Am Ende des Kontinents

Kuala Lumpur. Eine faszinierende Stadt, gewiss. Doch ein Horror für Fussgänger. Trottoirs? Nicht existent. Zebrastreifen? Nie gehört! Eine Ampel, bei der auch Fussgänger mal grün kriegen? Haha! Wir haben zuweilen stundenlang an gigantischen Kreuzungen auf grünes Licht gewartet, und dann beschlossen, nach dem Motto lieber „tot“ als „not“ über die Strasse zu rennen, in wilder Illegalität. Noch schlimmer wird es, wenn man im Rollstuhl sitzt. Rampen, Lifte, Orientierungshilfen? Wer braucht das schon! Wie also kommt ein alter Mann mit lahmem Bein auf die andere Seite des Highways? Mit Bestürzung haben wir einer Szene beigewohnt, bei der sich ein Mann auf Krücken im Zeitlupentempo die 50 Stufen einer Strassenüberführung hinaufkämpfte, während ihn ein Begleiter stützte und ein anderer den Rollstuhl trug. In Kuala Lumpur fährt man Auto oder gar nichts. Basta.

Auch stadtplanerisch liegt noch so einiges im Argen. Also alles, eigentlich. Die Hochhäuser wirken wie von Allah aus dem Hubschrauber abgeworfen: Hier, da habt ihr einen! Und hoppla, da noch einen! Man hat das Gefühl, hier spriesst alles wild aus dem Boden, wie die Pilze im Herbstwald. So wie es will und wo es will. Einzig die Petronas Towers ragen edel und in stiller Erhabenheit in den wolkenlosen Himmel.

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Zeitsprung. Es ist morgens um 6:30 Uhr. Im Hotelzimmer ist es dank fehlenden Fenstern noch herrlich dunkel. Das schrille Schreien des Weckers reisst uns nach vier Stunden Schlaf in die Wirklichkeit zurück. Da war doch Akmal. Und die Speichen. Und ein Flug nach Neuseeland, der uns zur Eile zwingt. Wir quälen uns aus den Federn und setzen uns erneut bei Morgendämmerung in Bewegung. Unter uns knacken bedrohlich die falsch eingespeichten Räder. Noch wirken die gigantischen Autobahnen verwaist, noch rollen sie nicht, die Blechlawinen. Mangels Zeit und besseren Optionen haben wir beschlossen, das Risiko einer Weiterfahrt nach Singapur zu wagen.

Kuala Lumpur mit dem Velo zu betreten und wieder zu verlassen sei so gut wie Selbstmord, meint die Radlergemeinschaft. Es fehlen die verwinkelten Gässlein, die lauschigen Nebenstrassen. Alles, was es gibt, sind sechsspurige Schnellstrassen ohne ernstzunehmende Seitenstreifen. Nach 40 überlebten Kilometern biegen wir vom Highway ab in Richtung Putrajaya. Die erst 1995 aus dem Boden gestampfte Planstadt ist das Verwaltungszentrum des Landes. Ein Abstecher, der sich lohnt! Wie einst im turkmenischen Ashgabat befällt uns ein wohliges Gruseln und wir fühlen uns wie Besucher einer gigantischen Filmkulisse: Überdimensionierte, leere Wohnblocks stehen an künstlich angelegten Seen. Moscheen für zehntausende von Gläubigen ragen verwaist in den Himmel und blutleere Verwaltungsgebäude rosten vor sich hin. Breite Boulevards, schnittige Wolkenkratzer, opulente Brücken, all das wirkt auf uns so surreal wie virtuelle Realität. Kein fröhlicher Strassenhändler bietet Waren feil, kein Laden, in dem es zu Essen oder Trinken gäbe und an jeder Ecke öffentliche Toiletten, wo mangels Pflege die Fäkalien ein Eigenleben führen. Zwar gefallen uns diese Begegnungen der anderen Art, dennoch sind wir froh, dass wir nach ein paar Kilometern wieder auf die richtige Welt treffen. Das jaya im Namen bedeutet übrigens „Erfolg“ oder „Perfektion“.

