No trespassing! Keep out!

Dabei hat alles so vielversprechend angefangen! Trotz einer Stunde Verspätung (wir sagen nur: dontflyjetstar.com) werden wir mitten in der Nacht am Flughafen in Christchurch von meinem Cousin Michael abgeholt. Die Luft ist wunderbar kühl und der vertraute Duft einer lauen Sommernacht in der fernen Heimat kitzelt unsere Nase. Herrlich! Doch schon am nächsten Morgen ist es vorbei mit der Idylle. Beim Zusammenbauen unserer Velos bemerken wir, dass wir schon wieder einen Schaden zu beklagen haben! Yvonnes Vorderbremse leckt, bei jedem Zug am Hebel quillt etwas Öl hervor. Dabei hatten wir die Räder nicht nur penibel geputzt, sondern genauso penibel eingepackt und alle heiklen Teile mit Luftpolster umwickelt. Bevor wir mit dem defekten Modell in die Stadt fahren, decken wir uns noch mit einem kleinen Morgensnack ein. Kostenpunkt 15 NZ-Dollar. Ein Schock nach Südostasien, wo wir für das gleiche Geld wie die Könige hätten speisen können!

Glücklicherweise gibt es in der Stadt jede Menge Fahrrad-Fachgeschäfte. Die üppigen Auslagen in den Schaufenstern zerstreuen auch gleich unsere Zweifel, ob uns hier bei der Reparatur unserer hydraulischen Bremse geholfen werden kann. Magura? Klar, kennen wir! Haben wir! Dann folgt das Blättern im Auftragsbuch. Ob wir für einen Termin in zwei Wochen wieder kommen könnten? Wir fahren von Pontius zu Pilatus: Helfen könnten alle, Zeit hat keiner. Erstmals wird uns bewusst, dass wir jetzt wieder in der ersten Welt gelandet sind. Dass wir um die halbe Welt gefahren sind und nicht wochenlang auf einen Reparaturtermin warten können, versteht man hier nicht. In Asien hätte man uns helfen wollen, aber nicht helfen können. Hier ist es umgekehrt, Flexibilität gleich Null. Nach langem Herumirren finden wir dann doch noch einen Mech, der gleich zur Tat schreitet. Mit unserem Modell ist er aber nicht vertraut und vertröstet uns auf den Chef, der am Folgetag sicher eine Lösung finden kann. Ob wir morgen wieder vorbeikommen könnten? Wir lassen unsere Göppel stehen, Dave findet das awesome – eines der wenigen Wörter, die wir jeweils auf Anhieb und ohne nachzufragen verstehen. Reden die wirklich Englisch hier unten? Tags darauf stehen wir in aller Frühe wieder im Shop und bringen unser Ersatzmaterial und Reserveöl vorbei, da unser Bremsmodell offenbar auch hierzulande eher exotisch zu sein scheint. Der Maestro ist leider immer noch nicht da, er zimmert gerade an seinem Häuschen herum und soll am Nachmittag eintrudeln. Zeit für uns, Christchurch kennenzulernen!

Würde man von der Stadt einen Höhenprofil-Querschnitt machen, es wäre eine sehr lange Linie endlos vieler einstöckigen Holzhäuschen mit kaum einer Erhebung, nur im Zentrum steht eine Handvoll Hochhäuser. Und diese sind grösstenteils verrriegelt: Seit dem verheerenden Erdbeben vor drei Jahren scheint in Sachen Wiederaufbau nicht viel gegangen zu sein. In den mittlerweile verstaubten Schaufenstern der Läden werden noch die Sonderangebote von damals angepriesen, auf Zetteln wird die neue Adresse mitgeteilt und Schilder warnen vor dem Betreten der einsturzgefährdeten Immobilie. Die stolze Kathedrale, einst Wahrzeichen und Touristenattraktion der Stadt, ist nur noch ein Trümmerfeld, um das bis heute heftig gestritten wird: Abriss und Platz für Neues oder Wiederaufbau der historischen Mauern? Wir ziehen weiter und stossen auf einer Brache endlich auf Leben: Findige Unternehmer haben an der Cashel Street mit Schiffscontainern poppige Modeshops, Restaurants und Cafés eröffnet. Zur Mittagszeit wimmelt es nur so von Geschäftsleuten und Studenten, die sich hier verpflegen und tratschen.

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Auf uns wirkt es reichlich surreal: Eine hübsch aufgemachte Ladenzeile aus lauter farbigen Metallcontainern, umgeben von einer Grossbaustelle und zahlreichen lädierten Hochhäusern. Den Locals scheint es jedenfalls zu gefallen und es würde uns nicht wundern, wenn dieses Provisorium noch lange bestehen wird – dem Neuseeländer scheint es in eher rudimentären Behausungen zu behagen, wie wir noch oft feststellen werden. Vermutlich ist es ein Glück, dass weite Teile der Stadt aus einfachen einstöckigen Häusern besteht. So wurden beim Erdbeben zwar 100’000 Häuser beschädigt, aber es waren vergleichsweise wenige Tote zu beklagen. Paradoxerweise waren mehr als die Hälfte der Opfer beim Einsturz eines mehrstöckigen Gebäudes eines TV-Senders zu beklagen, in dem sich auch eine Sprachschule befand. Von meinem Cousin Michael erfahren wir, dass der Abriss der zerstörten Gebäude beziehungsweise der Wiederaufbau so stockend vorankommt, weil alle Arbeiten zentral koordiniert würden und erhebliche Engpässe bestünden. In den Zeitungen sind die Folgen des Bebens auch nach drei Jahren täglich ein Thema: Langjährige Mieter werden aus ihren Wohnungen geworfen, weil es für die Besitzer lukrativer ist, die Appartements an die zahlreichen ausländischen Bauarbeiter zu vermieten. Die Versicherungen kneifen bei der Auszahlung von Geldern und heuern lieber Heerscharen von Anwälten an, um Zahlungen zu vermeiden oder hinauszuzögern. Familien müssen ihre Häuser verlassen, da diese als einsturzgefährdet klassiert werden – ohne dass sie einen valablen Ersatz finden können. Michael kann selbst ein Lied davon singen: Für die vorgesehenen Reparaturarbeiten räumte er vor Wochen sein Haus und wohnte in einem temporären Appartment, während es einfach nicht voranging. Bei unserer Ankunft hätte nach Plan alles erledigt sein sollen, tatsächlich begrüsst uns Michael in einem leeren Haus und beim Zusammenschrauben unserer Velos geben sich die Handwerker die Türklinke in die Hand.

