Auf Türkiens Strassen oder Das Psychogramm des türkischen Hupers

Göreme, Kappadokien! Vier wunderbare Tage verweilen wir in diesem atemberaubenden Naturtheater, tauschen die Velotaschen gegen den Rucksack ein und legen für einmal einige Kilometer zu Fuss statt per Rad zurück. Hier gilt mehr denn je: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Unsere Eindrücke sind deshalb in eine Bildstrecke eingeflossen. Der Wechsel zurück in den Veloalltag bedeutet vor allem: Fertig mit ausschlafen, Wecker in aller Früh, ein letztes ausgiebiges Frühstück und schon hat uns die Strasse wieder. Auf in den wilden Nordosten der Türkei! Der nächste Zwischenstopp soll Kayseri sein, eine Stadt mit einer Million Einwohnern und dem grössten Industriegebiet des Landes. Wie gewohnt geht es hügelig, aber zügig auf und ab. Plötzlich werden wir jäh aus unserem Rhythmus gerissen: Am Berg steht eine erbärmliche alte Klapperkiste, eine Familie versucht einigermassen erfolglos, diese an die Kuppe hochzuschieben. Unsere Gelegenheit, sich für all die türkische Gastfreundschaft zu revanchieren:

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Das Hochschieben des Wagens stellt sich als anstrengender als gedacht heraus, da Mama mit dem Kleinkind auf dem Arm nicht viel beitragen kann und Papa und der älteste Sohnemann sich nicht gerade als Sportskanonen herausstellen. Oben angekommen, springt der Göppel gleichwohl nicht an und es gibt lautstarken Zwist bei Türks – da kann ich leider nicht mehr helfen, wir haben ja nur Zweiradwerkzeug! Obwohl wir wenig später im Rückspiegel sehen, dass ein Lastwagenfahrer den Autotürks zu Hilfe eilt, steigt die Karre auch später mehrmals aus. Wir fahren immer mal wieder an der erneut gestrandeten Familie vorbei. Im Gegenzug hupt sie uns freundlich zu, wenn ihr Otomobil für ein paar Kilometer weiterfahren mag.

Am Tagesziel Kayseri gönnen wir uns an schönster Lage erst mal einen Kaffee, am Nachbartisch – wie könnte es anders sein – ein älteres Türkenpaar aus Deutschland auf Heimaturlaub. Mit Blick auf unsere Räder fragt er, ob diese Mercedes unsere seien? Wir grinsen überrascht: Nein, es sind natürlich BMW! Die Folgen dieses Wortwechsels: Das nette Paar bestellt uns einen Tee und es entspannt sich eine rege Diskussion. Als es politisch wird, wechseln wir schnell das Thema. Hier gilt wohl eine andere Sichtweise auf die kürzlichen Proteste: Das seien doch nur ein paar bezahlte Alkoholiker, die da demonstrieren würden…

Dank unserer frühen Ankunft bietet sich in der Grosstadt endlich die Gelegenheit, einen Fotospezialisten aufzusuchen. Unsere an sich hervorragende Systemkamera hat nämlich einen Nachteil: Der Bildsensor zieht beim Objektivwechsel magisch Staub an. Diesen mit unseren bescheidenen Werkzeugen wieder herauszukriegen, stellte sich bisher als Ding der Unmöglichkeit heraus. Ich mache mich also auf und wandere durchs Quartier, bis ich vor einem Fotostudio stehe, spezialisiert auf Hochzeitsfotos. Na immerhin! Drinnen werde ich ganz neugierig willkommen geheissen. Von der Strasse wird ein Herr hereingezerrt, der ein paar Brocken Englisch spricht. Aha, die Kamera muss innen gereinigt werden. Es wird übersetzt und diskutiert und telefoniert, bis plötzlich ein Rudel Jungs vor dem Stüdyo steht. Sie werden mich nun zum Fachmann begleiten. So beginnt mein Stadtrundgang von Kayseri, der mich in die verschiedensten Winkel und zu hübschen Sehenswürdigkeiten bringt, während wir über Fussballklubs, Atatürk, Ferien in Antalya, Fahrradfahren und natürlich Kayseri diskutieren (das alles notabene mit meinen gut 100 Türkischwörtern und etwas Englisch seitens der Jungs).

