Welcome to China?

China ist anders. Ob kulinarisch, kulturell oder im täglichen Umgang – selten war das Angewöhnen an ein neues Land so herausfordernd wie hier. Nachdem wir in Kirgistan kräftig in die Pedale getreten sind, stehen wir am späten Nachmittag des zweitletztmöglichen Tags zur Einreise ins Reich der Mitte an der Grenze. Hier gelten zwei Zeitrechnungen: Alle offiziellen Stellen richten sich bereits nach der fernen Pekingzeit, was uns einen wahren Zeitsprung von drei Stunden beschert. Die lokalen Uiguren pfeifen allerdings auf Peking und haben inoffiziell ihre eigene Zeitrechnung, die besser zu Tag und Nacht passt. Aber eben, für die Grenzer gilt Peking und wir haben nicht mehr viel Zeit für die Formalitäten. Kommt dazu, dass bei diesem ersten Checkpoint nur das Gepäck geprüft wird. Den Einreisestempel erhält man erst gut 150 Kilometer weiter im Landesinnern.

Je ein Soldat wird uns zugewiesen, um unsere total zwölf Taschen genauestens zu durchwühlen. Meiner ist besonders dienstfertig und schaut sich wirklich jeden Krümel an. Der Sack tadschikische Teigwaren, ein Paar Wollsocken: Alles will intensiv betatscht oder beschnüffelt werden. Der Computer wird gestartet und nach verbotenen Bildern oder Schriftwerken durchsucht. Mit der deutschen Sprache kommt der Bursche dann aber nicht so gut zurecht, und so endet diese Massnahme bald erfolglos. Yvonnes Polizist hingegen schnappt sich ihre Kamera und schaut sich in aller Gemütlichkeit die Bilder an. Unsere ganze schöne Reise spult rückwärts am Beamten vorbei: Die Anfahrt zur Grenze – Kirgistan – die Jeepfahrt – der Pamir Higway… wir fragen uns schon, wie lange er braucht, bis er in Griechenland angekommen ist, da zuckt er beim Bild eines gestrandeten chinesischen Lastwagens sichtlich zusammen und eilt damit sofort zu seinem Vorgesetzten. Uns haut es fast den Deckel vom Teekrug: Hey, her mit unserer Kamera! So weit also geht die Zensur in China!

Nun haben sich die Chinesen eine weitere hübsche Beschränkung für Individualreisende ausgedacht. Die Strasse bis zur Immigration sei zu schlecht und zu gefährlich, deshalb dürfe sie nicht mit dem Velo befahren werden. Aha. Wir wissen von anderen Radlern, die vor wenigen Wochen deshalb mit einem Lastwagen gratis und franko mitfahren durften bzw. mussten. Also los, Trucks hat es hier ja mehr als genug! Meiyou, nein, sagt der Uniformierte. Meiyou. Das chinesische Zauberwort, das wir noch oft hören werden. Wir müssten ein Taxi oder einen Bus nehmen. Und selbstverständlich müssen wir es auch selber bezahlen und selber organisieren. Praktischerweise steht gerade ein perfekt englischsprechender Tourguide herum, der uns oberfreundlich willkommen heisst und uns seine Hilfe für alle Fälle anbietet. Sein Bus hat gerade eine Gruppe Touristen hierhergebracht und fährt nun leer zurück nach Kashgar – das passt ja wunderbar! Schon wird uns beim Einladen des Gepäcks geholfen und ehe wir uns versehen, fährt der Bus los. Da sei noch ein klitzekleines Detail, zwitschert unser Guide, während sich der Bus in Bewegung setzt. Ja? Wir müssten für die Fahrt natürlich etwas bezahlen. Obwohl wir nicht gewillt sind, für diese Zwangsfahrt auch nur einen einzigen roten Heller locker zu machen, fragen wir nach dem Preis. 175 Dollar. Da ist bei uns fertig lustig. Wir zahlen doch nicht diesen Wucherpreis, wenn es per Truck kostenlos geht. Der Bus dreht eine Runde um das Zollgebäude und beim freundlichen Chinesen ist jetzt auch fertig freundlich. Hässig wirft er uns an den Kopf, wenn wir nicht zahlen wollten, müssten wir halt hier übernachten. Wir kochen innerlich noch ein paar Grad mehr, der Bus rauscht leer davon und wir versuchen es mit weiteren Verhandlungen. Der eine Soldat kann leidlich Englisch und ich zeige ihm das E-Mail der Kollegin, die vor kaum drei Wochen zusammen mit vier weiteren Radlern mit einem Truck mitfahren konnten. Er scheint verständnisvoll, wendet sich nochmals an seinen Vorgesetzten. Der kann jedoch nur Meiyou. Für heute ist also Schluss, wir kommen sowieso nicht mehr rechtzeitig zur Immigration.

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So kommen wir zu einer Premiere, die wohl in kaum einem anderen Land denkbar wäre: Wir müssen unser Zelt direkt vor dem Zollgebäude aufschlagen und unsere Nacht im Niemandsland verbringen – den Ausreisestempel von Kirgistan bereits im Pass, ohne nach China einreisen zu dürfen. Danke China! Nächstentags machen wir uns früh reisefertig, möglicherweise fährt ja ein internationaler Bus aus Bishkek ein. Und so ist es dann auch: Beim Einrollen der Schlafsäcke rauscht ein Bus heran. Schnell das Zelt abbauen und ab auf den Bus! Zusammen mit einem munteren Trüppchen Kirgisen nehmen wir die verbotene Strecke in Angriff. Und siehe da: Wir rollen erhaben über eine nigelnagelneue Strasse und es gibt keinen ersichtlichen Grund, weshalb hier nicht ein Fahrrad durchfahren könnte. Grrrrrr!

Unterwegs dürfen wir an unzähligen weiteren Checkpoints unsere Pässe zeigen, bis wir nach langer Fahrt zum pompösen Immigration-Komplex gelangen. Gelangweilt durchleuchten ein paar weitere Chinesen unsere Taschen, erneut ohne erkennbare Resultate. Weil schon wieder viel Zeit ins Land gestrichen ist, fahren wir mit dem Bus gleich bis Kashgar durch, wo wir in der Jugendherberge ein fast palastähnliches, riesiges Zimmer mit wunderschönen Holzverzierungen im uigurischen Stil beziehen.

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Kashgar. Welch ein Gegensatz zum kargen Zentralasien der letzten Wochen! Auf den Strassen der schmucken uigurischen Altstadt türmen die Händler in schier unendlichen Mengen Obst und Gemüse auf, aus den vielen Holzöfen duftet frisches Brot, an jeder zweiten Ecke werden Teigtaschen und weitere Leckereien frisch hergestellt. Dazwischen drechselt der Tischler kunstvolle Holzsäulen, gibt der Schmied seinen Messern den letzten Schliff und hämmert der Spengler Töpfe, Zuber und allerhand sonst aus Kupfer und Blech zurecht. In den chinesisch dominierten, riesigen Alleen kommt es noch dicker: Konsumrausch bis zur Ohnmacht. Ein Geschäft reiht sich ans andere, von den Fastfood-Fritten neben der Luxuspatisserie über teure Modelabels bis hin zur neuesten Unterhaltungselektronik gibt es hier für Geld alles zu kaufen. In riesigen Supermärkten braucht man fast ein GPS, um sich nicht zu verlaufen. Der Kulturschock ist perfekt!

P1090448Wir kommen anfangs mit dem Überfluss an all den Waren und Lebensmitteln fast nicht zurecht, geniessen es hingegen, unsere Gaumen wieder mal so richtig zu verwöhnen. Am stimmungsvollsten geht das auf dem Nachtmarkt, wo Berge von Nudeln, Gemüse und so ziemlich jedes Körperteil von Schafen, Hühnern und Kühen zum Verzehr angeboten werden. Wir setzen uns auf einen Schemel vor dem jeweiligen fahrbaren Essensstand und kriegen für umgerechnet nicht mal 1 Franken eine Schüssel köstliche Nudeln. Diese sind so frisch wie wohl nirgends sonst: Sie werden von der Marktfrau quasi auf Bestellung von Hand auf die richtige Grösse gebracht, ins heisse Wasser geworfen und mit den weiteren Zutaten vermengt. Fertig ist die Nudelsuppe!

Wir gönnen uns alle Zeit der Welt, bringen unsere Ausrüstung auf Vordermann, waschen unsere vom Pamirstaub verdreckten Kleider und schlendern durch die Stadt. Die „richtige“ uigurische Altstadt auf dem Hügel ist nur noch ein Schatten ihrer Selbst, auf chinesisches Geheiss wurden schon fast alle alten Lehmhäuser, die hier seit dem 16. Jahrhundert stehen, abgerissen und durch moderne Beton- und Ziegelsteinbauten ersetzt. Eine Tafel an einem chinesischen „Big Ben“ erinnert an diese Wohltat, die im Namen der Sicherheit und Hygiene erfolgt: „…achieving the goal of seismic prevention and disaster alleviation, facilities perfection, improvement in living standard as well as inheritance and enhancement oft he Uyghur style and flavor.“ Wir diskutieren lange, ob das nun Entwicklungshilfe oder Imperalismus ist – vermutlich ist es eine Mischung von beidem. Bestimmt gibt es den einen oder anderen Einheimischen, der ein modernes Haus mit Strom- und Wasserversorgung seiner alten Hütte vorzieht. Viel erschreckender scheint uns, mit welcher Wucht ganze Satellitenstädte mit gesichtslosen Hochhäusern hochgezogen werden, in denen dann Han-Chinesen aus dem fernen Osten mit den Verlockungen auf Arbeit und günstigem Wohnraum angesiedelt werden. Hier spielt sicherlich die Verdrängung der unerwünschten „fremden“ Kultur mit. Dennoch erweckt uns die Stadt den Eindruck eines friedlichen, wenn auch separierten Zusammenlebens der verschiedenen Kulturen.

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Auf dem Basar – dem mutmasslich grössten in ganz Zentralasien – gibt es thematisch schön gruppiert alles, was das Uigurenherz begehrt. So ein Fuchsfell mit zugehörigem Kopf wäre zur Winterszeit doch ein idealer Halswärmer? Wir haben aber ja noch viele Kilometer vor uns und verzichten auf unnötigen Ballast, erstehen aber den Überraschungspreis für den Gewinner unseres letzten Wettbewerbs, einen schmucken Uigurenhut.