Einigermassen ratlos wandern wir durch Christchurchs Strassen. Unser Mech Dave hat uns ein weiteres Mal vertröstet und es ist inzwischen später Nachmittag. Wir wollen aber langsam raus aus der Stadt und wieder zweirädrig unterwegs sein, also machen wir uns auf den Weg zum Bikeshop. Dort ist Dave gerade damit beschäftigt, an Yvonnes Velo eine neue V-Brake zu montieren. Pragmatisch, der Mann! Vom Chef keine Spur, die defekte Magura ist genauso defekt wie zuvor, aber immerhin haben wir nun eine bremsende Bremse. „Awesome!“, oder eher „Ooossum“ jubeln Dave und wir nun im Chor, wir vermachen ihm zum Dank die halbe Flasche unseres Hydrauliköls und buchen die 70 Dollar für Arbeit und Material unter der Rubrik „Lustige Begebenheiten in fernen Landen“ ab. Endlich wieder mobil, machen wir uns auf in den nahen Pak’n’Save – eine Supermarktkette mit riesigen Filialen im Aldi-Stil. Die nächsten Wochen sind Camping und einige Durststrecken angesagt, also muss ein Grundstock an Nahrungsmitteln her! Milchpulver, Zucker, Pasta, Bouillon, Tomatensauce, Tee, Haferflocken, Instantkaffe, Trockenfrüchte, Kekse: Unsere Taschen platzen seit langem wieder fast aus den Nähten.

Unseren Abschlussabend zu dritt mit Michael verbringen wir ganz traditionell: Wir holen uns beim Asiaten um die Ecke Fish & Chips (pardon, „Fush & Chups“ heisst das hier), die Briten lassen grüssen! Fettig und günstig lautet die Devise, die frittierte Ware wird in Papier eingewickelt und später in trauter Runde von Hand gegessen. Dazu ein paar Flaschen Bier und fertig ist das Zaubermahl!

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Dann gehts los, unsere vollbepackten Velos sind schwer wie Blei nach fast einer Woche Nichtstun. Fast scheint es, Neuseeland wolle uns einen gar herzlichen Empfang für unsere Rundreise bereiten. Ein herrlicher Rückenwind schiebt uns die sanft ansteigende Ebene hoch, dazu scheint die Sonne so heiss, dass wir uns beinahe in Südostasien wähnen. Wir fahren durch endlose Weiden voller Schafe, Fichtenduft steigt in unsere Nasen. Kaum irgendwo ist es möglich, auch nur einen Meter von der Strasse abzuweichen: Jeder Flecken Erde ist eingezäunt, oft mit Stacheldraht und bisweilen sogar doppelt oder dreifach. „TRESPASSERS WILL BE PROSECUTED“ – „KEEP OUT“. Stellenweise erinnern uns diese Absperrungen beängstigend an die Grenzzäune totalitärer Staaten. Ist das die offene Weite der Südinsel, von der uns verschiedentlich vorgeschwärmt wurde? Soll das nun die grosse, ungezähmte Freiheit sein, von der wir geträumt hatten? In kleinen Häuschen vor ihren Höfen bieten die Bauern frisches Gemüse an, wir können nicht widerstehen und füllen auch noch die letzten Zentimeter unserer Vorratstasche. Heute Abend gibts Ratatouille!

Oberhalb der beeindruckend breiten Rakaia Gorge finden wir einen schön gelegenen Zeltplatz, wagen sogar einen kurzen Sprung in den eiskalten Fluss und geniessen unser Znacht in der Abendsonne über der Schlucht. Der starke Wind und die aufziehenden Wolken deuten allerdings auf einen Wetterumschwung hin. Und der soll heftig ausfallen. Zwar können wir am nächsten Morgen unser Zelt noch im Trockenen abbauen, doch schon im steilen Aufstieg aus der Schlucht beginnt es zu nieseln. Wir nehmen das vorerst hin, wird ja schon wieder mal aufhören! Es gibt ja dieses Tourenvelofahrer-Paradoxon: Zieht man bei aufkommendem Regen mühsam Regenjacke, -hose, Handschuhe und Schuhüberzieher an, strahlt keine fünf Minuten später wieder die Sonne und man erliegt in der Goretex-Sauna einem Hitzeschlag. Fährt man hingegen unbeirrt weiter, schüttet es zwei Augenblicke später aus allen Kübeln. So auch hier. Viereinhalb Stunden kämpfen wir uns im Gegenwind bei 6°C durch den peitschenden Regen, nur unterbrochen von einem kurzen Halt im weit und breit einzigen Café irgendwo im Hinderland. Die Strasse in die nächste Ortschaft Geraldine ist kilometerweit schnurgerade und ohne irgendeine Möglichkeit, auch nur für ein paar Minuten Wind und Regen zu entkommen. Wir sind heilfroh, schon vor der Siedlung einen Campingplatz zu entdecken: Grumpy’s Holiday Park! Fragen wir uns erst noch allen Ernstes, weshalb um alles in der Welt man seinen Campingplatz grumpy, also „griesgrämig“, tauft. Doch als wir mangels Platz in einer festen Behausung durchfroren und durchnässt unser Zelt aufbauen, beginnen wir den Grund zu erahnen. Willkommen in Neuseeland, dem Land des unbarmherzigen Klimas!

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Neuer Tag, neues Glück. Es scheint wieder die Sonne, die Berge vor uns sind weiss gepudert. Neben unserem Zelt windet sich ein knorrliger Kauz aus seinem rostigen Subaru, in dem er die Nacht durchschnarcht hat. Zu lüpfiger Country Music macht er im Klappstuhl seine Angelruten für den grossen Fang bereit. War der Platz am Vorabend noch fast leer, sind wir nun umzingelt von Motorhomes: Die Kiwis sind hier und wollen ihre Natur geniessen! Wir fahren die wenigen Kilometer ins Dorf und werden Zeugen eines weiteren arg neuseeländischen Spektakels: Ein Wettkampf im Holzschlag! Ein gutes Dutzend stramme Männer in weissen Hosen und schwarzen Trägershirts steht auf einer Wiese, ein jeder hat einen massiven Holzstrunk vor sich und eine Axt in der Hand. Ein Pfiff, und die Mannen schlagen auf die Baumstämme ein, als gälte es, einen Krieg zu gewinnen. Das Publikum tobt, nach einer Minute ist der Klamauk vorbei und der Boden übersät von Kleinholz. Am schnellsten war übrigens der beleibteste der Burschen – Masse scheint bei einer Wood Chop Competition zumindest kein Nachteil zu sein…

