Ein Tag zum Vergessen

Wer glaubt, dass beim Veloreisen immer alles nur eitel Sonnenschein ist, irrt gewaltig. Es gibt auch Tage, da läuft alles schief – obwohl solche bis jetzt noch dünn gesät waren. Dabei hat alles so gut angefangen! Nachdem wir im wilden und dünn besiedelten Thrakien seit Wochen wieder einmal auf Fernradler treffen (es ist ein junges Briten-Paar, das von Istanbul nach London fährt), finden wir direkt an Meer einen Zeltplatz und geniessen den Abend – nur wir zwei und ungefähr vier Zillionen Mücken. Seit Tagen ist es sonnig und heisser als uns lieb ist, so dass wir das regendichte Aussenzelt weglassen. Natürlich fängt es genau in dieser Nacht an zu regnen. Mittels kurzer, demokratischer Abstimmung beschliesst das anwesende Stimmvolk, das unerwartete Nass als einen vorübergehenden Niesel zu klassieren, und wir schlafen wieder ein.

Der nächste Morgen startet wolkig – zudem sind wir dank Regen, pardon Niesel, mit einer kleinen, aber feinen Sandschicht überzuckert. Uns hält nichts mehr im Zelt und wir fahren frühzeitig los. Doch, oh Schreck: Im nächsten Dorf stürzt sich plötzlich eine ganze Horde von Hunden mit gefletschten Zähnen auf uns. Die wenigen unangenehmen Begegnungen mit Hunden haben wir dank den guten Tipps von travellingtwo.com bisher heil überstanden. Das Wichtigste: Anhalten! Sobald ich also die Meute bellender Köter auf mich losrennen sehe, ziehe ich die Bremse und halte sofort an. Christian, der dicht hinter mir fährt, ist darauf nicht vorbereit, kommt nicht mehr rechtzeitig aus dem Klickpedal und stürzt auf die Strasse. Ich schreie auf: Genau in diesem Moment kommt auf der anderen Strassenseite ein Auto entgegen und fährt nur haarscharf an ihm vorbei. Was für ein Schock!

Passiert ist gottseidank nichts schlimmeres. Ausser einem aufgeschürften Arm und Knie fehlt ihm nichts, aber der Schreck über den Beinahe-Unfall sitzt uns noch lange tief in den Knochen. Wir begehen den ersten Fehler und beschliessen, wegen der schönen Landschaft einen kleinen Umweg einzulegen, da wir dort an einem Dorf vorbeikommen und uns bei einem Eiskaffee erst mal etwas erholen können. Wegen der guten Internetverbindung bleiben wir dort – Fehler zwei – länger hängen als gewollt, und schon ist es fast Mittag, als wir die Etappe richtig starten.

Kaum aus dem Dorf herausgekommen, bemerken wir, dass in den verlorenen Stunden ein heftiger Wind aufgekommen ist, und das Thermometer steigt unablässig. Die Landschaft ist flach und voller Felder, doch die Bäume werden immer rarer. Sehnsüchtig schauen wir auf die Bewässerungskanonen, die für uns unerreichbar auf den Feldern für etwas Abkühlung hätten sorgen können. Umso mehr freuen wir uns, als wir endlich eine Bewässerungsanlage neben der Strasse entdecken, bei der dank heftigem Wind ab und zu auch ein paar Spritzer auf dem Asphalt landen.

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Als wir juchzend unter der „Dusche“ stehen, fährt ganz langsam ein Auto heran und kommt dicht hinter meinem Velo zum Stehen. Ein komischer Typ sitzt drin und sagt kein Wort. Wir fühlen uns unwohl, doch wir tun ja nichts Unerlaubtes! Er steigt aus und reagiert auch nicht auf unseren Gruss. Uns wird ungemütlich, so fahren wir weiter, obwohl wir gerne noch etwas mehr abgekühlt hätten. Der Gegenwind wird immer garstiger, und die Temperatur auf unserem Velocomputer zeigt inzwischen wieder 40 Grad. In mir steigt leichte Panik hoch: Kein Baum, Hitze, kein Dorf weit und breit – und im Kopf wirds bereits wieder schwummrig. In einer leeren Pumpstation essen wir erst einmal einen Bissen, doch das Brot kann ich kaum hinunterschlucken, es fühlt sich an wie Sahara-Sand zwischen den Zähnen. Diese trockene Hitze macht einen innerlich zur Dörrtomate!

Nach einer Weile des dörrtomatigen Rumsitzens beschliessen wir, es wenigstens bis ins nächste Dorf zu versuchen, um dort – so vorhanden – in einem Café bei einem kalten Getränk den kühleren Abend abzuwarten. Doch kurz bevor wir das Dorf erreichen, hört plötzlich der schöne Asphalt auf. Wenig später kennen wir den Grund: Wir stehen vor einem ansehnlichen Bach, eine Brücke aber fehlt weit und breit. Auch das noch! Wir ziehen Schuhe und Socken aus und waten mit gemischten Gefühlen durchs Wasser. Seit unserer Fast-Bilharziose in Marokko sind wir Gewässern gegenüber generell leicht misstrauisch. 🙂

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Während wir ins Dorf einfahren, kreist nur ein Gedanke in meinem Kopf: Bitte, bitte lass es hier ein Café haben! Wir werden erhört und sehen einen Laden mit ein paar Tischen und Stühlen davor. Die Besitzerin sagt zwar irgendwas von „Laden geschlossen“, doch das Beizli ist offen. Die wenigen anwesenden Damen und Herren schauen ziemlich verduzt, als ich (in solchen Momenten ist Eitelkeit total fehl am Platz) den Kopf unter den öffentlichen Brunnen halte, meine Socken tränke und dann mit einem sehr erleichterten Seufzer auf den schattigen Stuhl sinke.