Dann kommt der Sonntag. Kein Aufenthalt von Kashgar ohne Besuch des sonntäglichen Viehmarkts ausserhalb der Stadt! Zusammen mit drei weiteren Radlern pedalen wir hin. Auf einem riesigen Feld kommen wohl jeder Viehzüchter von nah und fern und natürlich die Käufer der armen Viecher zusammen, um Stier, Geiss, Schaf, Esel und sogar Kamel gegen Geld zu tauschen. In Reih und Glied sind die Ziegen an langen Schnüren zusammengebunden, man erkennt kaum noch das Individuum. Es wird hart gefeilscht und die Ware wird vor dem Kauf genauestens begutachtet – einem gekauften Gaul darf man durchaus ins Maul schauen! Für ein paar wenige Schafe ist der Marktplatz bereits Endstation – sie enden frisch geschlachtet in einer der Garküchen, die den Handelsplatz säumen. Den meisten steht jedoch eine abenteuerliche Fahrt auf jedwelcher Art Fahrzeug bevor, ehe sie dann in irgendeiner Kombüse das Zeitliche segnen und allenfalls noch ein paar Stunden auf Kashgars Strassen, von Fliegen umschwirrt, an einem Fleischerhaken baumeln.

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Haben wir die ersten Tage noch schönsten Sonnenschein, zieht bald ein Sturm über die Taklamakan-Wüste und legt auch über Kashgar einen feinen, nebelartigen Sandschleier. Zeit zum Aufbrechen! Da wir definitiv genug Wüsten gesehen haben, beschaffen wir uns Tickets für eine zweitägige Busfahrt durch die Einöde Taklamakans. Gerade noch rechtzeitig vor der ersten Oktoberwoche, in der tout Chine Urlaub hat und ein Vorankommen mit öffentlichen Verkehrsmittel zu einem Ding der Unmöglichkeit werden kann. Wir decken uns also mit allerhand Nahrungsmitteln und Getränken ein für die Fahrt ins Ungewisse. Morgens um 11 Uhr geht es los, die Taschen und Räder rein in den Bauch des Busses und wir auf die Pritschen oben drin. Drei Reihen auf zwei Ebenen davon gibt es, kaum 180cm lang und mit einem unangenehmen Knick drin, bezogen mit einem schmuddeligen Tuch und bestückt mit einer Wolldecke. Hier sollen wir unsere nächsten rund 44 Stunden verbringen. In den Gängen stehen grosse Eimer für den Müll – und vor allem auch dafür, dass die Chinesen unter lautem Gerotze reinspucken können. Wir richten uns häuslich ein und harren der Dinge, die da kommen. Im Schneckentempo geht es aus der Stadt, vorbei an kilometerlangen Zeilen neuer Wohntürme, die dereinst vielen Tausend Han-Chinesen eine neue Heimat bieten werden.

Die Fahrt ist so ereignislos wie die Landschaft, die an uns vorbeizieht. Endlose, eintönig braune Sand- und Steinwüste in einem diffusen Licht ist für lange Zeit das einzige, was wir sehen. Kleine Dörfer säumen die Strasse dort, wo es etwas Wasser hat. Mit dem Velo wären wir hier drei, wenn nicht vier Wochen unterwegs gewesen – gut, haben wir uns das erspart! Unser Chauffeur findet dann doch noch das Gaspedal und wir kommen ganz anständig voran, immer wieder unterbrochen von langen Abschnitten, wo die Strasse wieder einmal gerade im Bau ist und wir darum auf einer improvisierten Piste dahinholpern. Wer nun denkt, dem essfreudigen Chinesen würden zahlreiche Stopps an Verpflegungsständen oder Restaurants geboten, der irrt gewaltig: Nur zur Not hält der Bus und dann stürzen alle nach draussen, um ihre Notdurft zu verrichten. Im besten Fall geschieht das an einer Tankstelle, wo im noch besseren Fall sogar das Konzept des geordneten Urinierens bekannt ist. Will heissen: In einem kleinen Gebäude sitzen dann zig Chinesen schön aufgereiht und erleichtern sich um die Wette. Manchmal gibt es zwischen den Nischen ein kleines Mäuerchen, manchmal aber auch nicht. „Scheissen im Team“ sozusagen, für uns zugegebenermassen gewöhnungsbedürftig. Rauchen im Bus? Kein Problem! Ebenso wird mitten in der Nacht mit Inbrunst ins Telefon gebrüllt oder unter lautem Schmatzen ein Hühnerfuss abgenagt – in Plastik eingeschweisst wie andernsorts Nüsschen oder Snacks.

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Erst gegen Ende der langen Reise wird die Landschaft wieder interessanter, wir verlassen die Taklamakan-Ebene und schrauben uns in die Höhe, hin zum riesigen Qinghai-See. Im Licht des späten Abends haben wir einen herrlichen Ausblick auf die bizarren Felsformationen am Seeufer. Dann bricht die Nacht herein, wir dämmern nochmals ein paar Stunden auf unseren Pritschen dahin und schon stoppt der Bus bei einer Zahlstelle der Autobahn. Raus mit euch beiden, scheint der Fahrer zu sagen, wir ziehen unsere Taschen und Velos aus dem Gepäckfach und der Bus rauscht davon. Da stehen wir also in aller Frühe 18 Kilometer vor Xining, einer „kleinen“ Millionenstadt im Herzen Chinas. Tschüss Uiguren, hallo Tibeter!

Vom Blitz getroffen

Eine kleine Überraschung ist sie ja schon, unsere Ankunft in dieser jahrtausendalten Kultur, im zwischen Tradition und Moderne zerrissenen China, im Heimatland falscher Gucci-Taschen und scharfer Instantnudeln. Wir überschreiten diese Kulturgrenze, nur um hier auf die altbekannten kebabröstenden Bärtlimuslime zu treffen. Das ist ja überhaupt gar nicht China! Als wären sie Kirgisen, Tadschiken oder sonstige Zentralasiaten, sitzen sie ungerührt in ihren kleinen Handwerksstätten oder vor ihrem Mini-Kohlegrill und beten in ihren Moscheen, und man kann sich vorstellen, wie sich das schrille, elektroscootergesteuerte, gadgetversessene Han-China von dieser komplett anderen Kultur und Religion innerhalb ihrer eigenen Reihen bedroht fühlen muss. Da prallen Welten aufeinander!

Ich hingegen finde die Uiguren mit ihren Käppli, den verschmitzt schmunzelnden, zerfurchten Gesichtern hinreissend und ich werde nach meiner Rückkehr in die Schweiz eine neue Partei gründen, die fordert, zu den lächerlichen zwei Uiguren, die wir bisher importiert, äh, gerettet haben, noch weitere ins Land zu holen. Da könnte sich im Parlament dann die Bauern- mit der Uigurenlobby zusammentun, und es wäre in einer Sommersession gleich eine munterere Stimmung, wenn sich die vereinte Uigurenfraktion mit der SVP am Mini-Uigurengrill bei Bratworscht und Kebabspiess über die Lage der Welt austauschen würde…

Doch zurück zu Xining. Bei unserer Ankunft frümorgens kurven wir durch lauschige Parks, gesäumt von hoch in den Himmel ragenden Wolkenkratzern, und was andere für chaotisch, überfüllt und überfordernd halten, empfinden wir als erfrischend urban. Vielleicht ist es, weil wir aus einem Land kommen mit Städten, deren Bevölkerung locker in einen dieser Wolkenkratzer passen würde. (Man stelle sich einmal ganz Niederboltigen gepfercht in einen Wolkenkratzer vor: Das würde unser Zweitwohnungsproblem elegant lösen! Item). In den Pärken der Stadt stehen zu dieser frühen Morgenstunde Hunderte von Menschen, die in stiller Andacht ihre Tai-Chi-Figuren in die Luft malen, übertönt von der lärmigeren Fraktion am anderen Ende des Parks, die sich zu lauter Musik in Gymnastik verrenkt. Man stelle sich vor, sieben Uhr morgens auf dem Bundesplatz und Ueli Maurer und seine Truppe würde vor der Arbeit zu einem lüpfigen Ländler ein paar Dehnübungen machen. Das hätte für den schweizerischen Zusammenhalt doch gleich eine andere Qualität!

Am nächsten Tag ist das Wetter immer noch strahlend und warm, so krallen wir unsere Räder und machen einen kleinen 50-Kilometer-Ausflug zum bekannten Kumbum-Kloster. Es ist eines der sechs wichtigsten buddhistischen Klöster im tibetischen Gebiet, und obwohl hier nicht mehr so viele Mönche, dafür umso mehr Touristen anzutreffen sind, ist die Anlage beeindruckend. Chinesische Touristinnen tippeln in zu hohen Stöckelschuhen ihrem lokalen Guide nach und brechen an geeigneter Stelle in ein Ah-Oh-Uh aus, nicken pflichtbewusst über die sicher kulturell wertvollen Erläuterungen und versuchen eifrig, sich wie richtige Tibeter vor den güldenen Buddhas zu verneigen.

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Christian zieht es vor, den 15-fränkigen Obolus an die chinesische Kolonialmacht für den Eintritt zu verweigern. Also ziehe ich alleine los in Richtung Räucherstäbchenduft und drehende Gebetsmühlen. Ich bin im gesamten Gelände die einzige Langnase (dazu noch ein Exemplar mit einer wirklich langen Nase) und werde natürlich angestarrt, als wäre ich ein weiteres kulturelles Exponat dieser Ausstellung. Dass man mich nicht in eine Tracht gesteckt und für mein Ablichten Geld verlangt hat, ist eigentlich ein Wunder.

Am nächsten Tag ziehen Wolken ins Land und wir ziehen südwärts. Es geht los in Richtung Ost-Tibet. In dieser Jahreszeit nochmals auf Pässe von fast 4000 Metern zu klettern und sich während drei Wochen auf einem Plateau von 3500 Metern zu bewegen – wir sind nicht sicher, ob das die beste Entscheidung gewesen sein wird, die wir je trafen. (Man hätte ja schliesslich auch aussenrum fahren können – man kann ja immer irgendwie aussenrum fahren.) Zumal wir in anderen Blogs lasen, dass die armen Radler tagelang im Regen fuhren und zwischendurch sogar auch Schnee unter den Reifen hatten.

Am ersten Tag fahren wir einem breiten, besiedelten Tal entlang, in dem die Chinesen auf der grünen Wiese Geisterstädte hochziehen und am Laufmeter neue Strassen und Bahnlinien bauen: Man könnte meinen, es würden irgendwo Millionen von Menschen nur darauf warten, in diese hässlichen, gesichtslosen Neustädte mitten im Nirgendwo zu ziehen. Bald geht es bergan und wir versuchen, uns auf den Expressway zu schleichen. Denn wir wissen: Da oben wartet ein Tunnel, der uns viele, viele Höhenmeter ersparen würde. Doch sobald wir als zwei kleine Punkte auf dem Radar der Mautstation-Frauen auftauchen, kommen sie aufgeregt aus ihren Häuschen gerannt, wild abwinkend: Mei you, mei you! Ok ok, wir haben verstanden. Die Ausländer müssen aussen rum, hoch auf den Pass. Bei milder herbstlicher Sonne fahren wir über Land, durch beschauliche kleine Dörfer mit Lehmhütten, wo sich die Bewohner auf den harten Winter vorbereiten, Heu bündeln, das Fell vom Lamm ziehen, den Spreu vom Weizen trennen und uns immer wieder mit einem neugierigen Lachen begrüssen.