Irgendwann sind wir da, wir betreten ein kleines Geschäft und siehe da, der Besitzer begrüsst mich in per-fek-tem Deutsch. Nach kurzem Austausch über die Problemstellung behändigt ein Angestellter die Kamera, während wir über unsere Reise diskutieren. Nach einer Viertelstunde halte ich die gereinigte Kamera in der Hand, werde herzlich verabschiedet (selbstverständlich wird kein Geld für diesen Service genommen) und knipse sogleich das erste Bild ohne störende Flecken. Ehrensache, dass es ein Gruppenbild mit meinen netten Begleitern ist!

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Die Tage darauf sind geprägt von vielen Kilometern und Höhenmetern, Hitze, Pässen und wunderbaren Berglandschaften. Bis Erzurum fahren wir nun ohne Pausentag durch: Sieben Tage, 740 Kilometer, 5500 Höhenmeter, 37 Stunden im Sattel. Trotzdem bleibt immer genug Zeit für ein Schwätzchen unterwegs und für das Eintauchen in die so unterschiedlichen Städte und Dörfer. Das Pumpen unserer Pneus an der Tankstelle wird zur Einladung zum Tee, ebenso der Erwerb unseres Feierabendbiers beim Alkoholhändler im kleinen Dorf. Bei einer Baustelle entpuppt sich der Signalisationsmann als Neckermann-Reiseleiter, der während seinem Heimaturlaub für einen erkrankten Kollegen eingesprungen ist (das ist wahre Freundschaft!) und sich nun freut, mit uns ein bisschen Deutsch zu sprechen.

Auch die lokale Fauna lernen wir näher kennen, dieses Mal gar etwas nahe. Überholt uns am Berg ein Laster mit lauter Bienenstöcken darauf, die hier in den blumenreichen Bergen überall zu sehen sind. Ich scherze noch: Was, wenn so ein Bienenhaus vom Lastwagen fällt, just wenn er an uns vorbeibraust? Kaum gesagt, summt es in meinem Helm gar unfreundlich – da ist wohl wirklich die eine oder andere Biene entwischt und ziemlich sauer! Ich stoppe, ziehe den Helm aus und werde von einer wildgewordenen Biene attackiert. Alles wegrennen und fuchteln hilft nichts, sie erwischt mich über dem Auge. Nichts wie weg hier, wir schwingen uns auf die Räder und fahren ein kurzes Stück zurück den Berg hinunter zu einer nahen Tankstelle. Yvonne zieht den Stachel raus und wir verbringen die Mittagshitze erst mal auf einem Picknickplatz im Schatten, während meine linke Gesichtshälfte immer mehr anschwillt.

Glücklicherweise ist alles halb so schlimm, wie es aussieht, und da die wildromantische Berglandschaft lockt, stellen wir (trotz einiger Bedenken – unsere gebrochenen Zeltstangen lassen grüssen) wieder einmal das Zelt auf. Wir glauben uns in der absoluten Einsamkeit, doch es vergeht keine halbe Stunde, bis ein junger Mann daherstapft und uns mit Händen und Füssen bedeutet, dass wir doch in seinem Haus übernachten sollen. Das Zelt steht, die Stangen halten, wir lehnen deshalb dankend ab. Wir glauben, für heute Ruhe zu haben, als der nette Mann kurz darauf in Begleitung wieder anspaziert. Wie wärs mit einem Tee? Wir lachen, denn wir liegen schon in unseren Schlafsäcken: Gute Nacht!