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Die kurvige Fahrt führt durch die Hügellandschaft Canterburys mit zahlreichen Wildgehegen. Wer demnächst in der Migros Wildfleisch kauft, der sieht in der Pfanne denselben Hirsch wie wir beim Vorbeifahren: Ein Grossteil des Wilds auf Schweizer Tellern stammt aus neuseeländischen Zuchtbetrieben. In Fairlie kommen wir so spät an, dass wir die Weiterfahrt über den Burkes-Pass nicht mehr wagen. Stattdessen suchen wir uns auf dem überteuerten Premium-Zeltplatz ein sonniges Plätzchen, decken uns im nahen Supermarkt mit Weisswein und Apérogebäck ein und lassen es uns gut gehen. Wir haben bereits gelernt: Wenn hier schon mal schönes Wetter ist, soll man diesen raren Moment geniessen! Es sollen drei überaus harte Tage folgen. Schon der Aufstieg zum Burkes-Pass, an sich eine lächerliche Erhebung von gerade mal 709 Meter: Ein Kraftakt der Sonderklasse. Der orkanartige Wind bläst uns fast von der Strasse. Nach nur 45 Kilometern, die meisten davon bergauf, kommen wir am Ende unserer Kräfte am Lake Tekapo an. In einer dunklen Vorahnung kauften wir in einem Hardware Store ein paar zusätzliche Heringe, die nun bereits zu ihrem ersten Einsatz kommen: Wir spannen unser Zelt an jeder erdenklichen Öse ab, um dem Wind zu trotzen. Zur Belohnung lockt eine selbstgemachte Pizza – immerhin ein Vorteil der meist gut ausgestatteten Küchen auf den Zeltplätzen Marke Holiday Park.

Nicht besser ergeht es uns tags darauf. Zwar lacht mehrheitlich die Sonne und der Strand des Sees offenbart uns ein glitzerndes Bergpanorama mit frisch verschneiten Hängen, doch der kalte Wind pfeift uns schon beim Morgenkaffee im Zelt um die Ohren. Die Fahrt vorbei am türkisfarbenen Lake Pukaki ist landschaftlich ein Höhepunkt, doch den Abstecher zum bekannten Mount Cook lassen wir wegen anhaltendem Regen sein. Auch dass es nach Omarama mehr runter statt hinauf gehen soll, davon spüren wir nichts. Im Kriechgang stemmen wir uns gegen den Wind, der – wie könnte es sonst sein! – auch immer just in unser Gesicht bläst. Keine 90km schaffen wir bis ans Ufer des Ahuriri Rivers, wo wir unser Zelt erstmals kostenlos aufschlagen dürfen. Ohne Wind wären wir vermutlich bereits über die Westküste hinaus ins offene Meer gefahren…

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Die Merinoschafe sind nun unsere treuen Begleiter, sie grasen direkt vor unserem Zelt und ich überlege mir, ob ich mir gleich selbst ein neues Icebreaker-Shirt stricken könnte – unsere haben mittlerweile von der monatelangen Beanspruchung Löcher an allen Enden. „The Home of your Icebreaker“ steht auf grossen Tafeln – die klimatische Szenerie passt denn auch bestens zum Slogan. Tiefhängende, schwarze Wolken türmen sich auf, das Thermometer zeigt 6° und der Wind kennt auch wieder nur eine Richtung: Gegen uns. Vor uns liegt der Lindis-Pass, mit 971m bei diesem Wetter durchaus kein Leckerbissen. Just bevor der Anstieg beginnt, hält ein Pickup neben uns, als wir uns gerade mit einem Shortbread für den bevorstehenden Krampf stärken. Ein junger Neuseeländer kurbelt die Scheibe herunter und kauderwelscht uns etwas zu. Nach einer kurzen Denkarbeit unsererseits glauben wir zu verstehen, dass er uns über den Pass mitnehmen würde. Auf keinen Fall sollten wir oben steckenbleiben, das Wetter werde nicht besser. Wir schauen uns kurz an und schlagen sein nettes Angebot aus – schliesslich sind wir zum Radfahren hier. Keine fünf Minuten später verfluche ich mich, nicht auf seine Einladung eingegangen zu sein. Wir taumeln auf den Pass, schiessen ein Erinnerungsbild und ziehen für die Abfahrt alle verfügbaren Zusatzschichten Kleider an. Etwas weiter unten im Gebirge wartet ein hübsches, unbewartetes Zeltplätzchen auf uns. Nur gerade zwei japanische Velotouristen und ein einheimisches Rentnerpaar im Wohnwagen sind da. Kurz zeigt sich sogar die Sonne und wir wagen zur Körperpflege ein kurzes Bad im nahen Bach. Hinter unserem Zelt trägt ein Apfelbaum pralle Früchte. Sie sind zwar noch etwas sauer, doch mit ein wenig Zucker und Öl aufgekocht geben die Äpfel ein herrliches Dessert her. Manchmal braucht es so wenig, um glücklich zu sein!

Unser K(r)ampf

Neuseeland, das war in unserer blühenden Fantasie ein bisschen Campingferien in grandioser Natur, wenig Verkehr und angenehmes Herbstwetter. Tatsächlich fühlt es sich aber an wie im Outdoor-Bootcamp. Als erstes belastet uns der Temperaturschock. Von über 40 Grad in Singapur auf 10 Grad und eisigen Wind sind wir körperlich nicht vorbereitet. Uns friert konstant, während die Neuseeländer ungerührt in Shorts herumrennen. Der Wind ist entweder des Velofahrers Freund oder aber ein garstiger Feind. Auf unserer Alpenüberquerung haben wir ihn ständig im Gesicht, teilweise so stark, dass wir kaum mehr vorankommen. Für eine kleine Verschnauf- oder Snackpause zwischendurch gibt es keinen Ort, an den man sich vor den Elementen schützen könnte. Kein Bänklein am Wegesrand, kein Picknickplatz, keine gedeckte Bushaltestelle. Entweder also wir sitzen bei Sturm und Regen am Boden, oder wir fahren weiter. Wenn die Sonne mal scheint, dann tut sie es unerbittlich. Obwohl wir unsere Rüben jeden Morgen mit Schutzfaktor 50 einreiben, glüht die Haut am Abend rot wie ein frisch gepflückter Pfirsich.

Es stellt sich zudem heraus, dass wir mit komplett falschen Vorstellungen in das Traum-Auswanderungsland vieler Europäer gereist sind. Hier die wichtigsten fünf Missverständnisse, ordentlich von uns aufgeräumt:

1. Neuseeland ist grün
Neuseelands Vegetation an der Westküste der Südinsel ist tatsächlich umwerfend dicht. Ein Regenwald mit riesigen Farnbäumen und Pflanzen, wie wir sie auch in den Tropen noch nicht gesehen haben. Doch der Osten der Südinsel und die Vulkanregion im Norden sind im Herbst alles andere als üppig. Vielmehr fühlen wir uns in die braunen Steppen Zentralasiens zurückversetzt. Und wäre da nicht das eine oder andere Schaf, man würde die kargen Grashalme glatt übersehen.