Stunden später, Christian und ich haben uns die Zeit mit Fotosortieren vertrieben, strahlt die Sonne zwar noch immer erbarmungslos vom Himmel, aber nicht mehr ganz so schlimm. Genau im Moment, als wir zahlen und aufbrechen wollen, kommt ein sympathischer, gut genährter Grieche in den Laden (für Einheimische hat dieser natürlich trotzdem offen). Als er unser schönes rotes Schweizerkreuz sieht, grinst er und fängt in bestem Deutsch an mit uns zu plaudern. Er wohnt im Winter in Deutschland und im Sommer in diesem Kaff (komische Klimastrategie, denken wir). Als er hört, dass wir im Gegensatz zu ihm alles mit dem Velo hierhergefahren sind, ist er schwer beeindruckt – er fand es schon mit dem Auto eine Zumutung. Er hat zwar auch schon einiges erlebt (vor einem Jahr kam ein Deutscher auf einem Pferd vorbei!), doch velofahrende Chinareisende offenbar noch nie.

Wir legen die geschuldeten 2 Euro auf den Tisch und staunen nicht schlecht, als die Wirtin deutet, es sei schon bezahlt. Der nette Grieche hat uns spontan eingeladen! Wow! Nach einem herzlichen Abschied rät er uns, wir sollten den kürzeren Weg über die Berge nehmen. Wir sind froh, dass wir diesen lokalen Rat in den Wind schlagen, denn es ist immer noch 37 Grad heiss.

Da wir den ganzen Nachmittag nichts gegessen haben, halten wir im nächsten Dorf beim Beck. Eine ältere Dame bedient uns und fragt, ob wir Deutsch sprechen? Wie viele Griechen hat auch sie ein paar Jahre in Deutschland verbracht und freut sich, ihre paar Brocken wieder mal an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Hier scheint es ja ein Nest zu haben! Als wir unsere Einkäufe zahlen, steckt sie schnell noch zwei süsse Rosinenbrote gratis mit dazu. So nett!

Einige Kilometer weiter entdecken wir neben einem alleinstehenden Haus am Wegesrand einen öffentlichen Brunnen. Schnell füllen wir unsere Wasserflaschen und benetzen Kopf und T-Shirt, um die Hitze etwas erträglicher zu machen. Plötzlich ruft uns vom Balkon aus ein Mann etwas zu. Er fragt, ob wir nicht lieber ein kühles Wasser haben möchten? Oh ja, und wie! Er kommt mit einer eiskalten Wasserflasche zu uns herunter, lacht und stellt sich als Dimitri vor. Dimitri arbeitet beim Militär und kann deshalb so gut Englisch. Hai, jetzt wo wir das Land verlassen, zündet Herr Grieche noch den Nachbrenner! Ab so viel Gastfreundschaft sind wir echt gerührt.

Der Blick auf Uhr und Karte zerschlägt unsere Hoffnung, es heute noch nach Alexandroupoli zu schaffen, der letzten grossen Stadt vor der Grenze. Nachdem wir noch drei weitere Male ganz übel von bellenden Hunden bedrängt werden (was haben die auf einmal alle?), finden wir kurz vor dem Eindunkeln einen Zeltplatz mit bester Sicht auf die Hügellandschaft Ost-Thrakiens. Doch als wir die Zeltstange spannen wollen, geht diese mit einem lauten *Kracks* in die Brüche. Was? Ein Zeltstangenbruch?? Das gibts ja nicht! Wir klopfen uns aufmunternd auf die Schultern: Nach so einem Tag zwar ärgerlich, doch zum Glück hat uns Cornelia ein paar Ersatzstangen aus der Schweiz mitgebracht. Nach langem Chnüble und Chnorze haben wir das kaputte Element ersetzt und setzen an zum zweiten Versuch. Mit leicht mulmigem Gefühl biege ich die Zeltstange erneut – *Kracks*. Nein! Schon wieder ist ein Element dahin: Wir sind entsetzt! Was nun? Wir haben zwar noch drei Ersatzstangen, doch was, wenn das so weitergeht? Hungrig, müde und langsam leicht genervt setzen wir uns noch einmal zur grossen Zeltstangenreparatur auf den steinigen Boden. Gottlob, beim dritten Mal hälts.

Wegen inzwischen fortgeschrittener Uhrzeit verzichten wir auf eine ausführliche Kocherei und verzehren die letzten Reste des Tages. Die süssen Rosinenbrote der netten Griechin retten uns dabei glatt den Abend. Ja, ein Tag zum Vergessen… aber ein unvergesslicher Tag!