Städte wie Sivas bieten uns jeweils eine willkommene Abwechslung zum Unterwegssein draussen in der Natur. Da wir jeweils sehr früh am Morgen starten, bleibt uns nach Ankunft genügend Zeit für ausgedehnte Besichtigungstouren. Sei es der Teegarten auf einem Hügel mitten in der Stadt, wo die Pärchen schmusen und rauschende Hochzeiten gefeiert werden. Sei es das schmucke Stadtzentrum mit unzähligen seldschukischen Bauwerken aus dem 13. Jahrhundert, wo im gedeckten Innenhof einer Madrasa (frühere Schule, wo einst islamische Wissenschaften gelehrt wurden) mit einem Hauch Geschichte am Tee genippt werden kann. Und natürlich bieten die vielen Restaurants immer wieder neue, uns unbekannte Speisen, die wir neugierig ausprobieren.

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Vor Erzincan erklimmen wir unseren bisher höchsten Pass auf 2200 m.ü.M. und werden dafür mit einer scheinbar unendlichen Abfahrt entschädigt. Die Osten der Türkei erinnert schon sehr an Zentralasien mit wilden Schluchten und unendlichen Ebenen, wo wir auch erste Nomadenzelte und dazugehörige Schafherden entdecken. Am Ende des Tages stellen wir fest: So viel Watt haben wir wohl noch nie verbraucht. Fast acht Stunden Fahrzeit, 150 Kilometer und 1500 Höhenmeter. Wow!

Kurz nach dem Start am nächsten Morgen können wir ein weiteres schönes Jubiläum feiern: Der fünftausendste türkische Verkehrsteilnehmer überholt uns wild hupend mit seinem Kraftfahrzeug! Wir gratulieren dem Lenker mit dem Nummernschild 36 AF 481 zur tollen Leistung. Gerne hätten wir ihm einen Blumenstrauss überreicht, aber er musste sich dermassen aufs Hupen, Winken und Schreien konzentrieren, dass er seinen Preis glatt verpasst hat.

Wir erleben ja die unterschiedlichsten Kategorien von Hupern und haben auch ein Gespür entwickelt, was uns bei der nächsten Vorbeifahrt erwarten könnte. Je östlicher wir kommen, desto eher wird das Hupen ersetzt durch wild-archaisches Herausbrüllen des Beifahrers. Ob dies daran liegt, dass die Hupe dieser Fahrzeuge nicht mehr so richtig will, können wir nicht mit letzter Sicherheit bestätigen – der Zustand der Autos unterstützt die These zumindest.

Wir gehen davon aus, dass keiner dieser Türken jemals direkt am Strassenrand ungeschützt von einem dauerhupenden Auto oder Lastwagen überholt wurde. Vielleicht würde der Freude über den Touristen auf dem Bisiklet dann auf etwas sanftere Art Ausdruck verliehen… Nach mehr als vier Wochen Türkei unterscheiden wir die folgenden Huper-Kategorien:

1. Der nette Huper. Zaghaft-sachte stupft er frühzeitig seine Hupe an, wir sind also vorbereitet und können zum Dank sogar nett zurückwinken.

2. Schon etwas weniger in unserer Gunst: Der Dauerhuper. Sobald wir auf seinem Radar erscheinen, wird beidhändig die Hupe niedergedrückt, als sei damit ein Krieg zu gewinnen. DüüüüüÜÜÜÜÜÜÜ-OOO-AAAAAAAaaaaaaaaa rauscht er an uns vorbei, die Hände dermassen verkrampft, dass ein Winken unmöglich ist.

3. Die Lastwägeler hingegen sind in mehrere Unterkategorien zu gliedern: Ein beträchtlicher Teil davon hat kräftig in die Akustik investiert. Statt einem monotonen Tröööt dürfen wir hier sophistizierten Melodien lauschen, sogar Vivaldi wurde uns schon gehupt! Die ganz fiesen aber, die warten in ihren LKW-Kabinen wie auf einem Hochsitz, auf dass das zweirädrige Reh hinterrücks erlegt werden kann. Der Brummi braust heran, und genau auf Ohrhöhe wird das Horn betätigt. WWWROOOOOAAAAMMMMM! Uns bleibt das Herz einen Moment lang stehen, wir kippen fast vom Velo und sehen den Chauffeur in seinem riesigen Rückspiegel nett winken. Vielen Dank aber auch!