2. In Neuseeland kann man wilde, ungezähmte Natur geniessen
Ja, es gibt sie, die wilde, ungezähmte Natur. Doch in Neuseeland scheint der Landbesitz mehrheitlich privat zu sein. Menschen, die fernab von jeder Kriminalität inmitten der Natur leben, haben nichts zu verbergen und nichts zu beschützen – dachten wir. Doch das Gegenteil ist der Fall. Neuseelands Natur ist bis auf den letzten Meter eingezäunt. Und nicht nur das. Abschreckende Schilder warnen vor dem Betreten: „Tresspassers will be shot! Survivors will be shot again!“ Während in der Schweiz und in nordischen Ländern das „Jedermannsrecht“ besteht, muss man in Neuseeland beim Betreten von Grundbesitz um Leib und Leben fürchten. Die Einfahrten sind videoüberwacht und beim Anblick von bis zu drei Zaunreihen werden wir das Gefühl nicht los, die Landbesitzer wollen nicht ihre Köter, Schaf- oder Kuhherden vor dem Abhauen abhalten, sondern eine fremde, furchteinflössende Welt vor dem Eindringen. Vor was sie sich so fürchten? Wir wissen es nicht.

3. Neuseeland ist ein Campingparadies
Nein. Und schon gar nicht für Velofahrer. Es gibt sie, die staatlich betriebenen, einfachen Campingplätze, die meist an spektakulärer Lage in schöner Natur liegen. Das Problem für untermotorisierte Strassenverkehrsteilnehmer wie wir ist, dass diese meist sehr abgelegen über Schotterpisten zu erreichen sind. Die privaten „Holiday Parks“ andererseits kosten so viel wie in Bangkok ein Zimmer im Mittelklassehotel und bieten uns Velofahrern neben Legalität, einer (kostenpflichtigen) Dusche und einer Küche keinerlei Vorteile. Sie liegen zudem präferiert an einer Hauptstrasse und haben keinen Charme. Da wild campen seit einiger Zeit verboten ist und mit hohen Bussen bestraft wird, sind Velofahrer zudem gezwungen, die teilweise grossen Distanzen zwischen zwei Campingplätzen auf Biegen und Brechen zu überbrücken.

4. Neuseeland ist ein Veloland
Zugegeben, die Tourismusindustrie Neuseelands gibt sich alle Mühe, das Land mit immer mehr Mountainbike-Tracks zu überziehen. Der gemeine Tourenradler aber, der sich erfrecht, 40 Zentimeter der Strasse für sich zu beanspruchen, wird von vielen offen gehasst. Besorgte Einheimische halten mitten auf der Strasse an und warnen uns vor ihren rücksichtslosen Mitbürgern. Selbst passionierte Radler, die in Europa schon Tausende von Kilometern zurückgelegt haben, berichten uns, dass sie in ihrem eigenen Land niemals auf der Strasse fahren würden. Selbst auf der kurvigsten Landstrasse sind 100km/h erlaubt. Lastwagenfahrer und Autos überholen (man sagt uns: absichtlich) ohne Abstand. So absurd das auch klingt: So unsicher haben wir uns noch in keinem Land gefühlt.

5. Neuseeländer sprechen Englisch
Nein.

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Als wir aus unserem Apfelparadies aufbrechen und weiter Richtung Westküste fahren, lockern sich die Wolken allmählich auf. Der Himmel wird blau, Wind- und Regenjacke werden verstaut und wir geniessen erstmals ein Picknick in vollem Sonnenschein. Vor uns liegt der stahlblaue Lake Hawea. Im Abendlicht fahren wir weiter an einen pittoresken Zeltplatz auf einem Schwemmkegel im Wanaka-See. Wie viel das Wetter doch ausmachen kann! Auf der wunderbaren Fahrt durch voralpines Gebiet atmen wir erstmals so richtig durch: So würde es sich doch leben lassen! An einem Aussichtspunkt hoch über den Seen treffen wir auf eine Truppe Taiwanesen, die soeben aus ihrem Tourbus entweicht. Der bärtige Chauffeur steigt gelangweilt aus und schaut uns sichtlich amüsiert an. Er fragt nach unserer Route und hebt entrüstet die Augenbraue. Was, auf die Nordinsel wollt ihr?

Bärtiger Touristenführer, dezidiert: Dount weischt yar taim!
Wir: Pardon?
Er: Don’t weischt your time! Nothin‘ to see. And awful people.
Wir, verwirrt: Aber die Nordinsel hat doch Vulkane und schöne Beaches?!
Er: I don’t do beaches.
Wir: Hä?
Er: Beaches are like little dogs.
Abgang.

Bei ebenfalls schönstem Wetter radeln wir am nächsten Tag durch wilde Täler und geniessen beim Aufstieg auf den Haast-Pass den Ausblick auf weissverschneite Gipfel. Doch die Idylle dauert nur, bis wir in Haast die Westküste erreichen. Ab hier ist Ende der Welt! Ein Geburtstags-SMS können wir nur via Satellit absetzen, denn hier gibt es weder Handyempfang noch Internet. Die Versorgung wird für uns Langsamfahrer zur Herausforderung, denn der nächste kleine Lebensmittelladen beim Fox-Gletscher ist 120 Kilometer weit weg. Dank langen Etappen und endlosem Auf und Ab steigt unser Kalorienverbrauch gefühlt ins Unendliche. Entsprechend kostspielig wird das Einkaufen: Allein ein lampiges, geschnittenes Vollkorntoastbrot kostet hier 6 NZ-Dollar. Diese Ungewissenheit, wann man zum nächsten Mal an Futter kommt, hat uns seit Zentralasien nicht mehr begleitet. Und ab sofort werden wir noch von einem weiteren Übel geplagt: Sandflies. Jeder noch so kurze Stop endet in wilder Flucht, sobald uns die schwarzen, stechenden Bestien entdecken. Das Kochen im Freien wird zeitweilig zum Akt der Verzweiflung. Wo kein Stück Stoff den Körper bedeckt, stechen die Viecher im Dutzend gnadenlos zu. Zum Glück sind die Biester nicht intelligent, doch sie kompensieren das locker mit Masse. Ihre Stiche werden hart, rot und beissen noch Wochen später…

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Lassen uns nie zur Ruhe kommen: Regen, Moskitos und Milliarden von Sandflies…

Auch die Strasse ist nun stärker frequentiert, denn die Westküste scheint das Ziel aller Touristenträume. Vier Kategorien von Touristen teilen ab sofort mit uns die Strasse:

A. Die mittellosen Backpacker
Sie sind 18 oder 19, kommen aus Deutschland, Holland oder England und fahren uns in alten, abgewetzten Karossen vor. Sie sind meist allein oder zu zweit und wir fragen uns: Was macht diese Touristengruppe ausgerechnet im sauteuren Neuseeland? Wieso sitzen die nicht alle im billigen, warmen Südostasien? Irgendwann ist jemand so nett und klärt uns auf. Neuseeland vergibt ohne grosse Nachfrage einjährige Working-Visa an Jugendliche, die sich dann auf Plantagen, Weingütern oder Hostels als billige Arbeitskräfte verdingen. Da hier der Autobesitz im Gegensatz zu Europa zu den indiskutablen Grundrechten gehört, ist ein Autokauf so unkompliziert wie der Erwerb einer Kopfschmerztablette. So verkaufen sie sich gegenseitig ihre gebrauchten Schwarten und gondeln durchs Land. Sie telefonieren via Skype überlaut und stundenlang mit Mutti und Vati in der fernen Heimat und erzählen von ihren Abenteuern. Mittellos sind sie übrigens keineswegs: Hier ein Bungee Jump, da ein Helikopterflug, das verdiente Geld wird gerne mit beiden Händen wieder ausgegeben.

