitte für uns entgegenzunehmen, sollten wir selbst nicht vor dem Paket in der Stadt eintreffen. Am 25. Oktober in Bern aufgegeben, geht es so speditiv, wie man sich das vom Unternehmen DHL wünscht: Am 26.10. um 7:14 Uhr startet mein Bremshebel auf der Leipziger Piste 08R/26L mit Ziel Hongkong, das es gleichentags um 20:31 Uhr erreicht. Ein Tag später ist es bereits in „China, Southwest Area“, konkret in Chengdu. Töricht, wer nun denkt, es ginge im selben Expresstakt weiter! Eines schönen Tages in den Weiten Chinas stellen wir am Abend fest, dass wir von einer chinesischen Nummer angerufen wurden. Dies beunruhigt uns nicht weiter – wer in China eine SIM-Karte erwirbt, kriegt bereits 10 Minuten nach deren Aktivierung die ersten Werbe-MMS für Kühlschränke und Popcornmaschinen zu Sonderpreisen zugestellt. Wir schenken dem verpassten Anruf also keine Beachtung, bis wir aus Bern die Nachricht erhalten, DHL könne uns nicht erreichen. Wozu denn? Ich rufe also zurück und lasse mir von einer netten Dame erklären, dass ich als Empfänger eine Zolldeklaration durchzuführen hätte. Derweil liegt unser Paket in Chengdu und macht keinen Wank. Etwas verärgert bitte ich um die Zustellung der Unterlagen per E-Mail – immerhin liest man auf dhl.de ja unter anderem:

Wir sorgen dafür, dass Ihre Sendungen reibungslos den Zoll passieren. Durch unser einzigartiges Netzwerk von Zollniederlassungen kennen wir die Herausforderungen des grenzüberschreitenden Warenverkehrs wahrscheinlich besser als jeder Andere. Unser höchst effizienter Zollabfertigungs- und -Compliance-Service ist so gestaltet, dass er das komplexe Zollverfahren wesentlich vereinfachen hilft.

Warum wir ein korrekt deklariertes, harmloses Bremshebelchen nun nochmals erklären müssen, entzieht sich unserer Kenntnis. Kurz vor Kunming, es ist nun bereits November, liegt die Nachricht von DHL in meiner Mailbox: 6 Anhänge, mehrseitige Zollbestimmungen und ein Deklarationsformular – natürlich alles auf Chinesisch! Unter gütiger Mithilfe von Google Translate erschliesst sich mir nach und nach, was gefordert wird – ich soll handschriftlich bestätigen, dass ich der Empfänger der Sendung bin, eine Passkopie beilegen und weitere Angaben zum Inhalt machen. Abgesehen von Pass und Unterschrift nichts, was nicht schon in der Schweiz deklariert wurde. Soviel zu „reibungslos“ und „effizient“! Ich sende die Unterlagen eiligst zurück – leider ist Freitagabend und ja, bei DHL arbeitet am Wochenende niemand, auch nicht in China. Am Montag darauf schreibt meine liebe DHL-Frau Rachel eine Zeile:

Dear christian: We received your paperwork,we will declare to customs in 3days.

Langsam bin ich etwas ungehalten. Jetzt will die gute Rachel erst mal drei Tage warten, bis unser Paket möglicherweise aus den Klauen des chinesischen Zolls befreit werden soll? Da schreib ich doch gleich nochmals ein nettes Mail, dessen Inhalt wir hier lieber nicht publizieren. Die Antwort kommt überraschend schnell:

Dear christian
Got it ,we will deal with it in advance.
Could you pls provide us the detailed description,like the tyre or other spare parts of bicycle?
So appreciate for your information.