Den Sonderpreis für den erheiternsten Huper aller Zeiten vergeben wir diskussionslos an das folgende Fahrzeug. Wir sind ja mittlerweile dermassen abgehärtet, dass wir gar nicht mehr hinschauen, was uns da eigentlich beschallt. Reflexartig heben wir einfach jeweils den Arm, die Hand oder auch nur den kleinen Finger. So auch hier: Der Klang der Hupe deutet auf einen eher kleinen Lieferwagen hin. Wir winken gelangweilt. Fährt das Ding vorbei, reagiert das Hirn irritiert – irgendwie passen Bild und Ton nicht zusammen! Zu flach, was da vorbeifährt! Potzdonner, es ist ein Panzerwagen. Tüüüüt!

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Am Tag 7 unserer Durchfahrt nach Erzurum sind wir rechtzeitig zum Znüni auf einem weiteren Pass, wo wir unseren obligaten Schnappschuss der zugehörigen Tafel machen. Auf der anderen Strassenseite stehen einige Lastwagen, denen der Aufstieg wohl nicht bekommen ist. Plötzlich steht einer der Fahrer vor uns und fragt, ob er ein Foto schiessen soll? Aber gerne! Damit nicht genug, er lädt uns kurzerhand zum Trucker-Zmorge ein. Zwei zusätzliche Klappstühle werden hervorgezaubert, und schon sitzen wir an der schattigen Seite des Lasters. Im aufgeklappten Seitenfach ist die komplette Küche untergebracht, der Tee dampft bereits und auf der Auslage stehen Brot, Oliven, Käse, Wurst, Honigwaben und Melone bereit. Soooo lieb! Cemal fährt mit seinem Truck regelmässig zwischen Istanbul und Turkmenistan hin und her und kennt jede Unebenheit dieser Strassen. Seine Familie lebt in Antalya, wo er aber nur drei Monate im Jahr verbringen kann. Die restliche Zeit ist er unterwegs, er war auch schon an allerhand Orten in Europa, bis nach Holland ist er schon gefahren. Nach einer langen, munteren Diskussionsrunde verabschieden wir uns – vielleicht sehen wir uns ja wieder, in Turkmenistan! Auf Wiedersehen, allahaısmarladık!

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Am Ende der Welt – ein bisschen Leiden in Kurdistan

Der östlichste Zipfel der Türkei, da wo die Kurden wohnen, ist anders. Der Wechsel in eine konservativere und ärmere Gegend ist ab Erzurum nicht zu übersehen. Bei der Stadteinfahrt fallen uns die vielen komplett schwarz gekleideten, ganzkörperverschleierten Frauen auf. Zur Begrüssung gibts hier kein nettes „Hoşgeldiniz – Willkommen“, sondern „Helloo, Helllooooo!“. In den Strassencafés sitzen ausschliesslich Männer, von denen ich angestarrt werde, als hätte Gott höchspersönlich mich als erste Frau in diese Gegend geschickt.

Der Wechsel kam ziemlich abrupt. Noch eine halbe Stunde zuvor, bereits 100 Kilometer in den Beinen, sitzen wir gemütlich auf den obligaten Plastikstühlen einer Shell-Tankstelle und kühlen unsere Kerntemperatur mit einem Glacé. Die beiden jungen Tankstellen-Angestellten finden uns so lustig, dass sie eine ganze Glacé-Länge vor uns stehen und Fragen stellen. Als uns unser Türkisch- und ihnen ihr Englisch-Vokabular langsam ausgeht und wir uns auf den Weg machen wollen, kommt – mit leuchtenden Augen – die Frage: çay? Ach, wieso eigentlich nicht! Sofort wird ruckzuck ein improvisiertes Tischlein herbeigeschafft, es folgen die bauchigen Teegläser samt dampfendem Inhalt. Wir bedanken uns artig und denken, dass unser Unterhaltungsfaktor nun langsam gegen Null tendiert, doch weit gefehlt. Die beiden verschwinden tuschelnd und kichernd, nur um sich kurz darauf an unseren Velos schaffen zu machen. Hä? Mit breitem Grinsen montieren sie einen Kleber mit der Aufschrift (frei übersetzt): „Bitte Sicherheitsgurten tragen!“. Jetzt grinsen definitiv auch wir!