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Als der Abend ins Land schreitet, stehen wir vor der Qual der Wahl: Am lauschigen Bergbach unter rauschenden Bäumen übernachten, oder unser Zelt unter den Säulen des hoch über uns thronenden Expressways aufstellen? Wir treffen eine Wahl der Vernunft und preisen unsere Entscheidung für den potthässlichen, aber trocknenen Platz. Sobald wir die Zelteingänge geschlossen haben, schüttet es wie aus Kübeln.

Am nächsten Morgen zeigt sich bereits wieder die Sonne und wir ächzen hinauf zum 3260 Meter hohen Qingshashan-Pass. Schon in der Ferne sehen wir den frisch gefallenen Schnee und die Gebetsfahnen leuchten. Es ist herrliches Herbstwetter, die Bäume verfärben sich gelb und rot, es grüssen die ersten tibetischen Stupas und für kurze Zeit radeln wir gar an den Gestaden des Gelben Flusses. Gegen Abend halten wir müde und hungrig bei einer Baracke an, die aussieht wie ein durchschnittliches amerikanisches Motel. Als Christian in die Ställe lugt, steht jedoch nirgends ein Bett drin, und bei der chinesischen Frage nach „schlafen“ erntet er nur konsternierte Blicke. Na dann halt nicht. Wir brausen an einem Polizeicheckpoint vorbei, wo man uns noch etwas nachbrüllt, doch wir vestehen ja leider kein Chinesisch, deshalb radeln wir munter bergan. Die Szenerie ändert sich schlagartig: Das Tal verengt sich und wir fühlen uns wieder wie am Panj an der tadschikisch-afghanischen Grenze. Wir folgen einem braunen, wilden Fluss in einem engen Tal, mit dem einzigen Unterschied, dass nun plötzlich buddhistische „Reliquien“ auftauchen. Übermenschlich grosse Gebetsmühlen, bunte Wandmalereien, Gebetsfahnen – man sollte das den Tadschiken stecken. So eine optische Abwechslung kommt bei den Touristen doch einfach gleich besser an! 🙂

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Langsam wird es dunkel, und im engen, steilen Tal findet sich beim besten Willen keinen Platz für ein Zelt. Den einen oder anderen ebenen Quadratmeter sehen wir zwar schon, doch hätten wir dort zelten wollen, wäre die Chance nicht klein gewesen, am nächsten Morgen flach wie eine Flunder und mit einem Stein auf dem Kopf aufzuwachen. Irgendwann finden wir einen Dreckweg, der wohl einst den Strassenarbeitern gedient hat. Links geht es 300 Meter steile Geröllhalde hinunter zum Fluss, rechts über uns thront eine Felswand. Wir haben erneut die Qual der Wahl: Wollen wir unser Nachtlager möglichst an den Rand quetschen, damit uns der Steinschlag nicht trifft, wir in der Nacht dafür mit einem Erdrutsch in den Fluss segeln, oder wollen wir uns möglichst an die Felswand schmiegen, um dann von oben von einem herabfallenden Stein getroffen zu werden? Wir wählen den gutschweizerischen Kompromiss. Das Wetter ist ja gut, die Nacht ist sternenklar und wir legen uns nichts Böses ahnend ins Zelt. Nur ein paar Stunden später hat sich die Wettersituation scheinbar komplett geändert. Wir wachen auf, weil ein starker Wind an unseren Zeltstangen rüttelt, und bald fängt es an, auf unser Zelt zu prasseln. Nicht genug, hören wir es in der Ferne auch noch Donnern. Wir sitzen beunruhigt auf und werfen einander einen wissenden Blick zu. Jetzt wird sich weisen, welches Szenario uns ins Verderben reitet: Szenario ‚in die Tiefe donnern‘ oder Szenario ‚Stein auf den Kopf‘. Und dazu kommt jetzt noch ein neues, vorher nicht bedachtes Szenario: Blitzeinschlag ins Zelt!

Man kann sich vorstellen, dass es keine wirklich erholsame Nacht war. Wir liegen auf unseren Daunenmatrazen und zählen die Sekunden zwischen Blitz und Donner. Wir haben Glück, denn wenigstens zieht das Gewitter nicht direkt über uns. Und als ich ein paar Stunden später aus dem Zelt luge, prangt harmlos und unschuldig wieder ein wolkenloser Sternenhimmel über uns. Tückisch, dieses Ost-Tibet!

Am nächsten Tag treffen wir in Tongren ein, einer kleinen Stadt am Rande des osttibetischen Plateaus. Im ersten Hotel werden wir prompt abgewiesen. „Mei you“, keine Ausländer erlaubt. Das fängt ja gut an. Da wir das gute Wetter nutzen wollen, beschliessen wir, bereits am nächsten Tag weiterzufahren, und die einzige Attraktion Tongrens, das Wutun-Kloster, am Abend zu besuchen. An der äusseren Mauer des Klosters reiht sich Gebetsmühle an Gebetsmühle, und alte Tibeterinnen mit langen schwarzen Zöpfen und zerfurchten Gesichtern eilen an uns vorbei. Ein wenig erstaunt es mich schon: Nichts von in sich gekehrtem Wandeln, nein, die Tibeter scheinen bei ihrer Kora, der Umrundung eines heiligen Ortes (sei es ein zufällig gewählter Tempel, eine Klosteranlage oder wie beim Kailash gleich ein ganzer Berg), alle ziemlich in Eile. Sie sausen im Wirbelschritt an uns vorbei, um nur 60 Sekunden später bei der nächsten Runde wieder vor uns aufzutauchen. Irgendwie hatte ich mir das alles etwas kontemplativer vorgestellt, aber wer weiss, vielleicht sind die innerlich alle total im Einklang mit sich und dem Weltall und es sieht nur so aus, als würden sie ihre Runden möglichst schnell absolvieren wollen, damit sie dann wieder zu Buttertee und Yakburger in ihre Hütten zurückkehren können. Plus, das darf man nicht vergessen: Wenn ich jeden Tag 20-mal das Berner Münster umrunden müsste, würde ich den Prozess mit den Jahren vermutlich auch leicht beschleunigen. 😉

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Am folgenden Tag machen wir uns auf nach Xiahe, dazwischen liegen 100 Kilometer und ein weiterer Pass auf 3600 Meter. Wir haben übrigens herausgefunden, dass sich die Pässe auf unserer Route allesamt absprechen. Kommen wir keuchend oben an, die obligate Frage: Wie hoch? Antwort: Natürlich 3600 Meter. Den Höhenmesser kann man sich sparen! Die Szenerie ist jedoch pittoresk. Wir folgen einem schmalen Tal, hoch ragen rote Berge in den stahlblauen Herbsthimmel, in kleinen Dörfern wird an langen Holzständern Gras getrocknet und an den Hauswänden klebt der Kuhmist. Wir sagen nur: Erdölfrei heizen stinkt nicht weniger!

Höhenmeter um Höhenmeter schrauben wir uns nach oben, während auffällig viele weisse Grosstadtkutschen an uns vorbeibrausen. Ach ja, hatten wir ganz vergessen: Heute ist der 1. Oktober und die nächsten zehn Tage haben sämtliche Chinesen im Kollektiv Ferien. Nun drängen sie sich zu Millionen in die Touristengebiete, unter anderem eben auch hier, surren bei unserem Anblick entzückt die schwarz getönten Scheiben herunter, nehmen ihre absurden Kameraausrüstungen mit ihren 400mm-Zoomobjektiven hervor und machen direkt vor unserem Gesicht knips-knips-knips. Grrr!

Wir waren ja vorgewarnt. Nicht weniger neugierig als die Chinesen seien die Tibeter. Und so ist es. So kommen sie meist zu zweit auf ihren Töfflis angebraust, und sobald es die Information „Achtung, zwei Uhr ausserirdisches Fahrobjekt mit interessantem ausserirdischen Leben“ durch die Synapsen in ihr Hirn geschafft hat, bremsen sie just auf unserer Höhe ab und staunen uns mit offenen Mündern an. So fahren wir dann jeweils dahin, sie mit staunenden offenen Mündern, wir mit keuchenden offenen Mündern. Als gute Abwehrtaktik hat sich erwiesen, die neben uns herfahrenden Knatterkisten über die Mittellinie abzudrängen, denn die Statistik will es, dass in den nächsten Minuten auf der Gegenfahrbahn ein Verkehrsteilnehmer überlaut hupend daherkommt. Um nun nicht vermantscht zu werden, muss der Tibeter zwangsläufig Gas geben. Manchmal ist der sich uns bietende Anblick aber auch so lustig, dass wir während dem Fahren unsere Kamera zücken und ein Bild schiessen. Einer drückt uns vor dem Wegbrausen noch je eine süsse Birne in die Hand: Hey, es gibt sie also doch, die tibetische Gastfreundschaft!

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Apropos lautem Gehupe. Das ist etwas, das uns in diesem China in den schieren Wahnsinn treibt. Die Chinesen waren offensichtlich alle entweder
a) nie in der Fahrschule, oder
b) alle in derselben Fahrschule
denn hier verständigt man sich gemeinhin nur über die Hupe. Zuerst halten wir es einfach nur für unzivilisiertes, hirnloses Gockelgetue, doch mit der Zeit bemerken wir die feinen Unterschiede. Es gibt das ganz laute, böse, dröhnende, langanhaltende Hupen, das meist vom grösseren (also stärkeren) Verkehrsteilnemer gegenüber dem kleineren (wir) angewendet wird. Es hat zum Zweck, die anderen Fahrzeuge mittels paranormaler akustischer Kraft von der Strasse wegzublasen. Tüüüüüüüüüüt, denkt sich der Chinese: Wenn ich genug laut horne, dann verschwinden sämtliche andere Verkehrsteilnehmer wie durch ein Wunder von der Strasse!

Dann gibt es noch das etwas nettere „Achtung-ich-komme“-Hupen, das ist meist etwas sachter und kürzer. Doch um ganz sicher zu sein, dass die Botschaft bei uns angekommen ist, wird auf Ohrenhöhe doch nochmals kurz nachgedoppelt. Und dann gibt es offensichtlich noch die Begeisterungshuper, die, obwohl auf der gut ausgebauten Strasse weit und breit kein anders Auto, kein Schaf oder Yak zu sehen ist, lustvoll auf ihr Horn drücken.

So oder so, was auch immer des Hupens Motivation – es ist und bleibt laut und nervig. Während eines Tages staut sich manchmal eine derartige Aversion gegen diese akustische Gewalt auf, dass man sich in wilden Phantasien ausmalt, wie man in der nächsten Ortschaft zu einem beliebigen Auto oder Lastwagen hingeht und dem Fahrer durchs offene Fenster mit aller Kraft ins Ohr brüllt. Hah! Take this!!! Da wir zu solchen Racheaktionen den Mut nicht aufbringen, brüllen wir die vorbeifahrenden Huper manchmal einfach an, denn wenn wir mit unseren Veloklingeln zurückträllern, geht das im allgemeinen Lärmpegel dieses Landes einfach unter.