Nach einem ziemlich ereignislosen Geradel südwärts kommen wir endlich wieder an die Küste. Von Port Dickson, „a popular beach destination“, hatten wir uns irgendwie mehr versprochen. Der Strand ist hässlich, das Meer seicht, die Anflugschneise nah, eine 20-stöckige Bauruine, alles hübsch umrahmt von weitverzweigten rostroten Pipelines. Der darauf folgende Küstenabschnitt ist trotzdem das fast schönste Stück Natur Westmalaysias. Goldgelbe Strände säumen smaragdgrünes Wasser, am Horizont tuckern schwer beladene Frachtschiffe durch die Strasse von Melaka, und wären wir nicht in Zeitnot, hätten wir gerne noch einen Tag verweilt. Obwohl, irgendwie auch nicht: Gebadet wird hier in der schwarzen Vollburka – relaxtes Strandleben stellt man sich anders vor!

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Hübsch, aber fast etwas überrenoviert – Melaka

90 schweissgetränkte Kilometer weiter südlich wartet eine weitere Weltkulturerbestadt: Melaka. Wir quartieren uns in ein sympathisches chinesisches Hostel ein und verbringen drei herrliche Tage mit Putzen. Ein Besuch auf der neuseeländischen Immigrationswebseite hat uns gehörig Respekt eingeflösst. Kein Stäubchen, kein Körnchen Dreck, keine Esswaren, kein gar nichts darf das ferne Land besudeln. Wir trimmen unsere Taschen, das Zelt, die Schuhe und unsere Campingausrüstung auf Hochglanz. Zum Glück brennt noch immer die Sonne bei geschätzten 50 Grad. Sobald wir unsere tropfnassen Sachen aufhängen, verdampft die Feuchtigkeit innert Sekunden. Immerhin.

Die knapp 300 Kilometer von Melaka bis Singapur sind pure Tristesse. Erstmals seit China wird das Fahrrad wieder zum reinen Fortbewegungsmittel. Nichts als gähnende Langeweile trifft auf die Netzhaut. Wäre die ganze Strecke von Zürich bis Singapur so gewesen, wir wären schon nach zwei Wochen wieder umgekehrt. Dass Malaien ein eher eigenartiges Verständnis von „Freizeit“ und „Spass“ haben, trägt nicht gerade zur Partystimmung bei…

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Der Supermarkt als Lieblingsdestination

Und dann trifft Chaos auf Ordnung. Larifari auf Gesetz. Müll auf perfekte Sauberkeit. Willkommen in der Republik Singapur! Zusammen mit Hunderten von Motorrollern fahren wir auf einer eigenen Spur zum Zoll. Während wir länglich die Einreiseformulare ausfüllen, warten Dutzende von Motorradfahrern geduldig hinter uns, kein Murren ist zu hören. Asiatische Geduld! Und dann sind wir *schwupps* in einer anderen Welt. Zu Fuss die Strasse überqueren? Kommt nicht in Frage! Müll aus dem Autofenster werfen? Bei Strafe verboten! Verbotsschilder, wohin das Auge reicht, und alles ist piekfein aufgeräumt. Auch wir getrauen uns nicht mehr, Rotlichter zu missachten, Einbahnstrassen verkehrt zu befahren, und – Gnade dir Gott – das Trottoir zu benutzen. Denn Singapur trägt aus gutem Grund den zweideutigen Titel „The Fine City“. Folgendes frevelhaftes Benehmen soll happige Geldstrafen nach sich ziehen:

– Einfuhr von Kaugummi (ups)
– Essen und Trinken in öffentlichen Verkehrsmitteln
– Überqueren der Strasse ohne Zebrastreifen
– Graffiti malen
– Müll wegwerfen
– Zerstören von Pflanzen
– Pornografie
– negative Äusserungen über die Regierung
– das Aufstellen einer Satellitenschüssel
– Lügen
– Spucken (yeah!)