Langsam wundern wir uns, wie um alles in der Welt DHL in der Lage ist, grosse Mengen an Waren um den Globus zu befördern. Wir schicken DHL nun also ein weiteres Mail mit allen erdenklichen Details zu meinem schönen, schwarz-glänzigen Bremshebelchen: Modell HS-11, Hersteller Magura, gefüllt mit Hydrauliköl, Link zur Herstellerseite. What’s next? Soll ich auch noch Farbe, Grösse und Produzent meiner Unterhose bekanntgeben?

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DHL scheint mich genug gequält zu haben, ein Tag später schreibt Rachel eine letzte Zeile: Dear Christian:Your parcel had been released by customs. Endlich! Nach zwölf Tagen schliesse ich glücklich und mit einem seligen Lächeln das Paket mit dem gelb-roten DHL-Logo in die Arme. Und wir wissen nun auch, wofür DHL steht: „Das Hät Lang!“ Der Hebel ist in wenigen Minuten montiert – nun sind wir bereit für die Berge. Südchina, wir kommen! Wäre da nicht ein kleiner Denkfehler bei der Planung der weiteren Reise gewesen. Lange waren wir unschlüssig, ob wir über die nahe Grenze nach Vietnam weiterfahren sollten oder nach Laos, wo wir vor drei Jahren bereits per Rad unterwegs waren. Berichte anderer Reisenden über den rücksichtslosen Verkehr in Vietnam veranlassen uns, die erste Option fallenzulassen – lieber kurven wir ein zweites Mal durch die verträumten laotischen Berge, wo wir nach dem lauten China etwas Ruhe tanken können. Nur: Bis zur laotischen Grenze sind es fast nochmals 800 hügelige Kilometer, und unsere chinesischen Visa nähern sich langsam dem Verfalldatum.

Was nun? Erst mal holen wir uns beim thailändischen Konsulat innert Tagesfrist ein Touristenvisum für 60 Tage – so geht das, ihr Turkmenen, Usbeken, Chinesen! Darauf folgt ein kleiner Abstecher zum Büro der Ausländerpolizei. Hier kann man sein Visum maximal einmal um 30 Tage verlängern, allerdings ist die Servicebereitschaft der Beamten je nach Stadt oder Region recht unterschiedlich. Generell soll es in grösseren Metropolen massiv bürokratischer zugehen als in kleineren Städten. Ohne grosse Erwartungen stehen wir deshalb am Schalter, wo uns der Beamte das Prozedere erklärt. Fünf Tage soll es dauern, benötigt werden Fotos und ein paar Formulare. Das geht ja noch, denken wir und ziehen von dannen. Einen Tag später stehen wir erneut vor demselben Beamten, legen unsere Passbilder und Papiere vor, worauf er uns erklärt, es dauere mindestens acht, vielleicht auch zehn Arbeitstage, bis wir das neue Visum erhalten würden. Ach, wie wir diese chinesische Unzuverlässigkeit lieben!

Die Entscheidung ist schnell gefällt: Wir verzichten auf eine Zugabe in China und kürzen unseren Weg an die Grenze mit einer Busfahrt ab. Doch so einfach, wie das klingt, ist es natürlich nicht. Der Bushof von Kunming liegt ja praktischerweise 20 Kilometer südlich der Stadt. Das ist also so, wie wenn man von Luzern aus für eine Busfahrt zuerst nach Cham (!) fahren müsste. Oder von Bern nach Grosshöchstetten. Oder von Zürich nach Bülach. Kurz gesagt: Da hätten wir ja gleich alles mit dem Rad fahren können. Immerhin, ein bisschen Spass muss sein: Dank dem heissen Tipp unserer österreichischen Radlerfreunde nehmen wir nach dem 34-sten Beinahe-Unfall unsere Notpfeife aus der Lenkertasche und pfeifen den Chinesen mal ordentlich eines um die Ohren. Zu unserem Gaudi scheint Lärm zu helfen. Wenn ich in die offenen Fenster der rücksichtslosen Kleinlaster pfeife, stehen die Fahrer ganz entsetzt auf die Bremse.