Die Weiterfahrt geht durch ein wunderbares Bergtal, entlang einem lauschigen Bächlein, umrahmt von Tannen, und wir fühlen uns kurz wie im schönen Bündnerland. Und obwohl wir uns Hunderte von Höhenmetern über Pässe kämpfen müssen, sind wir uns einig: Es ist uns tausendmal lieber, durch steile Alptäler zu fahren, als durch komplett flache, baumlose, dürre, braune Wüste. Einmal ein Bergler, immer ein Bergler!

Irgendwann neigt sich die Sonne dem Horizont zu und wir sind erneut auf der Suche nach einem Stellplatz für unser Zelt. Erstens soll der Ort bezüglich Regen-Schnee-Steinschlag-Erdrutsch nicht allzu exponiert sein, andererseits soll er so versteckt sein wie möglich, wollen wir nicht binnen Sekunden zwei Hirten und zehn Chinesen mit offenen Mündern und fetten Zoomobjektiven vor unserem Zelt stehen haben. Oben auf einer Zwischenhöhe vor dem eigentlichen Pass denken wir, genau so einen Platz gefunden zu haben. In den letzten wärmenden Sonnenstrahlen stellen wir freudig unser Zelt auf, da fällt mein Blick auf die unmittelbare Umgebung: Wir stehen quasi mitten auf dem Pass, neben uns direkt ein Strommast. Zwischen uns beiden entspannt sich daraufhin eine interessante wissenschaftliche Diskussion.

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Sie: „Du, es heisst doch immer, man soll bei einem Gewitter nicht direkt unter einen Baum stehen!“ Er: „Und?“ Sie: „Ist das, weil der Baum beim Blitzschlag umfallen könnte, oder ist es wegen dem Strom, der dann durch einen fliesst?“ Er: „Strommasten sind keine Bäume, die sind isoliert.“ Sie, unbeirrt: „Aber wenn der Blitz in den Strommast einschlägt, gibt es einen Lichtbogen und dann ist man auch tot.“ Christian gibt sodann irgend eine wirre Theorie von sich, dass, wenn man bei einem Gewitter unter einen Baum liegt, man bitte quer dazu liegen soll, damit der Strom quer statt längs durch den Körper… Ich sage nur: Wenn zwei Banausen streiten! Das Resultat der hochstehenden Diskussion: Wir verschieben unser Zelt um ein paar Meter und binden als Opfer an die Götter dafür unsere Velos an den Strommast.

Alle Diskussionen waren grundlos. Die Nacht wird sternenklar: Kein Gewitter, kein Regen und kein Lüftchen regt sich über unserem Zelt. Doch als wir am Morgen den Zelteingang öffnen, werden wir von einem gleissenden Blitz getroffen. Nanu, was ist denn das? Da stehen zehn Chinesen mit ihren Zoomobjektiven und starren uns an.

Goldenes Osttibet

Xiahe mit dem berühmten Labrang-Kloster ist der nächste Fixpunkt unserer Reise von Nord nach Süd, quer durchs Osttibet. Allerdings sind wir leider nicht die einzigen: In der ersten Oktoberwoche ist ganz China ferienhalber unterwegs, und so tönt es nach einem anstrengenden Tag mit vielen Höhenmetern in den Gästehäusern überall: Sorry, kein Zimmer mehr frei! Wir sind ziemlich ratlos – was jetzt? Wir versuchen unser Glück in der schönsten Jugi im Ort, die vor lauter jungen Chinesen aus allen Nähten platzt. Offenbar sehen wir abgekämpft genug aus, sodass man uns anbietet, unser Zelt auf dem Parkett mitten im Flur vor dem Gemeinschaftsklo aufzustellen. Zwar zieht ein dezenter Toilettenduft anmächelig durch die Nase und wir müssen uns neben zwei andere Zelte in eine Ecke quetschen, doch lassen wir uns trotzdem nicht zweimal bitten und schlagen erstmals unser Zelt indoor auf. Dabei hatten wir uns in den letzten Tagen so auf eine anständige Matraze gefreut: Manchmal kann man nicht gewinnen!

Tags darauf strahlt erneut die Sonne vom Himmel und wir machen uns auf, die weitläufige Klosteranlage von Xiahe zu besichtigen. Nur schon entlang der Klostermauern kann man stundenlang wandeln und mit viel Schwung die Hunderten Gebetsmühlen rotieren lassen. Beeindruckend farbig oder golden erstrahlen die Tempel, überall gehen Mönche eifrig ihren Mönchs-Verrichtungen nach. Wegen den chinesischen Feiertagen wirkt die Anlage allerdings komplett überlaufen. Wir fragen uns, ob die städtischen Chinesen wohl ihre Spiritualität gerade wiederentdecken? Es werden Busladung um Busladung chinesische Touristen ausgespuckt, die sich sofort aufs ausgedehnte Räucherstäbchen- und sonstige Memorabilia-Sortiment stürzen.

Auch der Tag unserer Weiterfahrt beschert uns einen wolkenlosen Himmel – zumindest zunächst. Wir brechen erst am Mittag auf: Ausschlafen, gemütliches Frühstück und Postkartenkauf müssen sein! Und so holt uns der Wetterumschwung noch im gleichen Tal ein: Eine tiefschwarze Gewitterfront braut sich hinter uns zusammen und rückt unerbittlich näher. Wie die Irren treten wir in die Pedale mit der naiven Illusion, dem bedrohlichen Donnergrollen mit ein bisschen Muskelkraft entgehen zu können. Doch wenig später fallen die ersten Tropfen und beim Aufstieg auf den ersten Pass wird das Nass sogar kurz zum Schnee. Brrr! Wir haben aber Glück, der Spuk ist rasch vorbei – erstaunlich, wie schnell hier das Wetter ändern kann. Wenig unterhalb des zweiten Passes schlagen wir kurz vor Sonnenuntergang unser Zelt auf – campieren auf 3500m Höhe ist inzwischen ja kein sonderliches Ereignis mehr. Belohnt werden wir dank der Höhe jedoch einmal mehr mit einem eisig kalten, aber atemberaubenden Sternenhimmel.

Nachdem in der ersten Woche Osttibet viele Höhenmeter, aber eher kurze Strecken zu bewältigen waren, kombinieren wir jetzt beides. In 6 Stunden spulen wir 111km und fast 1000hm ab – wenigstens macht uns die Höhe nicht mehr allzu viel aus. Durchfroren erreichen wir beim Eindunkeln unser nächstes Ziel Langmusi und fahren einmal mehr durch eine völlig unpassende Neustadt, die derzeit von den Chinesen aus dem Boden gestampft wird. Der Stadteingang besteht aus einer einzigen Baustelle, denn hier soll schon nächstes Jahr die Einwohnerzahl verdoppelt werden. Was für eine hinterlistige und berechnende Strategie des übermächtigen Han-Chinas: Die Tibeter werden somit quasi über Nacht zur Minorität in ihrem eigenen Land.

Beim Herumfragen nach einer Unterkunft laufen wir per Zufall wieder unseren australischen Radler-Freunden über den Weg, die derzeit per Bus unterwegs sind. Diese Welt ist einfach klein! Wir finden ein Guesthouse im tibetischen Stil – was authentisches Wohnen mit hübschen holzgeschnitzten Zimmern bedeutet, uns aber auch ein authentisch tibetisches Schlaferlebnis ermöglicht. Das heisst: Zimmertemperatur=Aussentemperatur. Selten haben wir in den eigenen vier Wänden so gefroren! Zum Glück haben wir warme Schlafsäcke dabei...

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Die chinesischen Feiertage sind nun vorbei und es wird spürbar ruhiger in den Klosterdörfern. Wir geniessen die klare Luft und die Sonne, wandern in den umliegenden, sehr an die Heimat erinnernden Bergen herum – nicht umsonst nennt man die Gegend "Oriental Swiss". Auf den grünen Matten knien Tibeterinnen und schneiden Stück um Stück vom Gras heraus, um darunter an begehrte Wurzeln zu kommen, die wohl als traditionelle Medizin verwendet werden. Da Langmusi mitten auf der Grenze zwischen zwei Provinzen liegt, hat jeder Dorfteil sein eigenes Kloster. Wir müssen schmunzeln: Ein tibetanischer Kantönligeist! Im Gegensatz zu ihren südostasiatischen Kollegen sind die Tempel hier von robuster Natur mit meterdicken Mauern, Schindeldächern und vielen Holzbalken. Nachdem wir wieder einmal an einem Tempelmodell im Chaletstil vorbeilaufen, starrt Yvonne nachdenklich in die Luft und meint: Hey, das hier ist "Holzhüttenbuddhismus"! Die alten Tibeterinnen kümmern solche Äusserlichkeiten herzlich wenig, wie eh und je umrunden sie die Anlagen, ein Lächeln auf den zerfurchten Gesichtern und ihre Gebetsmühlen schwenkend.

Wer die Mönche ihr Morgengebet singen hören will, muss früh aus den Federn. Dachten wir und stehen mit klammen Fingern bei Sonnenaufgang am Tor des Langmu-Klosters. Zumindest der für die Kasse zuständige Mönch ist schon wach, er knöpft uns je 30 Yuan ab – hmpf, nächstes Mal verkleiden wir uns als Pilger! Diese Anlage ist mit 600‘000m2 eine der grössten in Tibet. Singende Mönche treffen wir allerdings keine, nur ein schwaches Murmeln dringt aus den Schlafhäusern, während die Tempel noch geschlossen sind. Umso schöner ist der Ausblick: Unten im Tal liegt das Dorf zart verhüllt in Nebelschwaden, während sich die umliegenden Berge bereits im Morgenlicht wärmen. Wir beschliessen, mangels mönchischen Lebens halt noch ganz auf den Hügel zu steigen – und gelangen so unverhofft zu einer Zeremonie, die uns tief beeindruckt: Ein Sky Burial.

Die Himmelsbestattung ist bis heute in Tibet am meisten verbreitet. Am Tag der Bestattung wird der Leichnam noch vor Sonnenaufgang zum Bestattungsplatz gebracht. Dort wird der Körper von den Leichenbestattern zerteilt und den – zuvor angelockten – Geiern zum Fressen überlassen. Diese für den Buddhismus sonst unübliche Art der Bestattung ist auf den Mangel von Brennholz sowie den im Winter gefrorenen Boden in der Region zurückzuführen. So wurde die Himmelsbestattung in den regionalen Buddhismus eingebracht. In Tibet wird diese Form heute noch regelmässig durchgeführt neben Feuer- und Erdbestattungen. Quelle: Wikipedia

Fasziniert, aber auch etwas scheu nähern wir uns dem Bestattungsplatz. Zwar sind neben einer riesigen Horde von Geiern auch andere Touristen da, dennoch ist es ein seltsames Gefühl, in einem so intimen Moment zu stören. Im Hintergrund murmelt ein Mönch Gebete, während die Habseligkeiten des Verstorbenen verbrennen. Allzu makaber wird das Schauspiel zum Glück nicht: Bei unserer Ankunft am Bestattungsplatz haben die riesigen Vögel ihr Werk grösstenteils schon vollbracht. Es geht trotzdem zur Sache, und zwar nicht unzimperlich. Die Bestatter zerteilen mit Beil und Hacke das übriggebliebene Skelett, währenddessen die Vögel brav warten – sie wissen genau, wann sie an der Reihe sind. Übrig bleibt von der sterblichen Hülle zuletzt nichts... ausser eine Horde satter Geier.

