Aus dem Verkehr gezogen

Teheran ist seit unserem ersten Besuch nicht viel adretter geworden. Ein funkelndes Juwel allerdings gibt es vor der definitiven Abreise doch noch zu bestaunen: die Kronjuwelen der Schahs hinter schwer gesicherten und personell hochdotiert überwachten Türen. Während die meisten der Kristall-Ohrringe und Diamantenhalsketten auch bei H&M in der Accessoire-Abteilung hängen könnten (zumindest wir Laien sehen den Unterschied nicht), bleibt uns bei den aufwändig bestückten Kronen und dem prachtvollen, 34 Kilo schweren Globus aus über 50‘000 Edelsteinen dann doch noch kurz die Spucke weg.

Die Reise mit dem Nachtbus in Richtung Mashhad, der heiligsten Stadt Irans, verläuft erstaunlich reibungslos. Schon denken wir, dass uns der Obolus für unser „Übergepäck“, sprich Velos und 12 Taschen, diesmal erspart bleibt. Doch bei einem WC-Halt mitten in der Nacht nutzt der Fahrer seine Chance und mach die hohle Hand. Seltsamer Zeitpunkt, aber wenigstens waren wir diesmal vorgewarnt.

Kurze Zeit später stoppt der Bus erneut. Polizeikontrolle. Ein Beamter steigt ein, streift mit ernster Miene durch die Reihen und erspäht uns sofort. Wir setzen unser charmantestes Lächeln auf, strecken die Pässe hin und kriegen sie nach einem kurzen Kontrollblick wieder zurück. Aufschnauf. Immerhin waren unsere Blogeinträge nicht immer ganz so iranfreundlich… Als der Polizist aus dem Bus schreitet, tippt er einem asiatisch aussehenden Fahrgast kurz auf die Schulter (wahrscheinlich sagte er dabei: „You! Out!“) Nach einer längeren Diskussion unter freiem Nachthimmel kommt der Asiate zurück, ergreift seinen Rucksack… und ward nie wieder gesehen. Der Bus setzt sich in Bewegung – der Platz des Asiaten bleibt leer. Wir sind leicht entsetzt: Ups, so schnell ist man im Iran aus dem Verkehr gezogen!

Als wir morgens um 6 Uhr in Mashhad eintreffen, ist es angenehm frisch. „Bergluft!“, frohlocken wir, und fahren beschwingt durch die noch schweigende Stadt. Das Original Vali mit seinem Backpacker-Gästehaus hat leider wegen Ramadan geschlossen, doch als wir Vali um 7 Uhr mit schlechtem Gewissen rausklingeln, freut er sich riesig. Hat er doch einige Jahre in der Schweiz verbracht und Teppiche im Zollfreilager Zürich importiert. Er begleitet uns spontan mit seinem Mountainbike auf der Hotelsuche.

Wer Mashhad besucht, muss den riesigen Schrein des Imam Reza gesehen haben. 20 Millionen Menschen pilgern jedes Jahr hierhin, ein Mini-Mekka. Da ich nach wie vor nur über zwei irantaugliche Bekleidungsoptionen verfüge (das Hindu-Röckli und den guten alten Kommunisten-Sack) und beide aus der Sicht eines wirklich religiösen Muslims einem Minirock gleichkommen, brauche ich für das Rendez-Vous mit dem toten Imam dringend einen Ganzkörper-Tschador. Gar nicht so einfach! Am Eingangstor sinniere ich darüber, ob ich ins Hotel zurückgehen und mit dem Bettlaken wiederkommen sollte, da hilft uns ein netter Iraner und leiht für mich bei der Gepäckaufbewahrung ein solches Unding aus. Während Christian auf der Männerseite problemlos passieren kann, werde ich am Fraueneingang von der Aufpasserin abgefangen: „You, Muslim?“ Äh, nicht direkt… Ja so geht das natürlich nicht! Ich werde zu einem anderen Eingang geleitet und da heisst es erst mal warten. Zum Glück kann ich dem bereits drinnen herumirrenden Christian mit Pfeifen in meine Richtung locken, sonst hätte er mangels Unterscheidungsmöglichkeiten emänd irgendeine andere Schleiereule eingepackt und erst im Hotelzimmer gemerkt, dass ich das nicht bin. 😉