Doppelter Service: Wir kriegen Tee und die Jungs montieren einen Kleber am Velo

Da uns nach den Killeretappen der letzten Tage die Sitzpartie höllisch brennt, nehmen wir uns zwei Tage frei und geniessen das Nichtstun. Der Blick auf die lokale Kleidermode lässt mich nichts Gutes ahnen. So einfach wie ich mir das vorgestellt hatte, würde es nicht werden, einen verhüllenden aber atmungsaktiven Lumpen für den Iran zu finden. Schwere, bis an den Boden reichende Wintermäntel in allen Farben und Formen sind en vogue – was ich mir bei 40 Grad im Schatten bei Allah nicht gerade vergnüglich vorstelle. Wir rücken deshalb aus zum Kleidershopping. Es kommt nicht überraschend: Wir werden angestarrt wie zwei Ausserirdische und das Ganze wird dann auch zur Begegnung der dritten Art. Mangels Englischkenntissen watscheln uns jeweils mindestens drei Verkäuferinnen (verhüllt, natürlich) stumm durch die Gestelle nach, doch ausser Starren ist leider keine Serviceleistung inklusive.

Unser erster richtiger Halt seit Kappadokien gibt uns endlich einmal Gelegenheit, den türkischen (Kleinstadt)-Alltag an uns vorbeiziehen zu lassen. Sofort fällt uns auf: So wie der Kroate sein privates Gartenfeuerchen liebt, wird in der Türkei immer und überall saubergemacht. Jeder Haus-, Laden-, Restaurant- und Hotelbesitzer ist konstant damit beschäftigt, mit einem Besen seinen (aber nur seinen!) Vorplatz zu wischen. Auch wenn Minuten später der 40-Tönner vorbeidonnert und sämtlichen Staub wieder an die Original-Koordinaten zurückbefördert. Die zweitliebste Beschäftigung des Türken ist es, nach dem Wischen (so nehmen wir jedenfalls an) mit einem Gartenschlauch, einer Spritzkanne oder auch mal nur mit einer Pet-Flasche sein Stück Vorplatz zu bewässern. Ob das reinigende Wasser symbolische Wirkung entfaltet? Sauber machen die spärlich verstreuten Tropfen auf jeden Fall nicht. Und falls doch, sei auf den bald schon wieder vorbeidonnernden 40-Tönner verwiesen.

Als wir Erzurum in Richtung Osten verlassen, werden die Häuser zu armseligen Hütten. Uns fällt die massive Militärpräsenz mit riesigen, scharf bewachten Kasernen auf: Der immer noch schwelende Kurdenkonflikt lässt grüssen. Die Kinder schreien uns jetzt „Money, Money“ nach, und mich lässt das ungute Gefühl nicht los, dass man als Frau oftmals mit eher zweideutigen Blicken und Pfiffen eingedeckt wird.

Am Tag drei nach unserer Pause in Erzurum erreichen wir unseren bisher höchsten Pass: 2210 Meter über Meer, und mich deucht, das Hinaufgekrieche sei mir auch schon leichter gefallen. Umso erfreuter sind wir, als plötzlich ein iranischer Lastwagenfahrer neben uns stoppt und uns eine eiskalte Orange und zwei Nektarinen unter die Nase hält.