Von Kunming bis Pu’er liegen unsere Velos im Bauch eines Busses, während wir die endlosen Reihen von Gewächshäusern an uns vorbeiziehen lassen. Die Fahrt dauert länger als erwartet und es dunkelt bereits, als wir in der Nähe des Bushofes in ein heruntergekommenes Quartierhotel einchecken. Da kommt der Schnaps gerade richtig, der uns in der Kneipe auf der gegenüberliegenden Strassenseite vor dem Znacht offeriert wird. Prost!

Beim frühen Frühstück legen wir uns nächstentags eine Strategie zur Kaperung des Expressways zurecht, denn Fahrräder sind auf der Autobahn weiterhin verboten. Wir warten auf einen Bus, der auf den Tollgate zurollt, schleichen uns rechts heran und fahren neben ihm ungesehen an der Schranke vorbei. Gesagt, getan – schon rollen wir auf dem feinen Asphalt dahin und geniessen erst einmal eine lange Abfahrt. Nach gut 20 Kilometern ist aber fertig lustig – hinter uns macht es „mööööp“. Oje, das lustige Quieken einer Streifenwagen-Hupe. Alles Nichtverstehen, Gestikulieren und Argumentieren nützt nichts: Die beiden Polizisten haben alle Zeit der Welt, um uns die Strecke bis zur nächsten Ausfahrt zu begleiten. Dort warten sie auch brav, bis wir  die verbotene Zone verlassen haben. Der Wärter am Tollgate schreit uns noch etwas nach – will er gar Geld für unsere Strolchenfahrt? Verstimmt machen wir uns einmal mehr auf den Weg auf die „alte“ G213, der wir schon seit über einem Monat vom Osttibet quer durch China folgen. Adieu ihr bequemen Brücken und Tunnels, es wird gleich wieder anstrengend mit viel Auf und Ab. 150 Kilometer und 1300 Höhenmeter werden es an diesem Tag…

Belohnt werden wir mit Einblicken ins ländliche Südchina. Wir sind nun definitiv in den Tropen angelangt, das Klima ist feucht-schwül und die Szenerie wechselt zu tropisch: Tee-, Bananen-, Kautschuk- und Kaffeeplantagen wechseln sich ab mit Abschnitten unberührten Regenwalds. Sogar wilde Elefanten soll es hier geben und wir werden auf Warntafeln aufgefordert, diese doch bitte nicht mit unnötiger Huperei zu erschrecken.

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Xishuangbanna ganz im Süden Yunnans steht bereits voll im Zeichen Südostasiens. Wie im Osttibet und in Xinjiang handelt es sich um eine autonome Region, die vorwiegend von Dai bevölkert wird, einer ethnischen Minderheit am Rande Chinas. Entsprechend geht es auch wieder freundlicher zu und her. Plötzlich heepen uns die Leute wieder ein herzliches „Hello“ zu, winken enthusiastisch und beglücken uns mit einem Lächeln. Uiguren, Tibeter, Dai: Die Minderheiten in China bleiben uns in bester Erinnerung. Wir haben eine einfache Daumenregel aufgestellt: Je mehr Han-Chinesen, desto unfreundlicher wird es. Sorry, liebe Chinesen!

In Jinghong lassen wir unseren bald zweimonatigen Aufenthalt im Reich der Mitte gemütlich ausklingen, besuchen den sehenswerten Botanischen Garten und fühlen uns dank entsprechender Architektur schon ganz wie in Thailand. Die Stadt ist ein Thailand-Disney für Chinesen, die das tropische Feeling ohne mühsame Reise ins Ausland erfahren möchten. Sogar T-Shirts mit der Aufschrift „Thailand“ gibts zu kaufen für jene, die zu Hause gerne etwas herumprahlen. Wieso auch in die Ferne schweifen? Wir hingegen freuen uns bereits aufs In-die-Ferne-Schweifen, denn für uns heisst es jetzt 再见中国: Tschüss China!