B. Die naturbegeisterten Mittdreissiger
Sie sind dem goldenen Ruf Neuseelands als Naturparadies gefolgt, reisen ausschliesslich als Pärchen und können sich bei dem Apotheker-Preisniveau keinen grossen Camper leisten. Also reisen sie im gemieteten VW-Büchsli ohne WC durchs Land und finden alles toll. Sie haben zwei bis drei Wochen Zeit, bis sie wieder an ihren Arbeitsplatz im Hochpreisland zurückkehren, und wollen deshalb einen möglichst ungestörten Urlaub verbringen. Meist sprechen sie Deutsch. Motto: Wir reisen dahin, wo es aussieht wie zuhause. Super!

C. Die Velofahrer
In keinem anderen Land auf unserer Reise haben wir so viele Velofahrer getroffen wie hier. Wir können immer noch nicht ganz nachvollziehen, weshalb so viele Leute den Aufwand auf sich nehmen, ihre Fahrräder flugzeugtauglich zu verpacken, 25 Stunden um den halben Globus fliegen, um dann in einem sandfliegengeplagten Anti-Camping-Paradies mit wettertechnischen Herausforderungen und einem potenziell tödlichen Fahrstil der einheimischen Lastwagenfahrer ihre hart verdiente Aus- oder Ferienzeit zu verbringen. Haben wir bisher stets bei jedem Reiseradler für ein kurzes Schwätzchen gehalten, fahren die Velotouristen hier meist still winkend an uns vorbei und auch wir halten nur noch an, wenn die andere Partei mit mindestens fünf schweren Satteltaschen durchs Land fährt. Natürlich aber sind auch sie alle hell begeistert vom Land.

D. Die arrivierten Frührentner
Sie haben sich trotz horrenden Kosten ein ansehnliches Wohnmobil geleistet. Stellen es jeden Abend zu einer ebenfalls ansehnlichen Summe in einem zivilisierten Campingplatz mit Stromanschluss auf. Aus ihrer Kombüse klingt wohltemperierter Jazz, soeben haben sie eine Flasche Weisswein zum Apéro entkorkt, schmökern in ihrer philosophischen Literatur und lassen es sich aus ihren prall gefüllten Vorratsschränken so richtig gut gehen. Sandflies kennen sie nur vom Hörensagen, denn wenn sie ihr abgeschirmtes Zuhause verlassen, sind sie stets von unten bis oben mit Chemie eingesprayt. Wie wir sie beneiden!

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Zugegeben: Die Schuld für den gefühlten K(r)ampf liegt nicht zuletzt bei uns. Bis wir vom Wirbelsturm ausgebremst werden, erradeln wir in 16 Tagen 1235 Kilometer und fast 10’000 Höhenmeter und legen dabei gerade mal einen einzigen Ruhetag ein. Hotelnächte: Null. Mangels eingehender Planung (die gebrochenen Speichen lassen grüssen) haben wir uns in zu kurzer Zeit wohl auch schlicht zu viel vorgenommen. Vielleicht ist es aber auch, weil wir die Neuseeländer nie ganz verstehen. 🙂 Eine typische Konversation verläuft ungefähr so:

Neuseeländer: Giddaymait! (Good day mate)
Wir: Äh, hello!?
Neuseeländer: Öü dia. Söü yü aa raidin this push baik ull ouver Niüziilind? Aid ratha taik maicah! (Oh dear. So you are riding this bicycle all over New Zealand? I’d rather take my car!)
Wir: Äh?
Neuseeländer: Aa yü oooolrait? Yü hiv tü tün lift at the rid lait! Büt döünt botha, yüll git thia. Ai bit ya’ll faind it quicklei! Yü aa a veri spischal piasen. (Are you alright? You have to turn left at the red light! But don’t bother, you’ll get there. I bet you’ll find it quickly. You are a very special person.)
Wir: Wäs?
Neuseeländer: Oooossummait! Nöü würries! Nöü würries! (Awesome, mate! No worries! No worries!)

(PS. Mit Hilfe dieses amüsanten Videos haben wir dann noch ein bisschen geübt…)

An der Westküste holt uns das trübe, nasse Wetter wieder ein und oft radeln wir unter wechselndem Sprühregen. Dennoch gefällt uns die Fahrt von Greymouth nach Westport ausserordentlich. Die tief zerklüftete Küste und die Pancake Rocks sind ein echter Hingucker. Auch die Fahrt von der Westküste weg durch die Buller Gorge entlang des breiten Buller-Flusses gefällt uns super. Immer wenn sich das Wetter von der goldigen Seite zeigt, macht das Fahrradfahren in Neuseeland tatsächlich Spass.

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Auf dem Weg von der Westküste zur Nordspitze der Südinsel kommen wir mit einem kauzigen, älteren Herrn ins Gespräch, der gerade – wie praktisch jeder Neuseeländer – seinen Rasen piekfein mäht. Mit ungläubigen Augen schaut er uns an, als wir kundtun, dass es zum Velofahren heute doch etwas kühl sei. Er wischt sich die Stirn ab und meint, nein, eigentlich sei es direkt heiss heute. Und ruft uns beim Davonfahren noch nach: „And don’t forget to check the weather!“ Pardon: „Änd dint firgit tü chick the witha!“ „Tersch a schtorm coming!“ Ein Wirbelsturm?!? Bei nächster Gelegenheit werfen wir den Computer an und rufen ein paar neuseeländische Wetterseiten auf. Tatsächlich: Rot prangt ein Warnhinweis fürs kommende Wochenende: „Severe weather alert!“ Herrje, das kann ja heiter werden!