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Die letzten 40 Kilometer bis nach Ağrı, der nächstgrösseren Stadt, werden wir so schnell nicht vergessen. Diese Strecke ist (neben einigen üblen Abschnitten in Albanien) ein ganz heisser Kandidat für eine goldene Himbeere für die übelste Piste. Es ist Nachmittag, die Sonne brennt bei 39 Grad und der Asphalt löst sich in eine schwarze, zähflüssige Masse auf. Die Autos haben offensichtlich weniger Probleme damit, doch an unserem Profil bleibt der ganze Krempel hängen und vermischt sich ach so schön mit Kieselsteinen und Dreck. Nach wenigen Kilometern ist unser Pneu von einer zentimeterdicken Schicht umhüllt, so dick, dass es massiv an den Schutzblechen kratzt. Es rattert und kracht beängstigend, und schlimmer – es bremst! Erschöpft, überhitzt und mit rumpelndem Magen schaffe ich es mit letzter Kraft in die Stadt, und wir landen in der billigsten Unterkunft unserer bisherigen Reise.

Mich hat es erwischt. Mit Übelkeit, Bauchkrämpfen und dem vollen Programm liege ich auf meiner Pritsche, von draussen zieht der Geruch nach verbranntem Hähnchen ins Zimmer, vom Gang her flötet der kloakige Duft des Gemeinschafts-Plumpsklos in die Nase. Ich sage nur: Proscht Nägeli!

Da es mir am nächsten Tag nicht wirklich besser geht, ziehen wir in ein besseres Hotel um und verlängern um eine Nacht (wir haben aus unserer Marokko-Testtour doch etwas gelernt :-)). Am Tag darauf bin ich soweit, dass ich wieder einigermassen gerade laufen kann und wir fahren früh los. Auf den ersten Metern schon fällt mir auf, dass sich Christians Tempo wie Tour-de-France-Niveau anfühlt. (Hat er gedopt?) Dazu bläst ein unglaublicher Gegenwind. Mit maximal 15 Stundenkilometern sind wir unterwegs, und in meinem Kopf beginnt es zu rechnen: 100km geteilt durch 15km/h… dazwischen ein Pass auf über 2000 Metern. In meinen Beinen ist gähnende Leere, und ich zähle verweifelt jeden Kilometer, den wir uns vorwärtskämpfen. Nach 30 Kilometern kommt ein Dorf. Getreu unserem Motto, in solchen Situationen vernünftig zu handeln, votiere ich für den Bus.

Eine geschlagene Stunde stehen wir am Strassenrand. Zwei türkische und zwei iranische Busse fahren unterdessen an uns vorbei und keiner reagiert auf unsere Handzeichen. Irgendwann kommt ein Türke und bedeutet uns, wir sollten weiterfahren, denn mit diesen Velos würde uns keiner mitnehmen. Wir können es zwar kaum glauben – doch was tun?

Wer wissen will, wie die nächsten 70 Kilometer landschaftlich ausgesehen haben, muss Christian fragen. Ich hänge mich an sein Hinterrad (fürs Vorfahren wird er Mitarbeiter des Monats!) und schaue nur noch auf seine rotierenden Speichen. Ja nicht nach vorne schauen! Gring ache u trampe…

An eine Szene aus dieser nimmerendenwollenden Reise allerdings erinnere ich mich noch glasklar, denn noch immer weiss ich nicht, ob ich lachen oder heulen soll. An einer schäbigen Mini-Tankstelle halten wir an, um uns (trotz Ramadan!) mit etwas Trinkbarem einzudecken. Unsere Auswahl: Orangensaft oder ein fermentierter Rüeblisaft mit Chiligeschmack. Die Entscheidung fällt für einmal innert Sekunden. Als ich den Orangensaft in meine Pet-Flasche umfülle und für die leere Packung nach einem Abfalleimer frage, schaut mich der Tankwart mit konsterniertem Blick an. Er nimmt mir das Brickpack aus der Hand und … schmeisst das Ding in hohem Bogen hinaus in die Natur. Problem gelöst!

Unsere Einfahrt in Doğubayazıt, der Grenzstadt 40 Kilometer vor der iranischen Grenze entfernt, fühlt sich an wie die Ankunft am Ende der Welt. Die Stadt ist eine einzige Baustelle, ungeteerte Strassen, Sand, die Kinder rufen uns „Turist“ und „Money“ nach und begrapschen unsere Taschen. So fühlt man sich doch gleich willkommen!