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Hol's der Geier!

Nach zwei sonnigen, wenn auch kalten Tagen in Langmusi schwingen wir uns wieder auf die Sättel und treffen gleich als erstes eine denkbar schlechte Entscheidung. Damit wir nicht ein Stück zurückfahren müssen sowie um vermeintliche Höhenmeter einzusparen, wollen wir einen kleinen Umweg über eine Nebenstrasse nehmen. Der kleine "Umweg" entpuppt sich bereits am Dorfausgang als Schotterstrasse, und bald schon beginnt ein steiler Anstieg zu einem Pass. Nach wie vor von unbeirrbarem Optimismus beseelt, glauben wir, dass hinter dem Pässchen die Rückkehr auf die Asphaltroute wartet, doch nichts da. Zwar erstreckt sich vor uns ein hübsches Tal, doch zu unserem Schrecken erspähen wir in der Ferne die steilen Kehren eines weiteren Passes. Man muss unser Fluchen bis nach Kashgar gehört haben! Der Fahrweg ist in einem erbärmlichen Zustand und so steil, dass wir die Räder meist schieben müssen. Fanden wir den einsamen Umweg vorerst noch ganz pittoresk, so treiben uns unsere Hochrechnungen die Tränen in die Augen: Wenn es so weitergeht, erreichen wir vor Eindunkeln gerade mal knapp die Asphaltstrasse.

Gegen Abend biegen wir tatsächlich ziemlich abgekämpft zurück auf die richtige Strasse ein, und unsere Augen werden feucht, als wir das Unfassbare erfassen: Wir stehen vor einem Tunnelportal, das uns ganz bequem und auf Asphalt von der anderen Seite über den Berg gebracht hätte. Das muss die Rache des Pamir Highways sein! Was wir uns dort bequem im Jeep erspart haben, haben wir uns mit dem 8000sten Kilometer heute zurückerschottert.

Zumindest das Wetterglück jedoch ist uns hold: Am nächsten Morgen werden wir von den ersten Sonnenstrahlen und dem bedrohlich nahen Getrampel einer Yak-Herde geweckt. Ein Augenschein bringt Klarheit: Die sanften Riesen rennen wie wild in der Gegend herum, wohl um sich nach der kalten Nacht aufzuwärmen. Nachts sinkt die Temperatur unter Null, tagsüber wird es dann aber jeweils sommerlich warm.

P1100129Nachdem das Hufengedonner verstummt ist, nähert sich knatternd ein Töffli. Hö, motorisierter Besuch mitten auf dem Feld? Wir hören Bremsen quietschen. Dann Stille. "Hellooooooo"? Wir lugen verblüfft aus dem Zelt: Vor unserem grünen Haus stehen drei neugierige Hirten. Die Tibeterin hoch zu Ross, während die beiden Männer unser Material interessiert begutachten. In Sachen Zelt kennen sie sich bestens aus und helfen uns beim Abbbau unseres kleinen Heims. Unsere leichten Karbonstangen finden dabei besondere Anerkennung…

Wir fahren durch die beeindruckenden Weiten des tibetischen Graslandes, stets über 3000 Metern Höhe und immer wieder mit Aufstiegen auf kleinere und grössere Pässe. Wir machen wieder mehr Distanz und weniger Höhe. Bis wir nach Songpan kommen – einem völlig touristischen, pseudoauthentisch renoviertem Bergstädchen, das tagtäglich von Hunderten von Tourbussen überflutet wird. Der Ort begeistert uns wenig, zumal seit Tagen kein Strom vorhanden ist und auch bald ein Wetterumschwung bevorsteht. Wir wollen deshalb möglichst rasch hinunter ins warme Flachland, bevor der erste Schnee fällt.

Ab Songpan geht es bis in die Millionenmetropole Chengdu fast nur noch runter, wenn auch mit einem so heftigen Gegenwind, dass es sich meist wie Bergauffahren anfühlt. In drei Tagesetappen verlieren wir auf 350 Kilometern 3300 Höhenmeter. Wir fahren durch kleine Weiler mit Holzhäusern, die glatt im Bündnerland stehen könnten – mal abgesehen von der roten Flagge mit den fünf gelben Sternchen. Immer enger wird das Tal, links und rechts erheben sich schroffe Felswände und auf jedem bebaubaren Flecken Erde wird Gemüse angepflanzt.

Die Menschen hier sind wirklich nicht zu beneiden, sie sind den Naturgewalten schonungslos ausgesetzt. Hier war das Epizentrum des gewaltigen Erdbebens im Mai 2008 – mit einer Stärke von 8,0 auf der Richterskala waren die Erschütterungen noch im 1700km entfernten Shanghai zu spüren. Fast 70‘000 Menschen verloren ihr Leben, 5,8 Millionen Einwohner wurden obdachlos und noch heute sieht man Trümmer der damals zerstörten Strassen im Tal.  Damit nicht genug: Heftige Regenfälle vor wenigen Wochen liessen den Min-Fluss so heftig anschwellen, dass viele der Brücken im Tal erneut weggespült wurden. Felsstürze und Schlammlawinen begruben Strassen und Häuser unter sich. Auch wir kriegen die Folgen zu spüren: Immer wieder müssen wir unsere Räder über provisorisch in die Schuttkegel gebaggerten Fahrwege schieben.

Seit dem Bau des Expressways ist die von uns benutzte alte Strasse nur noch schwach frequentiert, entsprechend gibt es auch so gut wie keine Infrastruktur für Reisende mehr. Wir stellen unser Zelt an wenig attraktiven Ecken auf in der Hoffnung, dass uns kein Steinschlag und keine Flut ereilt – viel Platz fürs Campen hat es im engen Tal nicht. Irgendwann geht gar nichts mehr: Wir stehen vor dem Nichts, die Brücke ist weg. Was nun? Mit Mühe schaffen wir es, unsere Velos und die ganzen Taschen auf einem Trampelpfad über eine steile Böschung auf die nahe Autobahn zu hieven. Der viele Verkehr zwingt uns aber bald wieder, auf die Nebenstrasse auszuweichen. Pest oder Cholera – wir wissen nie, ob unser Weg abrupt endet und wir wieder zurückfahren müssen. Weiter unten im Tal wird tags darauf die Situation richtig prekär. Schon kurz nach dem Start gibt es kein Fortkommen mehr: Wir wechseln wieder auf die Schnellstrasse, die wegen den Sturmschäden nur noch zwei- statt vierspurig geführt wird. Wir weichen auf die gesperrten Spuren aus, fahren einsam durch gesperrte Tunnels, bis wir einmal mehr am Abgrund stehen: Auch die Autobahnbrücke ist nicht mehr!

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Eine der vielen zerstörten Brücken im Min-Tal

Der Rest ist schnell erzählt: Die Vorstädte Chengdus haben Ausmasse, die wir uns als Schweizer gar nicht vorstellen können. Knapp 50 Kilometer vor dem Zentrum sind wir bereits mitten drin in den Aussenbezirken der Stadt, in die man die Schweiz beinahe zweimal reinpacken könnte. Es ist später Nachmittag und wir beschliessen, sicherheitshalber ein Zimmer zu buchen. Und dann bleibt nicht mehr viel Zeit, in knapp zwei Stunden ist es dunkel und wir wollen vorher ans Ziel kommen. Ab in die Pedale, wir heizen durch die Strassenschluchten und stehen in der Dämmerung vor einem 30-stöckigen Hochhaus. Hier soll unser Zimmer sein, aber da ist nichts und niemand, der etwas von uns oder vom Apartement weiss. Ein Anruf bringt uns auch nicht weiter, die Dame versteht kein Wort Englisch und unser Chinesisch ist unzureichend für eine Klärung der Situation. So packe ich eine Gruppe chinesischer Touristen, die aus dem Aufzug steigt. Die Lösung des Rätsels: Die Rezeption befindet sich in einem engen Kämmerlein im 26. Stock des Gebäudes, da hätten wir lange suchen können! Für die nächsten fünf Tage sind wir nun stolze Besitzer einer herrlichen Loge mit Aussicht über die glitzernde Stadt. Das haben wir uns wirklich verdient!

Wer nicht bremst, verliert…

Chengdu werden wir in allerbester Erinnerung behalten. Zugegeben, der Grund für unsere Begeisterung könnten nicht zuletzt auch einige karge Zelt-Dîners und Outdoornächte inklusive Mütze im Schlafsack im Vorfeld unserer Ankunft in der Stadt gewesen sein. Auf jeden Fall ist Chengdu eine quirlige 14-Millionen-Metropole mit allerlei kulinarischen Höhepunkten. Wir knabbern hier an hausgemachtem Tofu, frittierten Maiskörnern, einer chinesischen Variante des Kartoffelstocks oder in Sojasauce gebratenen Auberginen…

Und das alles ist vor allem eins: Sau-mäs-sig scharf! Willkommen in der Provinz Sichuan! Der berüchtigte Sichuan-Pfeffer hat es in sich. Falls der fiese Chinese diesen heimlich in das bestellte Mahl reingemixt hat, macht sich das Gewürz erst durch ein leichtes Prickeln auf der Zungenspitze bemerkbar, das nach und nach in ein veritables Kribbelkonzert ausartet – als würde ein ganzes Heer Ameisen direkt über die Zunge marschieren. Nicht unangenehm, doch mit der Zeit entwickelt sich aus dem Prickeln eine seltsame Taubheit, und wer schon mal eine eingeschlafene Zunge hatte, weiss, wovon wir sprechen. Ich überlege kurz, ob sich der narkotisierende Pfeffer vielleicht zur humaneren Betäubung beim Zahnarzt verwenden liesse, lasse die innovative Geschäftsidee aber sausen, als ich Christians Kichern höre. Wobei ich nach wie vor der Meinung bin, dass ein Teller Sichuan-Nudeln im Wartezimmer alleweil verlockender wäre, als wenn Herr Doktor fünf Mal die Spritze ins Zahnfleisch rammt.