For sale

Häuser, Pubs, Bauernhöfe, Motels, Weideland, Restaurants, Ruinen, ganze Freizeitanlagen, ja sogar Kirchen: In Neuseeland ist alles for sale. Auch an den entlegensten Orten strahlen uns die auf Holzpflöcken in den Boden gerammten Immobilienhaie und Grundstücksmaklerinnen mit ihrem Kukident-Lächeln an. Nicht die Einsamkeit oder die lästigen Sand Flies sollen die Gründe für den Ausverkauf der Südinsel sein, wie wir zuerst vermuten. Nein, es lockt das schnelle Geld. Bei den hierzulande nicht sehr beliebten Rentnern aus den USA soll es besonders populär zu sein, am anderen Ende der Welt ein Stückchen Land zu kaufen. Vermutlich überlassen die neuen Besitzer die Bewirtschaftung dann einem Einheimischen, während sie draussen auf ihrer Veranda ein Glas Weissen trinken und dabei von einer Horde Stechbiestern leergesaugt werden. Selbst eine Chinesin, die mitten in der Pampa ein Pub bewirtet und dazu chinesische Gerichte serviert, hat sich ein „Zu Verkaufen“-Schild organisiert und haut bei nächster Gelegenheit ab. Als wir bei ihr die Gebühren des nahen Zeltplätzchens begleichen wollen, kommen wir mit den einzigen zwei Gästen ins Gespräch. Es ist ein liebenswürdiges dänisches Rentnerpaar, das in der Nähe eine Farm besitzt und hier die europäischen Wintermonate überbrückt. Einen weiteren Hof haben sie in der Heimat, ebenso ein schönes Appartement in Kopenhagen. „We think that’s quite clever!“ sagen sie, zahlen uns ein Bier und grinsen entspannt. Hat was!

Mangels eigener Immobilie stellen wir unser Zelt auf und kommen mit den zwei weiteren Besuchern des Campgrounds ins Gespräch. Wie könnte es sonst sein, es ist ein Schweizer Paar auf Veloreise. Mit einem grossen Feuer versuchen wir, der Insektenplage Herr zu werden, leider erfolglos: Die Biester ignorieren unsere Rauchzeichen und stechen munter weiter. Nur mit unserer thailändischen Extragiftmischung können wir das Ungeziefer in Schach halten. Dafür scheint tagsüber mal die Sonne – ist es die Ruhe vor dem Sturm? Nach Tränengas in Istanbul, verschütteten Strassen und eingestürzten Brücken in China oder Unruhen in Thailand ist es Zeit für einen richtigen Tropensturm: Zyklon Lusi ist unterwegs! Unsere Wege kreuzen sich ziemlich genau in Nelson.

Zyklon Lusi

Der Weg dahin ist einmal mehr eine Kombination von unerhört steilen Anstiegen, vielen Kilometern und einen uns permanent verhöhnenden Gegenwind – wie wir das lieben! Immerhin scheint tagsüber die Sonne. Erst während der sich hinziehenden Anfahrt durch end- und gesichtslose Gewerbeviertel verdüstert sich der Himmel. Kaum stehen wir vor dem gebuchten Hostel, beginnt es zu regnen. Die apokalyptische Berichterstattung zum aufkommenden Sturm hat uns vorsichtig gemacht: Zum ersten Mal seit unserem Start in Christchurch stellen wir nicht unser Zelt auf, sondern kommen in den Genuss von eigenen vier Wänden und einer richtigen Matratze – kostenloser Blick auf riesige Schiffscontainerstapel im Hafen inklusive! Drei Tage dauert unsere Zwangspause. Hatte Lusi auf der Nordinsel noch erhebliche Schäden angerichtet hat, haben wir es nur noch mit einem Stürmlein zu tun. Zwar fegt uns der Wind beim Spazieren durch die Strassen manchmal fast von der Strasse, aber zusammen mit den Locals nehmen wir es sportlich und geniessen das Kleinstadtleben. Entdecken einen echten Italiener, der weiss, was eine Pizza ist. Besichtigen die Sehenswürdigkeiten – wobei dies in recht kurzer Zeit erledigt ist, denn abgesehen von einer mittelprächtigen Kathedrale im Art-Deco-Stil gibt es so gut wie nichts zu sehen. Staunen über die bemerkenswerte Anzahl an Supermärkten – Essen scheint wirklich eine der Lieblingsbeschäftigungen der Leute zu sein. Stellen fest, dass offenbar eine ganze Generation von neuseeländischen Jugendlichen ihre Zeit damit verbringt, in verwahrloster Kluft als Strassenmusikanten ein paar Dollars zu verdienen. Erfreuen uns nicht zuletzt an der Tatsache, dass wir nicht permanent von einem Schwarm Sand Flies verfolgt werden. Sitzen im gemütlichen Hostel, während es draussen Bindfäden regnet. Fast werden wir heimisch, aber die Nordinsel ruft!

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Das Warten hat sich gelohnt: Bei strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen fahren wir auf dem malerischen Queen Charlotte Drive durch die zusehends zerklüftete Gegend der Marlborough Sounds. Immer wieder gibt die kurvige Strasse einen atemberaubenden Blick auf einsame Buchten. Und dann nehmen wir Abschied von der Südinsel: In Picton besteigen wir frühmorgens die Fähre, die uns nach Wellington bringt. Wir merken schnell, dass wir in der Hauptstadt angekommen sind: Eine beachtliche Dichte an Kravattenträgern markiert das politische Zentrum des Landes. Glücklicherweise ist der Bahnhof gleich gegenüber vom Fährhafen, wir packen die Gelegenheit und ergattern uns Bahntickets für die Weiterfahrt nordwärts. Uns bleiben nur noch zwei Wochen bis nach Auckland und die wollen wir nicht mit Schäfchenzählen in den endlosen Weiden der südlichen Nordinsel verbringen. Da der Zug just zur Abendessenszeit unterwegs ist, geniessen wir ein selbst mitgebrachtes Picknick und kassieren prompt einen saftigen Zusammenschiss des Zugbegleiters. Unser mitgebrachter Weisswein ist illegal. Alkhoholische Getränke dürfen nur in der Zugbar bezogen werden. Ganz verdattert sitzen wir da und knabbern eingeschüchtert an unserem Käse. Wenigstens das ist erlaubt! In Palmerston North (von den Einheimischen liebevoll „Palmy“ genannt) springen wir aus dem Zug und stellen erstaunt fest, dass hier sogar Fahrradrouten existieren. Wir überlegen nicht lange und nehmen die Strecke in Angriff.

Die Route führt landschaftlich reizvoll durch eine so gut wie unbesiedelte Gegend. Obwohl sogar ausgeschildert, begegnen wir weit und breit keinem einzigen Radfahrer. Auch sonst gibt es fast keinen Verkehr und wir haben die Strasse für uns alleine – eine Wohltat nach haarsträubenden Begegnungen mit wildgewordenen Truckfahrern. Zwischenzeitlich fahren wir mitten durch den Urwald und lauschen den unbekannten Geräuschen des heimischen Federviehs. Es kommt uns vor, als sässen wir mitten in einem National-Geographic-Dokumentarfilm:

Das Topografie dieser Gegend entlockt dem gemeinen Radler immer wieder eine Schimpftirade. Alle paar Kilometer frisst sich ein Fluss tief ins Gelände ein. Da steht man dann am Abgrund, schaut sehnsüchtig hinüber zur Strasse auf der anderen Seite, die zum Greifen nah scheint. Allerdings windet sich diese halsbrecherich erst satte 200 Höhenmeter in die Tiefe. Da unten überqueren wir dann eine schmale Holzbrücke, bevor wir die verlorene Höhe schweissgebadet zurückerobern dürfen. Zum Lohn für 1400 Höhenmeter Schinderei finden wir in Rangiwahia den wohl niedlichsten Campingplatz des ganzen Landes. Die goldenen Jahre des Dorfs sind zwar schon länger vorbei, wir finden nur ein paar verstreute Häuser vor. Aber das einsame Plätzchen gleich im Dorfzentrum ist uns einfach sympathisch, nicht zuletzt wegen dem aufregenden Ausblick auf die lokalen Hotspots:

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Hier tanzt der Bär: Rangiwahia Downtown

Die Stille wird nur selten unterbrochen von ein paar Bell Birds, deren Gesang uns manchmal an das Rauschen und Zirpen der guten alten Dial-up-Modems erinnert. Dass die kleine Schule im Nachbardorf in einem handgefertigten Faltblatt den Durchreisenden bittet, doch auf einen Besuch vorbeizuschauen, passt ebenfalls in die entspannt-melancholische Stimmung.