In der prallen Sonne bei über 40 Grad im Bettlaken herumsitzen ist nicht besonders spassig. Als uns nach einer halben Stunde des Herumlungerns immer noch niemand erklären kann, auf wen oder was wir eigentlich warten, schreiten wir zur Tat: Wir versuchen erneut, das heilige Gelände zu stürmen. Wir sind ja gopfriedstutz nicht die ersten Touristen hier, oder? Während ich am gnadenlosen Vordrängeln der dicken iranischen Mamas scheitere, wird Christian auf seiner Seite von Mohammed abgefangen. Oje! Erst ärgern wir uns über das staatlich verordnete Kindermädchen, doch bald stellt sich Mohammed als Glücksfall heraus. Er kann super Englisch und führt uns an Ecken, wo wir uns selber kaum hingetraut hätten. Wir dürfen sogar unsere stinkenden Schuhe ausziehen und von Ferne einen Blick auf das heiligste aller Heiligtümer erhaschen.

Mohammed ist Technologie-Student und macht die Touristenbegleitungen wohl als Nebenjob oder vielleicht sogar aus Nächstenliebe. Kein Wunder auf jeden Fall, will er uns unbedingt noch die riesige Bibliothek zeigen. Doch am Eingang werden wir von einem älteren Herrn abgefangen. Ganz unverblümt fragt er Christian, ob er ihm sein englisches Gedicht über das Mobiltelefon vortragen dürfe. Ein Gedicht über WAS? Nachdem sich das Werk als mehrseitiges Epos herausstellt, verziehe ich mich mit meinem Heiz-Tschador langsam in Richtung gekühlter Eingangshalle, während Mohammed leise vor sich hinkichert und den armen Christian irgendwann aus den Fängen des pensionierten Englischlehrers befreit – kurz bevor dieser zur Seite vier schreitet. Wir lachen: So etwas kann einem definitiv nur im Iran passieren!

Oh du grausames Mobiltelefon,
und wieder klingelst du schon,
übermittelst Neuigkeiten,
die nicht immer Freude bereiten,
doch es für immer auszuschalten,
ist einfach kaum auszuhalten!

Nach zwei Tagen Mashhad satteln wir unsere Pferde, denn, oh Herr, es ist Zeit! Wie ungewohnt und schön, nach so langer Zeit wieder auf dem Stahlross zu sitzen. Da es trotz „Bergklima“ immer noch saumässig heiss ist, erlaube ich mir einen kleinen Trick: Anstatt dem dicken Halstuch ziehe ich mir den seit Italien nicht mehr benutzten Buff über den Kopf– so bleibt wenigstens der Hals frei und profitiert vom kühlen Fahrtwind.

Der Wettergott ist uns gnädig: Wie durch Zauberhand segeln an diesem Tag Wölklein durch den nordostiranischen Luftraum, und so beschliessen wir nach 100 Kilometern, die restlichen 40 bis in die nächste Stadt gleich noch anzuhängen. Wer weiss, ob der nächste Tag auch noch so schön schlechtes Wetter bringt! Doch halt halt Freundchen, nicht so eilig, sagt sich ein Polizist an einem der unzähligen Kontrollposten. Während wir versuchen, sein Winken als nettes Grüssen zu interpretieren, merken wir schnell, dass er es ernst meint. Oh là là, werden auch wir jetzt aus dem Verkehr gezogen…? Nicht die Bohne! „Mista“ Christian wird erst einmal fröhlich die Kelle geschüttelt, dann wird gefragt woher und wohin des Weges, und danach heisst es, wir könnten doch gleich hier auf dem Polizeiposten schlafen. Und überhaupt sei Mittagessenzeit: Rein in die gute Stube! Und was ist mit dem Ramadan…?“, denken wir einmal mehr, doch wir beissen uns auf die Zunge.  Das Angebot ist verlockend, aber wir wollen das tolle Velofahrerwetter nutzen und treten deshalb kurz darauf wieder in die Pedale.