Das Wetter will bei unserer Ankunft im Sichuan-Becken nicht so recht mitspielen. Es ist neblig und bleibt auch so, als wir uns nach vier Tagen City Life erholt in Richtung Südosten auf den Sattel schwingen. Angepeiltes Ziel: Die bekannten Karstberge von Guilin. Doch es soll anders kommen. Nach 50 Kilometern Fahrt durch a) Stadtgebiet und dann b) endlose Reisfelder und dies c) in dichtem Nebel, ereilt mich eine kleine, aber feine China-Depression. Ich kann nicht verhindern, dass es im meinem Kopf anfängt zu rechnen. Nun also noch geschätzte 1200 Kilometer lang Reisterrassen anstarren und durch so dicht besiedeltes Gebiet fahren, in dem jeder noch so kleinste Flecken Erde, sogar der 50cm breite Streifen neben der Strasse, von Reis oder Gemüse bepflanzt ist? Dazwischen unzählige austauschbare chinesische Städte mit austauschbaren chinesischen Bürgern? Ich ziehe die Notbremse und verlange nach einer sofortigen Krisensitzung. Lustigerweise sind Christian ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen, und so beschliessen wir Kraft unserer kleinen demokratischen Versammlung, bei nächster Gelegenheit scharf gegen Süden abzudrehen, und in Richtung Berge zurückzufahren. Lieber sich tagelang einen Berg hinaufquälen, als ob dem ewigen Auf und Ab der rollenden Hügel Sichuans ins Wachkoma zu fallen. Kunming, wir kommen!

Mit einem festen Plan im Kopf sind Nebel und ewige Reisfelder gleich viel besser zu ertragen, und so arbeiten wir uns Stück für Stück in Richtung Süden, obwohl unser Fortschritt bei den riesigen Dimensionen Chinas auf der Karte nur im Zentimeterbereich sichtbar ist. Das Land ist einfach unfassbar gross!

Unsere nächstgrössere Destination heisst Zigong. Erst bei der Einfahrt bemerken wir, dass diese Stadt sogar in unserem Reiseführer erwähnt ist. Oha, treffen wir da vielleicht seit Tagen endlich wieder mal auf ein weisses Gesicht? Und ob! Per Zufall kreuzen wir hier unsere australischen Radlerfreunde, die auf dem Weg nach Chongqing sind. Dank ihrem hervorragenden Chinesisch kommen wir in den Genuss neuer Gaumenfreuden: Endlich können wir uns an einen echten Sichuan-Hotpot wagen, verschiedene Teesorten probieren oder uns auf einem der unzähligen Outdoorgrills ein paar Pilz-, Ei-, Gemüse- oder Tofu-Spiesschen braten lassen. Wer je nach China reist, dem raten wir von einem kulinarischen Erlebnis allerdings dringend ab: Finger weg vom „Stinky Tofu“! Das Zeug schmeckt wie direkt aus der Kloschüssel gepflückt und wir können uns nicht vorstellen, wie man so etwas freiwillig essen kann. Wobei vermutlich unser zum Himmel stinkender Schimmelkäse à la Gorgonzola seinerseits beim Chinesen einen akuten Würgreflex auslöst. Andere Länder, andere Sitten!

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Fondue à la Chinoise…

Apropos Sitten: Was uns einen Würgreflex beschert, ist die ständige Spuckerei der Chinesen. Und zwar kein dezentes „Sorry-ich-habe-eine-unheilbare-Halskrankeit-und-muss-mal-kurz-Speichel-loswerden-Spucken“, sondern ein animalisches, tief unten im Rachen hervorgeholtes gruusiges Chodern, das mit einem lauten „chchchchchchchch“ beginnt und dann „pfffffft“ als hässlicher zähflüssiger Fleck direkt vor unseren Füssen landet. Wenn wir dann jeweils in ein sarkastisches „Schöööööön“ ausbrechen und den fehlbaren Chinesen mit strafendem Blick anschauen, blinzelt er nur verwirrt zurück. He ja, er kann halt kein Schweizerdeutsch.

Ebenfalls eine schöne Angewohnheit finden wir, dass die Männer hier oft und gerne das T-Shirt nach oben krempeln, um ihrem Bauch etwas frische Luft zu gönnen. Und zwar nicht die Modelle „Sixpack“ oder „Muskulös“, sondern meist jene, die schon ein ansehnliches Ränzlein entwickelt haben. Ob dies derselbe Instinkt ist, der schwangere Frauen ständig über ihrem runden Bauch streichen lässt, wissen wir nicht, aber der Anblick dieser Fleischberge gehört definitiv nicht zu den touristischen Sehenswürdigkeiten.

Sowieso, der männliche Chinese hat leider noch nie etwas von Anstand gehört. Oder nur von der chinesischen Variante. Es wird während dem Essen geraucht und telefoniert. Der Chinese spuckt, schmatzt, schlürft. Und wenn er betrunken ist, grölt er auch noch laut – und das alles oft mit einem unattraktiv rasierten, viereckigen Schädel. Manch grazile, hübsche Chinesin sehen wir von solch einem ungehobelten Hängebauch-Modell begleitet und fragen uns, wie es wohl zu dieser Liaison gekommen ist? Wie wir lesen, sei der perfekte chinesische Mann ein gaofushuai: gao=gross, fu=reich, shuai=gut aussehend. Des Rätsels Lösung liegt wohl im ‚fu‘!

Eines schönen Morgens fahren wir gut gelaunt los, aus einer namenlosen Stadt im namenlosen chinesischen Hinterland. Wir sind gerade mal zehn Kilometer gefahren, da surrt es plötzlich komisch hinter mir und ich spüre, wie etwas an meiner Hintertasche raspelt. Nanu?!? Kaum gedacht, ertönt ein spitzer Schrei und ich sehe, wie Christian ohne Umweg kopfvoran in die Böschung donnert. Schockiert springe ich ab und sammle den durchgeschüttelten Christian plus den gesamten Inhalt seiner Lenkertasche aus dem Gras ein. Ein Glück, es ist ihm nichts passiert! Das Velo aber sieht furchtbar aus: Der Lenker ist um 180 Grad verdreht und steckt rückwärts im Gras. Wir ziehen das Unglücksgefährt aus dem Boden und glauben schon, wir seien mit dem Schrecken davongekommen, da bemerken wir das Malheur. Physikalisch eigentlich unmöglich, aber dennoch ist es passiert: Einer der Bremshebel ist im Boden stecken geblieben und abgebrochen – zu allem Unglück die Hinterbremse!

Die Stimmung sinkt augenblicklich Richtung Nullpunkt. Da sitzen wir im chinesischen Nirgendwo mit Tonnen von Ersatzmaterial in unseren Saccochen – aber einen Ersatzbremshebel, mit Verlaub, einen solchen haben wir nun wirklich nicht im Sortiment. Was jetzt?? Den Bus nehmen? Zurück nach Chengdu zum Veloladen? Oder gleich den ganzen Bettel hinschmeissen? Trotz einiger Bedenken beschliessen wir, den Schaden zu ignorieren und weiterzufahren – sehr vorsichtig und bergab langsam wie eine Schildkröte, will Christian nicht nochmals ungespitzt in den Boden fahren. Doch unsere Laune bleibt gedrückt. Da wir eine hydraulische Bremse haben, können wir nicht einfach eine neue besorgen, sondern müssen uns diese von Zuhause schicken lassen. Das heisst, auf den nächsten 1000 Kilometer haben wir einen markant verlängerten Bremsweg – neu heisst es also: Aus dem Weg, ihr Chinesen!

Damit es uns nicht doch noch langweilig wird, wartet China mit ein paar weiteren kleinen Überraschungen auf. Haben wir uns vor einigen Jahren bei einer Velofahrt durch Laos geschworen, nie mehr ohne Not in der Nacht zu fahren, holt uns die Not schon ziemlich bald ein. Die Gegend ist hügelig und dünn besiedelt. Die Dörfer, die wir durchqueren, sind trist und grau. Keine einladenden Orte, um zu übernachten, falls man denn überhaupt eine Unterkunft findet. Die Dämmerung bricht über uns herein und wir stehen vor der berühmten Frage von The Clash: „Should we stay or should we go?“ 🙂 Wir montieren resigniert unsere Stirnlampen und nehmen die restlichen steilen 15 Kilometer bis in den nächstgrösseren Ort in Angriff. Wäre das nicht schon genug „trouble“, landen wir kurz vor dem Ziel plötzlich in einem stockfinsteren, unbeleuchteten Tunnel. Der Asphalt ist inexistent und der Boden eine einzige Schlamm- und Buckelpiste. Neben uns donnern hupend die Lastwagen vorbei und wir können trotz Stirnlampe nur vage erkennen, wo wir uns durch den Dreck pflügen. Plötzlich sehe ich eine rettende, glatte Fläche: „Endlich Teer!“ juble ich und steure darauf zu wie die Ertrinkende auf die Planke. Fehlanzeige: Die spiegelglatte Fläche mit vermeintlichem Teer entpuppt sich als mit Matsch gefülltes Loch und schon stehe ich mit den Füssen bis zum Knöchel im Schlamm. Freude herrscht!

In der angepeilten Kleinstadt angekommen, von Kopf bis Fuss mit Dreck bepflatscht, werden wir einmal mehr Zeugen der grossen chinesischen Fahrkunst. Auf der schmalen Zufahrtsbrücke ist ein Laster auf dem Schlamm ins Rutschen geraten und nichts geht mehr. Mangels Geduld drängelt alles, was Räder hat, gleichzeitig auf das Nadelöhr zu. Die enge Durchgangsstrasse ist kurz darauf so blockiert, dass selbst mit einem Velo kein Durchkommen mehr ist. Ich lasse Christian mit den Fahrrädern zurück und gehe zu Fuss auf Hotelsuche. Obwohl es nicht geregnet hat, ist die gesamte Strasse von einer feinen Matsch-Schicht überzogen. Überall, wo man hinschaut, ist einfach nur Dreck. Dass man hier akut den Wunsch nach Gummistiefeln verspürt, kümmert die jungen Mädchen auf ihren 5cm-Stilettos kaum – sie stöckeln ungerührt durch den Dreck. Man muss ja schliesslich was hergeben. Wir hingegen finden es einfach nur pfui. Dass wir zum Duschen den Teekocher benutzen müssen, obwohl uns die Hotelière warmes Wasser versprochen hat und dass in der schönen Glasfensterfront ein Element fehlt und es deshalb kalt durchs Zimmer zieht, buchen wir aufs gleiche Konto ab.

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Ja, dieses Südchina fordert uns. Während sich der neue Expressway elegant auf Stelzen und mit vielen Tunnels sanft ansteigend durch das hügelige Gelände pflügt, quälen wir uns auf der alten Strasse in jedes schrumpelige Seitental. Bald setzt auch noch Regen ein und mit Stirnrunzeln nehmen wir die zunehmenden Passagen zur Kenntnis, bei denen der Teer auf Nimmerwiedersehen abgerutscht oder die Strasse von einem Erdrutsch versperrt ist. Déjà vu! Als wir bereits 100 Kilometer auf dem Tacho haben, steht plötzlich ein blaues Schild auf der Strasse. „Heisst sicher: Hier bitte nicht weiterfahren!“ scherze ich, und höre prompt hinter mir eine Frau rufen. Hier sei kein Durchkommen, bedeutet sie. Als wir mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Karte starren, um herauszufinden, wie viele Kilometer es zurück zur letzten Brücke sind, meint die Frau (blöde Kuh), wir könnten das Velo ja tragen. Es seien nur zwei Passagen. Tragen? Kein Problem für uns und wir fahren erleichtert weiter. Die Strasse präsentiert sich erst noch ordentlich. Nur ein bisschen abgebrochen, verschüttet, ganze Flüsse fliessen drüber, aber was kümmern uns solche Details. Unsere Velos hieven wir über einen ersten Schuttkegel eines Erdrutsches. Kinderspiel! Doch dann kommt das definitive Aus: Vor uns ist die Strasse nur noch ein grosser Sumpf und weiter hinten hört man fröhlich den Wasserfall plätschern. Verflucht! Ich wate 100 Meter durch den Schlamm, um herauszufinden, ob dahinter vielleicht wieder der schöne, alte Teer wartet und wir durch die drei Wasserfälle und die vier pittoresken Seen schwimmend auf die andere Seite gelangen könnten. Keine Chance.