Und was ist eigentlich mit unseren Speichen? Obwohl sich unsere Hinterräder komisch weich anfühlen und die Speichen auf den ersten Metern bedrohlich geknackt haben, hat bis jetzt alles gehalten. Viele E-Mails von Europa bis Australien haben uns mit Tipps und Spekulationen zu unseren mysteriösen Pannen erreicht – vielen Dank! Auch wir haben natürlich spekuliert: War es Sabotage? Eine agressive Chemikalie? Ein Materialfehler? Erst hören wir nur gerüchteweise, was danach von unserem Velohändler in Bern bestätigt wird: Beim Qualitätsspeichen-Hersteller Sapim gab es offenbar eine fehlerhafte Charge. Einen offiziellen Rückruf gab es jedoch nie. Und die Firma Sapim hat bis heute auf keines unserer E-Mails reagiert. Schon wieder etwas fürs Leben gelernt: Sapim-Speichen – leider nein!

Dank unseren extensiven Recherchen in Kuala Lumpur finden wir in Singapur einen Velomechaniker, der etwas von der Sache versteht. Auf dem Weg zu unseren Couchsurfing-Gastgebern schauen wir kurz bei ihm vorbei. Ohne zu wissen, auf was wir eigentlich hinaus wollen, wirft Walton von Attitude Bikes einen flüchtigen Blick auf die Räder und stellt sofort die Diagnose: Falsch eingespeicht. Nach Neuseeland damit? Nie im Leben! Walton reserviert sich am nächsten Tag extra ein paar Stunden, um sich um uns zu kümmern. Nicht nur müssen die Räder nochmals komplett neu eingespeicht werden, auch die taiwanesischen Speichen selbst sind offenbar nichts wert. Zwei Tage später halten wir einmal mehr zwei komplett neu gebaute Räder in den Händen. Blitzeblank geputzt und gratis die flickversetzten Schläuche ersetzt. 135 neue Speichen in 16 Tagen, das muss uns erst mal einer nachmachen. 😉

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Go with the flow – bei der Einreise nach Singapur sind wir nicht ganz allein

Unsere drei letzten Tage auf dem asiatischen Kontinent werden zu einem der unerwarteten Highlights dieser Reise. Von unseren Gastgebern Ivy und Martin werden wir nach Strich und Faden verwöhnt und ihre selbstrenovierte Apartment-Loft ist ein absoluter Traum. In ihrer stilvollen Küche werden wir italienisch und thailändisch bekocht, zum Inder und zum Malaien ausgeführt, wir feiern mit ihnen unseren ersten Geocaching-Erfolg, nippen am besten Kaffee seit Italien, plaudern bis tief in die Nacht, wandeln durch Singapurs bizarren Botanischen Garten, schauen dem Schweizer Alinghi-Team beim Segeln zu, putzen, zerlegen und verpacken unser Material und werden kurz vor Mitternacht mit unseren Velokartons auf dem Dach (sicherlich höchst illegal) von Ivy und Martin an den Flughafen gebracht. Obwohl wir sie nur kurze Zeit kennen, fühlt es sich an wie zu Besuch bei alten Freunden. Was für ein wunderbarer Abschied von Asien!

1 comment to Am Ende des Kontinents

  • Daniel Wulle

    PutraJAYA – schöner, perfekter Erfolg! AuTotNot!?! Goldgelb-smaragdgrüne-burkaschwarze Gegensätze! Putztage bei 50 Grade! Wow! Nach zwei Wochen wieder umgekehrt – haha, oder scherzenshalber am 1. April um 3. Monate oder Wochen verlängert!!?? Schock für die weibliche Hälfte aus L. im Klettgau. Love in Supermarkt – wieso nicht? Singapore-Verbote- Zürcher Gebote?!? Die Zollschlange macht Eindruck… Und: Speichen-Weltrekord 135/16 für Insider und 16577 und 12-2-0 per heute und und und… Sydney ade und Europa yuhee?!? Oder nicht? Wir freuen uns auf euch – Italien – Schweiz, 17’000 schafft ihr noch locker vom Hocker… Ihr seid grossartig! Schönen Sonntag und Flug!

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