Für ein bisschen Heimatgefühl kaufen wir ein letztes Mal bei Migros ein. Wegen der uns vorauseilenden Reputation als exzellente Markenbotschafter 🙂 bittet uns das Management von Türk-Migros vor unserer Ausreise, für die Schweizer Kundinnen und Kunden noch einen kurzen Werbefilm zu drehen. Ach, für ein paar zusätzliche Tumulus-Punkte machen wir das doch gerne!

 

Italien? Ganz gefährlich! Schweiz? Big Problem!

Wie gefährlich ist eigentlich Trekking im Nordkaukasus? Oder Korallentauchen in Südbali? Baden in den Plitvicer Seen? Tramfahren in Wien? Die Antwort ist: Man weiss es nie! Seit dem Mord an ausländischen Bergsteigern am pakistanischen Nanga Parbat vor einigen Wochen ist die Frage nach den Risiken von Tourismus-Destinationen in den Medien wieder ein grosses Thema.

Auch wir haben uns über die möglichen Gefahren im Vorfeld unserer Reise viele Gedanken gemacht, über mögliche Routen diskutiert, geimpft, versichert, Apotheke gefüllt – kurzum: vorgesorgt. Während der Reise erleben wir vor allem den Strassenverkehr, gesundheitliche Probleme und die Hitze als grösste Feinde. In der kürzlich ausgestrahlten Sendung „Forum“ auf SRF1 zum Thema „Risikoreisen: Wer trägt die Verantwortung?“ haben wir von unseren Erfahrungen kurz berichtet.

Eines ist uns beim Reisen durch inzwischen doch schon 8 Länder allerdings sonnenklar geworden: Mit Sicherheit ist nichts und niemand schlimmer und gefährlicher als der nächstsüdliche Nachbar!

Der smarte Geschäftsmann in Triest zum Beispiel findet Kroatien und Slowenien (nun gut, da ist ja keiner!) schon sehr gewagt und rät uns, doch einfach in Italien zu bleiben (gute Idee, aber wäre vermutlich dann doch etwas langweilig geworden). Der Kroate wiederum warnt dringend vor einer Reise nach Albanien. Albaner? Uuuuhuu! Traut keinem da! Die Albaner sind zu fest mit ihren Mercedes beschäftigt, als dass sie uns vor irgendwem warnen könnten. Ausser dass sie es – und das ist verständlich – eine unfassbare, unaussprechliche Frechheit finden, dass wir dem bekannten Salat mit Gurken, Tomaten, Zwiebeln und Feta „griechischer Salat“ sagen, wo es doch GANZ KLAR ein albanischer Salat ist!

Der Grieche wiederum rollt wild die Augen, wenn es um seinen östlichen Nachbarn geht. Türkei? Phuhuuuu, ganz gefährlich! Sogar Schweizer Türken, die wir unterwegs treffen, warnen vor ihren eigenen Landsleuten („sprecht nur mit alten Leuten!“). Die ansässigen Türken hingegen warnen uns vor ihren ostanatolischen Kurden (Ganz schlimm! Rübe ab!), vor den Turkmenen (Big Problem!  – Gut, in diesem Punkt sind wir uns einig) und beim Wort Iran verdrehen sie nur stumm die Augen… Und die ostanatolischen Kurden? Haha! Sie warnen uns vor den iranischen Kurden („Haltet da nicht an! Die rauchen alle Drogen!“)

Im Iran wird man uns vermutlich vor den Turkmenen warnen, in Turkmenistan (sofern wir das Land je von innen sehen) wird man die Welt per se für feindlich halten, in Usbekistan wird man die Tadschiken ganz gefährlich finden, und generell finden alle: Nach China, oh nein, geht ja gar nicht!

Heute morgen früh geht es los, in den Iran – ein Land, von dem Reisende von extremer Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit berichten. Doch dank den Italienern, Kroaten, Albanern, Griechen, Türken und Ostanatolen wissen wir es besser: Auf in die Achse des Bösen!