Doch, was war DAS? Auf der Gegenfahrbahn sind soeben drei knallbunte Rennvelofahrer vorbeigeflitzt, jeder mit einer roten Fahne am Rücken und einer Trillerpfeife um den Hals. Die drei Iraner halten johlend an und freuen sich über ausländische Gesinnungskollegen. Leider ist ihr Englisch nicht wirklich reif für eine ausgedehnte Diskussion. Stattdessen gibts einen warmen Händedruck für mich, drei Küsschen für Christian (!) und ein Bonbon für jeden von uns und schon sind sie wieder Geschichte. Hey, das mit der Trillerpfeife müssen wir uns merken!

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Natürlich hält das schlechte Wetter nicht lange, und am Nachmittag fahren wir bereits wieder bei 40 Grad und Sonne. Wir halten für einen letzten Trink- und Fotostopp vor der Stadt. *Klick, klick, klick* macht die Kamera, bis Christian plötzlich wild mit den Augen rollt. Ups! Wir stehen neben einem Militärposten und das Fotografieren von militärischen Einrichtungen, Brücken oder sonstigen strategisch wertvollen Punkten kann böse Folgen haben (man wird aus dem Verkehr gezogen). Prompt kommt Sekunden später ein Soldat angeschritten. Ich versuche möglichst harmlos auszusehen, was mir offenbar gelingt. Der junge Soldat schüttelt Christian die Hand, stellt die üblichen Fragen und will dann unbedingt im Velohelm posieren. Ich frohlocke innerlich: Dieses Foto ist garantiert staatlich bewilligt!

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In Quchan angekommen, lassen wir uns vom GPS zum einzigen Hotel der Stadt lotsen. Ein totaler Flop, denn es ist ein riesiger Betonkasten, der leersteht. Hat hier wohl irgendjemand auf regen Grenztourismus spekuliert? Dank der Hilfe einer netten Reisebüroangestellten finden wir eine rudimentäre Abstiege, wo wir den Rest des heissen Nachmittags verbringen und ein letztes Mal durch die abgasgeschwängerten Strassen einer iranischen Stadt schlendern. Während den vier Wochen Iran habe ich mich längst an das permanente Starren der Leute gewöhnt. Mit beschwingter Miene schaue ich meist durch die Menschen hindurch, denn irgendwann macht es nur noch halb so viel Spass, zurückzustarren. Christian hingegen kann sich nie ganz daran gewöhnen: Egal ob Männlein oder Weiblein, die Leute starren mich an, als wäre ich soeben mitten auf der Strasse im pinkfarbenen Raumschiff gelandet. Weshalb? Vermutlich ist es das dezente Rosa meines Kopftuchs, welches ins Auge sticht. Tragen doch 99.9 Prozent aller Frauen in dieser Stadt einen schwarzen, bis zum Boden reichenden Tschador, getreu nach dem Motto: You can wear any color, as long as it‘s black…

Es ist der letzte Tag des Ramadan, und wir fahren hinaus in die Wüste. Die turkmenische Grenze lockt: Nur noch 80 Kilometer und 1500 Höhenmeter sind zu schaffen. Die Gegend wird karg, aber wunderschön. Doch auch abends um sieben Uhr ist es immer noch 36 Grad heiss bei hartnäckigem Gegenwind. Kurz vor Einbrechen der Dunkelheit verziehen wir uns an eine blickgeschützte Stelle am Strassenrand und stellen unser Zelt auf. Über uns enthüllt sich ein unglaublicher Sternenhimmel, und dank den Perseiden zieht eine Sternschnuppe nach der anderen ihren Bogen über das Himmelszelt…

Mitten in der Nacht schrecke ich auf. Was war das? Hundegebell mitten in der iranischen Wüste? Bald darauf höre ich menschliche Stimmen und Glockengeläut. Eine Ziegenherde ist im Anzug, und das mitten in der Nacht! Ich schliesse die Augen und hoffe still, dass wir am nächsten Morgen nicht ein paar Zentimeter platter aus dem Schlafsack steigen…

4:30 Uhr, der Wecker klingelt. Glück gehabt! Die Ziegen haben eine andere Route genommen. Es ist erstaunlich frisch: Knapp 12 Grad zeigt das Thermometer, und es ist das erste Mal seit Monaten, wo ein leichtes Frösteln über den Rücken geht. Über weite Hochebenen, kleine Pässe und einsame Strassen radeln wir über die letzte Gebirgskette vor Turkmenistan. Einfach super!