Inzwischen sind wir auch in der Lage, das blumige Marketing-Englisch der Tourismusverantwortlichen des Landes zu interpretieren. Die Broschüre zum Manawatu Cycle Way liest sich mit dem vifen Auge eines erfahrenen Neuseelandradlers folgendermassen:

The 126-kilometre Manawatu Cycle Way weaves its way (die kurvige Strecke ist ein einziges Auf und Ab) from Mangaweka to Palmerston North City, providing cyclists with a two-day trip set against the region’s unique rural landscape (Schafe, Schafe, Schafe, Schafe). This off-the-beaten-track (hier kommt kein Mensch, und das hat seinen Grund!) takes you on a journey to discover hidden places and tucked away treasures (so versteckt, dass auch wir sie nicht finden) ranging from convivial country cafes and pubs (leider alle geschlossen, nur bellende Hunde da); heritage sites (oooh, ein antiker Kirchturm aus dem Jahr… 1953!), galleries and gardens (wird ausnahmsweise das Gras mal nicht gemäht, wachsen sogar Blumen), to scenic reserves, day walks, swimming holes, glow-worm caves, picnic areas (Kiesplatz neben der Strasse ohne jegliche Annehmlichkeiten wie Tisch, Sitzbank oder Mülleimer, man fährt ja im Wohnmobil vor), and camping spots (alle bereits geschlossen).

Kühe, Schafe und immergleiches Weideland haben wir nun genug gesehen. Die vor uns liegende Vulkanwelt verspricht endlich ein bisschen Abwechslung. Kommen wir zunächst noch einmal in den Genuss von 1001 Hügeln und einer Fahrt durch ein Übungsgelände der Armee, finden wir uns bald auf einer sanft ansteigenden Ebene wieder. Vor uns erhebt sich der mächtige Mount Ruapehu mit seiner schneebedeckten Krone. Fast 2800 Meter hoch ist der imposante Berg und damit der höchste Vulkan Neuseelands. Obwohl es in jüngerer Zeit immer wieder Eruptionen gab, befinden sich hier Skigebiete mit der dazugehörigen Infrastruktur. Ohakune scheint eine einzige Ansammlung von Unterkünften und Verpflegungsstätten für Alpinsportler zu sein. Uns zieht es darum bald weiter zum Mount Ngauruhoe, dessen Name für nichts weniger als „heisse Steine werfend“ steht. Bleibt nur zu hoffen, dass der Berg in den nächsten Tagen auf ein Feuerwerk verzichtet – nicht umsonst hat er es als „Mount Doom“ in Lord of the Rings zu einiger Bekanntheit geschafft. Tatsächlich übt die perfekt kegelförmige Gestalt des Vulkans eine magische Faszination aus. Bei recht schönem Wetter pedalen wir durch diese Wunderwelt, gerade richtig für unseren Jubiläumstag: Seit einem vollen Jahr sind wir nun furt und am anderen Ende der Welt angekommen. Wie klein dieser Planet doch ist!

Frühmorgens hat der Ngauruhoe noch seine orange Mütze an

Frühmorgens hat der ferne Ngauruhoe noch seine orange Mütze an

Hat uns die Berglangschaft der Kiwis bisher nicht zu Freudensprüngen verleitet, finden wir an diesen bizarren Steinformationen wesentlich mehr Gefallen – einen giftig dampfenden Schlot findet man in der fernen Heimat ja nicht gleich um die Ecke. Wir werden deshalb mit unserem Zelt ansässig und machen uns auf zum Tongariro Alpine Crossing. Fast 20 Kilometer führt dieser (Massen)-Wanderweg durch eine einzigartige Vulkanlandschaft. Mal präsentiert sich der Mount Ngauruhoe in dichten Nebel gehüllt, mal zeigt er seine steilen, tiefrot schimmernden Abhänge. Kraterseen glitzern mal smaragdgrün, mal tiefblau. Aus unzähligen Löchern im porösen Gestein zischt penetrant-schwefliger Dampf heraus. Grosses Kino! Der Abstieg zieht sich dann allerdings ewig hin und wir stellen ernüchtert fest, dass unsere Fitness zwar zum Zweiradfahren taugt, die Muskeln zur Fortbewegung zu Fuss hingegen zwischenzeitlich verkümmert sind. Der Muskelkater am Folgetag spricht jedenfalls Bände!

Welche Kräfte in dieser Region unter dem Boden brodeln, wird einem auf Schritt und Tritt bewusst. Geysire und blubbernde Schlammpools à la Yellowstone sind unmittelbare Zeugen der unterirdischen Aktivität. Aber auch die weitläufigen Anlagen zur geothermischen Energieproduktion sind eindeutige Zeichen dafür: 13% der Elektrizität werden auf diese Weise produziert. Jedes Hotel preist seinen eigenen Hot Pool an – Kunststück, wenn das warme Wasser sozusagen aus dem Boden sprudelt! Dazwischen machen wir Halt in Kleinstädten und Touristenorten, die allesamt den nimmerendenden Drang der Touristen nach Adrenalin zu befriedigen versuchen. Jetboating, Skydiving, Bungeejumping, Adventure Quad-Biking, Scenic Helicopter Flights – Hauptsache, es macht Lärm und erhöht die Pulsfrequenz!

Blubb!

Blubb!

In Rotorua legen wir ein letztes Mal vor dem Schlussspurt nach Auckland einen Ruhetag ein, fahren ohne Gepäck durch Schwefelfelder und blubbernde Themalquellen, beäugen holzgeschnitzte Maori-Statuen und vermelden den ersten Materialverlust infolge Diebstahl: Werden uns in der Küche des Hostels tatsächlich zwei Trinkbecher und ein Sackmesser geklaut. Sind wir nun also um die halbe Welt gefahren, doch bestohlen werden wir im zivilisiertesten Land seit Europa – bedenklich!