Laut fluchend wenden wir und die ganze Szenerie flirrt im Rückwärtsgang an uns vorbei. Fünfzehn Kilometer später erreichen wir endlich eine Brücke. Natürlich gibt es hier keine Auffahrt auf den Expressway. Zwar schickt uns ein Chinese in einem Wärterhäuschen (blöder Ochse) erst einmal ein paar Kilometer in die falsche Richtung, doch als keine Auffahrt kommt, fahren wir zurück und hieven die Velos unter Protestrufen des Wärters durch ein Loch im Zaun auf eine geschlossene Autobahnraststätte und dann über die Leitplanke auf den schönen, komfortablen Pannenstreifen. Nun fahren wir also dieselben 15 Kilometer bereits zum dritten Mal! Obwohl es zu dieser Zeit schon fast dunkel ist, lassen wir es uns nicht nehmen, die verschüttete alte Strasse von der anderen Seite aus zu fotografieren. Zu unserem Schrecken sehen wir, dass weiter hinten noch mehr Erdrutsche und Wasserfälle gewartet hätten. Diese Strasse ist unrettbar verloren!

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Von der anderen Seite des Tals grüsst lustig unsere Erdrutsch-Wasserfall-Steinschlag-Piste

Erneut sind wir also im Schein der Stirnlampe unterwegs. Umso erfreuter sind wir, als es auch noch zu regnen anfängt. Als wir in einem Strassenrestaurant nach einem Zimmer fragen, schüttelt der Wirt nur bedauernd den Kopf. Das nächste Hotel sei 20 Kilometer entfernt und es sei dunkel und es regne. Danke für den Hinweis! Leider spät bemerke ich mit Blick auf die Karte, dass zwischen uns und der nächsten Stadt noch einige Haarnadelkurven eingezeichnet sind und das bedeutet ja gemeinhin nichts Gutes. Tatsächlich müssen wir uns im Stockdunkeln, mit nur einer brauchbaren Stirnlampe, bei ausgehender Batterie, im Regen, mit fast 130 Kilometern in den Beinen noch 300 Höhenmeter in die Stadt hinaufquälen.

In Zhaotong, einer chinesischen Stadt mit dem touristischen Wert einer Stecknadel, gönnen wir uns kurz darauf zwei radelfreie Tage. So lange dauert es ungefähr, bis wir die letzten Schlammpartikel aus den Ohren gegrübelt haben. Obwohl für Velos eigentlich verboten, fahren wir danach auf dem Expressway. Dieser ist super ausgebaut und spart uns dank riesigen Brücken und langen Tunnels viele harte Höhenmeter. Die Landschaft ist hübsch: Tief unten wälzt sich der (wie immer) braune Fluss durchs grüne Tal, die Hügel sind von endlosen Terrassen zerfurcht und die rote Erde leuchtet. Das Wetter hat von Regen und Nebel endlich wieder auf Sonne umgestellt und wir legen gar noch zwei Zeltnächte ein. 14 Tage sind seit unserer Abfahrt in Chengdu vergangen, bevor wir 45 Kilometer vor Kunming vom Expressway herunterfahren und ein letztes Hotel suchen. Im hübschen, günstigen Gästehaus mit Parkett und blitzeweissen Leintüchern kommt plötzlich Hektik auf, als man unsere Pässe sieht. Herrje, das sind ja Ausländer! Wir verdrehen die Augen: Nicht dass man uns das nicht angesehen hätte! Nun hat es plötzlich kein Zimmer mehr frei und wir werden ins gegenüberliegende Business-Hotel zum doppelten Preis geschickt. Resigniert beziehen wir ein Zimmer mit von Zigaretten verlöchertem Spannteppich, Zockertisch und zertrümmerten Stühlen. Dass wir auch hier wie immer ein Depot hinterlassen müssen für den Fall, dass wir das Mobiliar beschädigen sollten (dafür sind wir Schweizer ja bekannt), erstaunt uns mittlerweile nicht mehr. Obwohl wir beim besten Willen nicht wissen, was in diesem Hotelzimmer noch hätte demoliert werden können.

Da an der Autobahnauffahrt ein riesiges Velo-Verbotsschild prangt und wir am Abend zuvor in unangenehm dichtem Verkehr gefahren waren, entscheiden wir uns für die letzten Kilometer nach Kunming erneut für die alte Strasse. Grosser Fehler! Zwar holprig, aber erst noch in ganz anständigem Zustand, windet sich diese zuerst nach Osten und dann in einem grossen Bogen ins südliche Kunming. Plötzlich jedoch endet der Asphalt. Wir halten das Ganze erst für eine Baustelle, dann für ein bisschen Pech bis uns nach Kilometer um Kilometer ungeteerter Piste die Tränen in die Augen steigen. Wir dachten an eine gemütliche Halbtagesetappe und nun stehen wir wieder im Dreck und Schlamm…

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Willkommen auf der einzigen Nicht-Autobahn in die Millionenstadt Kunming!

Dass diese vermaledeite Hotterpiste neben der Autobahn die einzige Strasse in eine Millionenmetropole sein soll, wollen und können wir fast nicht glauben. Wir versuchen dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen und steuern den Flughafen an, um dort auf dessen Autobahnzubringer einzubiegen. Doch leider landen wir erst auf einer weiteren Baustelle und danach am Pistenrand. Die Strasse wurde beim Ausbau des Flughafens wohl einfach platt gemacht. Nur Google Maps weiss leider noch nichts davon. Wir sind jetzt am Rande eines kleineren Nervenzusammenbruchs: 70 Kilometer auf übelster Strasse, dazu ein stürmischer Gegenwind und als wir bei Einbruch der Nacht endlich an der Adresse unseres im Voraus gebuchten Hotels ankommen, ist es nicht da. Selbst als wir fünf Meter davor in einem Geschäft nach dem Hotelnamen fragen, schüttelt man nur den Kopf: Noch niiiiiie gehört! Manchmal möchte man einfach mal einen Chinesen schütteln!

Bern-Kunming in 12 Tagen

Kunming ist – jetzt machen wir für einmal einen kleinen Bildungsausflug – eine der drei Partnerstädte Zürichs. Einen roten Teppich bei unserer Ankunft haben wir deshalb nicht erwartet. Aber dass es ein kleineres Kunststück ist, mit einem Fahrrad in diese Stadt hinein- und wieder hinauszufahren, gibt einem schon zu denken. Anderen Radlern erging es nicht besser: Zwei britische Fernradler mussten vor einigen Wochen bei der Ausfahrt aus Kunming nach 75 Kilometern und Stunden der Herumirrens auf Baustellen und gesperrten Strassen klein beigeben und am Abend wieder in ihr Hostel zurückkehren.

Über 30 Jahre besteht diese Städtepartnerschaft; das den Zürchern wohl bekannteste Resultat davon ist der Chinagarten an der Seepromenade, „einer der ranghöchsten Gärten ausserhalb Chinas“. Werden wir in Kunming, dank des milden Klimas die „Stadt des ewigen Frühlings“ genannt, ebenfalls auf Spuren von Zürich stossen? Vielleicht auf eine Replik vom Sternen-Grill am Bellevue inklusive legendärer Bratwurst und einem Gold-Bürli? Oder gar auf einen Hafenkran, der hier genauso deplaziert wäre wie am Limmatquai? Nun, Zürichs Beiträge sind subtiler: Trink- und Abwasser, Stadt- und Regionalentwicklung waren in der Vergangenheit Themen. Aktuell soll Altstadtschutz ein prioritärer Zusammenarbeitsbereich sein. Da müssen wir schon schmunzeln: Hallo, wo gehts hier bitte zur Altstadt? Es ist in Kunming kaum ein Gebäude auszumachen, das mehr als ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Im Osten der Stadt entsteht ein neues Quartier für ein paar Hunderttausend Chinesen – wir sind meilenweit durch ein Meer von Baukränen gefahren. Sorry, liebe Zürcher: Hier gibts keine Altstadt mehr zu schützen. Wir haben nur noch einige Trümmerfelder gesehen, auf denen bald weitere Hochhäuser in den Himmel wachsen. Die von der Velostadt Zürich angeregten separaten Busspuren, Fussgängerzonen und Fahrradstreifen (auf denen notabene nur Elektroscooter rollen) haben wir allerdings mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen, sie sollen ja in der Volksrepublik China Modellcharakter haben. Aber dass kein einziger Chinese selbst auf diese bahnbrechenden Innovationen gekommen ist?

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Fussgängerzone in Kunming, aufgewertet mit Kunst am Bau –
das haben die Chinesen bestimmt den Zürchern zu verdanken!

Wie auch immer, wir geniessen die praktisch sehenswürdigkeitenfreie Grosstadt eine Woche lang. Sehen uns den ziemlich braunen „Green Lake“, ein paar Tempel und Pagoden sowie den Vergnügungspark am Dian-See an. Bald stossen auch Heidi und Markus dazu, denen wir seit Kashgar immer knapp vorausgefahren sind – da gibt es bei einem Bier viele Anekdoten über lustige und seltsame Begegnungen mit den Asiaten auszutauschen! Nicht zuletzt warten wir aber je länger, desto ungeduldiger auf ein Paket aus der Schweiz: Ich fahre ja seit knapp 1000 Kilometern ohne Hinterbremse, was bei aller Angewöhnung kein Spass und schlicht gefährlich ist – Südchina wird je länger, desto gebirgiger, und spätestens in Laos geht es ohne zuverlässige Bremse nicht mehr.