Aus Erzählungen von uns Vorausradelnden und aus dem Internet wissen wir, dass es im Grenzort Bajgiran zwei rudimentäre Unterkünfte haben sollte. „Otel?!?“ fragen wir bei der Einfahrt die vielen herumsitzenden Männer. No, heisst es desinteressiert, wir sollen doch gleich nach Ashgabat weiterfahren. Danke tuusig! Auf der Suche nach einem Park, wo wir unser Zelt aufstellen können, hält plötzlich ein Mofa neben uns. Offensichtlich einer, der besser informiert ist. Nur schnell den Schlüssel organisieren, und man führt uns in einen riesigen, leeren Hotelkomplex. Es riecht nach abgestandenem Schweröl und wir sind – natürlich – die einzigen Gäste. Doch immerhin: Das Badezimmer ist riesig, und so kommen unsere beiden Velos zu einer verdienten Dusche, einer frisch geschmierten Kette und ein paar putztechnischen Streicheleinheiten. Mangels Restaurantoptionen beschliessen wir frech (Cornelia, jetzt bitte weghören!), auf dem geplättelten Badezimmerboden einen Linsen-Ei-Risotto zu kochen. He ja, ist ja niemand da, um sich zu beklagen. Nur wir, eine leere Rezeption und die beiden iranischen Khomeinis. Gespenstisch!

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Müde und freudig gespannt fallen wir auf unsere Pritschen, denn morgen geht es auf in die surreale Welt des turkmenischen Ashgabat – zu dem es in unserem Reiseführer heisst: „Only the insane or deeply unfortunate find themselves in Ashgabat in July or August…“

Wir sind vermutlich beides! 🙂

Das war Iran…

mosqueePelzige Motorradsitze – Übler Gasgeruch aus den Auspuffen – Millionen im Portemonnaie – Hass-Kampagnen gegen Israel – Alle fünf Meter eine Spendenbox (keine Übertreibung!) – Omnipräsenter Perserteppich: In jeder Stube, in jedem Hotelzimmer und sogar beim Picknick dabei – Ein langgezogenes „Mistaaaaa…“, wenn jemand mit Christian reden will – Rüebli-Confi – Frucht-Bier – Picknick als Nationalsport: Egal wo, auch mitten auf dem Betonkreisel, und sogar im Ramadan – Touristen zahlen für Eintritte das 10-fache (oder auch mehr) des Einheimischenpreises – Camping im iranischen Einheitszelt – Ungesalzenes Fladenbrot – Wasserpfeifen – Männer beim Herumlungern und Gaffen – Frauen in allen Stadien der Verhüllung – Duftende Gewürz-Basare – Fasnachtschüechli in Kompaktform und mit unendlich viel Puderzucker – Zimmerservice nur im Notfall (also nie) – Herrliche Melonensäfte und Dattelshakes – Die vermutlich längsten Toilettenpapierli der Welt – Kühlschrank in fast jedem noch so rudimentären Hotelzimmer – Airconditioning mit Wasser – Gebläse so laut wie Düsenantriebe – Papiertuch-Boxen

Und natürlich die immer wiederkehrenden Fragen: Woher? Swiiiiiis! – Beruf? Project Manager. – You Mänätscher? Yes. – Verheiratet? Aber klar! (siehe Gear of the week 16)Kinder? Nö! – Wieso nicht? Äh… (was sagt man da?)…

maybe later, Insh‘allah!

Grosses Gelächter.