Von nun an gehts nur noch in nordwestliche Richtung, das subtropische Klima macht sich bemerkbar und wir freuen uns mittlerweile schon fast über den stetigen Gegenwind, der uns etwas Kühlung verschafft. Europa beginnt für uns schon hier: In Te Aroha landen wir unvermutet auf einem Zeltplatz, der seit vielen Jahren von einer Schweizerin geführt wird, in Kaiaua verbringen wir einen lustigen Abend mit einem Paar aus Ostdeutschland und einen Teil der letzten Etappe entlang dem malerischen Thames-Meeresarm legen wir mit Radler Neil aus Grossbritannien zurück. Aber halt, Europa kann warten: Wir legen ja noch einen kleinen Zwischenhalt auf einem grossen Kontinent ein. Kia ora, e noho rā New Zealand!

Auf dem fünften Kontinent

Beim Anflug auf Downtown Sydney atmen wir ein erstes Mal erleichtert auf. Was auf unsere Netzhaut trifft, gefällt uns auf Anhieb. Eine herrlich schroffe Küste, urbaner Grossstadtdschungel, freundlicher Sonnenschein und Menschen, die man versteht! Wir hatten uns heimlich ja schon für etwas verrückt gehalten. Oder besser, zivilisationsentfremdet. Denn in Neuseeland hatten wir stets das Gefühl, wie zwei asoziale Marsmenschen durch die Gegend zu steuern und ständig irgendwo anzuecken.

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Zum Beispiel beim Lebensmitteleinkauf in einem 1000-Seelen-Dorf. Damit wir den Fussgängern den Weg nicht versperren, stellen wir unsere Räder ganz einfach in eine freie Parklücke. Ergibt Sinn, denken wir. Nicht der Neuseeländer. „You might wanna park your bikes somewhere else“, werden wir diplomatisch darauf hingewiesen, dass wir im autofreundlichen Neuseeland soeben eine Todsünde begangen haben. Also eigentlich hiess es ja: „Yümaitwinnapiakiübaikssümwiails“. Da ich den Mann nur entgeistert anstarre, ergänzt er – nun schon merklich peinlich berührt – dass eben jetzt die Rush-Hour beginne. Die Stosszeit für ‚Fish and Chips‘! Das ist jenes Gericht, das im Rohzustand Kartoffel und Fisch beinhaltet, und dann so lange im heissen Öl frittiert wird, bis auch der hinterletzte Maori an Gewichtsproblemen leidet. Und tatsächlich. Als wir unsere Räder schleunigst wegräumen, ist die Parklücke in Sekundenschnelle besetzt. Es ist eine Mutter mit zwei Kindern, die sich nach Feierabend zur Fish-and-Chips-Bude stürzt. Die Schlange vor dem Fastfood-Schuppen reicht mittlerweile schon bis aufs Trottoir hinaus. „The best in town“, sagt der Mann, der unsere entsetzten Blicke verfolgt und dem nun alles noch viel peinlicher ist. Er trollt sich schleunigst von dannen – wir ahnen es: an die Theke mit Frittiertem.

Ebenfalls wie unzivilisierte Barbaren fühlen wir uns auf der Zugfahrt, die uns von der Südspitze der Nordinsel ins Landesinnere bringt. Die einzige Zugsverbindung des Tages fährt um 19:30 los. Ideal also für ein Picknick im Zuge, denkt sich der Kluge. Brot u Chäs und ein Schlückli Weisswein, ja, der Abend ist perfekt. Bis der Kondukteur vorbeikommt, auf unserer Höhe zur Salzsäule erstarrt, die Weinflasche im Zeitlupentempo aus der Papiertüte zieht und uns mit ernster Mine mitteilt, dass wir hier illegal Wein tränken! Wir sind selbstverständlich entsetzt. Dass es verboten ist, eigenen Alkohol im Zug zu konsumieren, damit von der bordeigenen Bar „zwangsumiert“ wird, das stand leider weder auf unserem Ticket noch sonst irgendwo. Tja.

Zum Abschluss unseres Neuseeland-Abenteuers treffen wir auch noch auf einen bekennenden Velohasser. Wir sind spät unterwegs und schlagen deshalb ein zügiges Tempo an. Man will ja noch bei Licht im Zelte sein. Da entdecken wir etwas, was wir in Neuseeland fast nie getroffen haben. Einen Veloweg! Und was für einen! Er ist geschätzte 40 Zentimeter breit und anstatt flach der Strasse zu folgen, geht er ständig auf und ab. Da wir keine Zeit verlieren wollen und mit unseren sperrigen Seitentaschen sowieso jeglichen entgegenkommenden Velofahrer wegrasiert hätten, bleiben wir auf der Strasse. In voller Fahrt geht es zügig voran, bis mich ein Neuseeländer im Pickup überholt, vor mir anhält und mit den Armen rudert, als sei die Schwiegermutter im Hintersitz vom Herzinfarkt getroffen. Schweren Herzens ziehe ich also die Bremse. Der bärtige Herr teilt ungehalten mit, dass man wegen ‚folks like you‘, Gesindel wir uns, einen Veloweg gebaut hätte! Und dass es ja gar nicht ginge, dass wir jetzt auf der Strasse fahren! Denn man hätte EXTRA diesen Veloweg gebaut. Für uns! Ob wir das eventuell übersehen hätten? Obwohl ich vor Wut innerlich koche, enthalte ich mich zynischer Kommentare und fahre weiter. Als sich keine zweihundert Meter weiter vorne der extra für uns gebaute Veloweg übrigens in Nichts auflöst, komme ich dann doch kurz ärgerlich ins Schnauben…

Und nun sitzen wir also im Flugzeug nach Australien und sind gespannt auf unseren kurzen Zwischenstopp vor der Heimreise. Gemeinsam kleben wir beim Landeanflug an unserem Plexiglasfenster und schauen gebannt hinunter: Glitzerndes Meer, riesige Tanker, die Grossstadt glänzt. Es ist Liebe auf den ersten Blick.

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Abgeholt werden wir von unseren australischen Velofreunden Eve und Alex, die wir ein halbes Jahr zuvor im usbekischen Buchara zum ersten Mal getroffen hatten. In den nächsten Tagen werden wir von unseren Gastgebern verwöhnt, wie es nur geht. Wir unternehmen Küstenwanderungen, lernen die beste Gelateria der Stadt kennen, wandeln durch Parks und Gärten, bestaunen das Opernhaus, lachen über die bizarren Installationen des Kunstmuseums, essen Nudeln beim authentischsten Chinesen der Stadt, lernen an der hauseigenen Kaffeemaschine das Barista-Handwerk, treffen uns mit einer Gruppe von Freunden zum chinesischen Barbecue, degustieren australischen Wein und französischen Käse und spielen bis in alle Nacht. Es ist definitiv schöner, eine Stadt durch die Augen der Einheimischen zu entdecken (siehe Fotogalerie). Thank you guys, it was wonderful!