Unseren Velohändler des Vertrauens baten wir, den neuen Bremshebel per DHL-Expresspaket zuzustellen. Ebenso avisierten wir mitten in der chinesischen Pampa gleich ein Hostel in Kunming, dieses doch bitte für uns entgegenzunehmen, sollten wir selbst nicht vor dem Paket in der Stadt eintreffen. Am 25. Oktober in Bern aufgegeben, geht es so speditiv, wie man sich das vom Unternehmen DHL wünscht: Am 26.10. um 7:14 Uhr startet mein Bremshebel auf der Leipziger Piste 08R/26L mit Ziel Hongkong, das es gleichentags um 20:31 Uhr erreicht. Ein Tag später ist es bereits in „China, Southwest Area“, konkret in Chengdu. Töricht, wer nun denkt, es ginge im selben Expresstakt weiter! Eines schönen Tages in den Weiten Chinas stellen wir am Abend fest, dass wir von einer chinesischen Nummer angerufen wurden. Dies beunruhigt uns nicht weiter – wer in China eine SIM-Karte erwirbt, kriegt bereits 10 Minuten nach deren Aktivierung die ersten Werbe-MMS für Kühlschränke und Popcornmaschinen zu Sonderpreisen zugestellt. Wir schenken dem verpassten Anruf also keine Beachtung, bis wir aus Bern die Nachricht erhalten, DHL könne uns nicht erreichen. Wozu denn? Ich rufe also zurück und lasse mir von einer netten Dame erklären, dass ich als Empfänger eine Zolldeklaration durchzuführen hätte. Derweil liegt unser Paket in Chengdu und macht keinen Wank. Etwas verärgert bitte ich um die Zustellung der Unterlagen per E-Mail – immerhin liest man auf dhl.de ja unter anderem:

Wir sorgen dafür, dass Ihre Sendungen reibungslos den Zoll passieren. Durch unser einzigartiges Netzwerk von Zollniederlassungen kennen wir die Herausforderungen des grenzüberschreitenden Warenverkehrs wahrscheinlich besser als jeder Andere. Unser höchst effizienter Zollabfertigungs- und -Compliance-Service ist so gestaltet, dass er das komplexe Zollverfahren wesentlich vereinfachen hilft.

Warum wir ein korrekt deklariertes, harmloses Bremshebelchen nun nochmals erklären müssen, entzieht sich unserer Kenntnis. Kurz vor Kunming, es ist nun bereits November, liegt die Nachricht von DHL in meiner Mailbox: 6 Anhänge, mehrseitige Zollbestimmungen und ein Deklarationsformular – natürlich alles auf Chinesisch! Unter gütiger Mithilfe von Google Translate erschliesst sich mir nach und nach, was gefordert wird – ich soll handschriftlich bestätigen, dass ich der Empfänger der Sendung bin, eine Passkopie beilegen und weitere Angaben zum Inhalt machen. Abgesehen von Pass und Unterschrift nichts, was nicht schon in der Schweiz deklariert wurde. Soviel zu „reibungslos“ und „effizient“! Ich sende die Unterlagen eiligst zurück – leider ist Freitagabend und ja, bei DHL arbeitet am Wochenende niemand, auch nicht in China. Am Montag darauf schreibt meine liebe DHL-Frau Rachel eine Zeile:

Dear christian: We received your paperwork,we will declare to customs in 3days.

Langsam bin ich etwas ungehalten. Jetzt will die gute Rachel erst mal drei Tage warten, bis unser Paket möglicherweise aus den Klauen des chinesischen Zolls befreit werden soll? Da schreib ich doch gleich nochmals ein nettes Mail, dessen Inhalt wir hier lieber nicht publizieren. Die Antwort kommt überraschend schnell:

Dear christian
Got it ,we will deal with it in advance.
Could you pls provide us the detailed description,like the tyre or other spare parts of bicycle?
So appreciate for your information.

Langsam wundern wir uns, wie um alles in der Welt DHL in der Lage ist, grosse Mengen an Waren um den Globus zu befördern. Wir schicken DHL nun also ein weiteres Mail mit allen erdenklichen Details zu meinem schönen, schwarz-glänzigen Bremshebelchen: Modell HS-11, Hersteller Magura, gefüllt mit Hydrauliköl, Link zur Herstellerseite. What’s next? Soll ich auch noch Farbe, Grösse und Produzent meiner Unterhose bekanntgeben?

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DHL scheint mich genug gequält zu haben, ein Tag später schreibt Rachel eine letzte Zeile: Dear Christian:Your parcel had been released by customs. Endlich! Nach zwölf Tagen schliesse ich glücklich und mit einem seligen Lächeln das Paket mit dem gelb-roten DHL-Logo in die Arme. Und wir wissen nun auch, wofür DHL steht: „Das Hät Lang!“ Der Hebel ist in wenigen Minuten montiert – nun sind wir bereit für die Berge. Südchina, wir kommen! Wäre da nicht ein kleiner Denkfehler bei der Planung der weiteren Reise gewesen. Lange waren wir unschlüssig, ob wir über die nahe Grenze nach Vietnam weiterfahren sollten oder nach Laos, wo wir vor drei Jahren bereits per Rad unterwegs waren. Berichte anderer Reisenden über den rücksichtslosen Verkehr in Vietnam veranlassen uns, die erste Option fallenzulassen – lieber kurven wir ein zweites Mal durch die verträumten laotischen Berge, wo wir nach dem lauten China etwas Ruhe tanken können. Nur: Bis zur laotischen Grenze sind es fast nochmals 800 hügelige Kilometer, und unsere chinesischen Visa nähern sich langsam dem Verfalldatum.

Was nun? Erst mal holen wir uns beim thailändischen Konsulat innert Tagesfrist ein Touristenvisum für 60 Tage – so geht das, ihr Turkmenen, Usbeken, Chinesen! Darauf folgt ein kleiner Abstecher zum Büro der Ausländerpolizei. Hier kann man sein Visum maximal einmal um 30 Tage verlängern, allerdings ist die Servicebereitschaft der Beamten je nach Stadt oder Region recht unterschiedlich. Generell soll es in grösseren Metropolen massiv bürokratischer zugehen als in kleineren Städten. Ohne grosse Erwartungen stehen wir deshalb am Schalter, wo uns der Beamte das Prozedere erklärt. Fünf Tage soll es dauern, benötigt werden Fotos und ein paar Formulare. Das geht ja noch, denken wir und ziehen von dannen. Einen Tag später stehen wir erneut vor demselben Beamten, legen unsere Passbilder und Papiere vor, worauf er uns erklärt, es dauere mindestens acht, vielleicht auch zehn Arbeitstage, bis wir das neue Visum erhalten würden. Ach, wie wir diese chinesische Unzuverlässigkeit lieben!

Die Entscheidung ist schnell gefällt: Wir verzichten auf eine Zugabe in China und kürzen unseren Weg an die Grenze mit einer Busfahrt ab. Doch so einfach, wie das klingt, ist es natürlich nicht. Der Bushof von Kunming liegt ja praktischerweise 20 Kilometer südlich der Stadt. Das ist also so, wie wenn man von Luzern aus für eine Busfahrt zuerst nach Cham (!) fahren müsste. Oder von Bern nach Grosshöchstetten. Oder von Zürich nach Bülach. Kurz gesagt: Da hätten wir ja gleich alles mit dem Rad fahren können. Immerhin, ein bisschen Spass muss sein: Dank dem heissen Tipp unserer österreichischen Radlerfreunde nehmen wir nach dem 34-sten Beinahe-Unfall unsere Notpfeife aus der Lenkertasche und pfeifen den Chinesen mal ordentlich eines um die Ohren. Zu unserem Gaudi scheint Lärm zu helfen. Wenn ich in die offenen Fenster der rücksichtslosen Kleinlaster pfeife, stehen die Fahrer ganz entsetzt auf die Bremse.

Von Kunming bis Pu’er liegen unsere Velos im Bauch eines Busses, während wir die endlosen Reihen von Gewächshäusern an uns vorbeiziehen lassen. Die Fahrt dauert länger als erwartet und es dunkelt bereits, als wir in der Nähe des Bushofes in ein heruntergekommenes Quartierhotel einchecken. Da kommt der Schnaps gerade richtig, der uns in der Kneipe auf der gegenüberliegenden Strassenseite vor dem Znacht offeriert wird. Prost!

Beim frühen Frühstück legen wir uns nächstentags eine Strategie zur Kaperung des Expressways zurecht, denn Fahrräder sind auf der Autobahn weiterhin verboten. Wir warten auf einen Bus, der auf den Tollgate zurollt, schleichen uns rechts heran und fahren neben ihm ungesehen an der Schranke vorbei. Gesagt, getan – schon rollen wir auf dem feinen Asphalt dahin und geniessen erst einmal eine lange Abfahrt. Nach gut 20 Kilometern ist aber fertig lustig – hinter uns macht es „mööööp“. Oje, das lustige Quieken einer Streifenwagen-Hupe. Alles Nichtverstehen, Gestikulieren und Argumentieren nützt nichts: Die beiden Polizisten haben alle Zeit der Welt, um uns die Strecke bis zur nächsten Ausfahrt zu begleiten. Dort warten sie auch brav, bis wir  die verbotene Zone verlassen haben. Der Wärter am Tollgate schreit uns noch etwas nach – will er gar Geld für unsere Strolchenfahrt? Verstimmt machen wir uns einmal mehr auf den Weg auf die „alte“ G213, der wir schon seit über einem Monat vom Osttibet quer durch China folgen. Adieu ihr bequemen Brücken und Tunnels, es wird gleich wieder anstrengend mit viel Auf und Ab. 150 Kilometer und 1300 Höhenmeter werden es an diesem Tag…

Belohnt werden wir mit Einblicken ins ländliche Südchina. Wir sind nun definitiv in den Tropen angelangt, das Klima ist feucht-schwül und die Szenerie wechselt zu tropisch: Tee-, Bananen-, Kautschuk- und Kaffeeplantagen wechseln sich ab mit Abschnitten unberührten Regenwalds. Sogar wilde Elefanten soll es hier geben und wir werden auf Warntafeln aufgefordert, diese doch bitte nicht mit unnötiger Huperei zu erschrecken.

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Xishuangbanna ganz im Süden Yunnans steht bereits voll im Zeichen Südostasiens. Wie im Osttibet und in Xinjiang handelt es sich um eine autonome Region, die vorwiegend von Dai bevölkert wird, einer ethnischen Minderheit am Rande Chinas. Entsprechend geht es auch wieder freundlicher zu und her. Plötzlich heepen uns die Leute wieder ein herzliches „Hello“ zu, winken enthusiastisch und beglücken uns mit einem Lächeln. Uiguren, Tibeter, Dai: Die Minderheiten in China bleiben uns in bester Erinnerung. Wir haben eine einfache Daumenregel aufgestellt: Je mehr Han-Chinesen, desto unfreundlicher wird es. Sorry, liebe Chinesen!

In Jinghong lassen wir unseren bald zweimonatigen Aufenthalt im Reich der Mitte gemütlich ausklingen, besuchen den sehenswerten Botanischen Garten und fühlen uns dank entsprechender Architektur schon ganz wie in Thailand. Die Stadt ist ein Thailand-Disney für Chinesen, die das tropische Feeling ohne mühsame Reise ins Ausland erfahren möchten. Sogar T-Shirts mit der Aufschrift „Thailand“ gibts zu kaufen für jene, die zu Hause gerne etwas herumprahlen. Wieso auch in die Ferne schweifen? Wir hingegen freuen uns bereits aufs In-die-Ferne-Schweifen, denn für uns heisst es jetzt 再见中国: Tschüss China!