Uns laust der Affe!

Die Zeit ist vergangen wie im Flug! Und irgendwie auch nicht. Neun Monate sind wir nun unterwegs und es fühlt sich mittlerweile fast so an, als hätten wir nie etwas anderes getan als auf Rädern durch die Welt zu fahren. Vielleicht fragt ihr euch zwischendurch, wie es den zwei Verrückten auf dem Sattel eigentlich geht? Ob sie sich heimlich ins alte, komfortable Leben zurück wünschen? Das Gefährt am liebsten in ein Ecke schmeissen würden? Auch schon gefragt wurden wir, wie wir uns eigentlich motivieren, jeden Tag aufs Neue weiterzufahren?

Die Antwort lautet: Gar nicht! Wie viel zusätzliche Motivation braucht es noch, wenn einem fast täglich vor Augen geführt wird, was für ein Privileg wir Schweizer haben, die Welt bereisen zu können? Und noch grösser unser persönliches Privileg, sich aus der Tretmühle der Arbeit für eine Zeit lang zu verabschieden? Keine zweiwöchige Ferienreise, gespickt mit möglichst vielen Highlights, sondern Tag für Tag komplett unspektakuläre (aber auch spektakuläre) Landstrassen, ganz normale Menschen, deren Gesicht sich bei unserem Anblick zu einem herzlichen Lachen verzieht – ein fremder Alltag. Und wir schaukeln mal schneller, mal langsamer daran vorbei, während zu Hause die Tastaturen klappern und der Bürotisch unser Fehlen längst vergessen hat. Das muss Freiheit sein!

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Dennoch hat sich etwas verändert. Besonders nach dem anstrengenden China hatten wir den Eindruck, dass unsere Speicher langsam voll werden. So viel gesehen, so viel erlebt – wohin noch mit den neuen Eindrücken? Es kam uns so vor, als könnten wir Neues nicht mehr mit dem gleichen Enthusiasmus geniessen und als hätten die Chinesen etwas von unserem Gleichmut weggehupt. Man ist mit der Welt da draussen weniger geduldig, weniger dickhäutig und man ärgert sich schneller über Dinge, über die man zu Beginn der Reise noch gelacht hätte.

Ein paar Tage Auszeit vom Reisen, vom Internet, vom Handyempfang, von der Welt; zu wohnen in getrennten Kammern und still zu sein hat unglaublich gut getan. Als wir aus unserem kleinen Waldparadies losfahren, fühlt es sich an wie ein brandneuer Start. Frisch im Geist, voll motiviert und um eine unvergleichliche Erfahrung reicher machen wir uns wieder auf den Weg.

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In den folgenden Tagen macht der berüchtigte Mae Hong Son Loop seinem Ruf alle Ehre. Zu steil, zu anstrengend, zu abgelegen ist er für die meisten Tourenradler, die wie wir kiloweise Gepäck im Schlepptau haben. Entsprechend wenige Radfahrer sehen wir unterwegs. Zwei holländische Ferienradler, die über unsere schweren Gänge staunen und sich mit mitleidigen Blicken verabschieden. Ein britischer Tourenradler, der sich das Gepäck per Bus in den jeweils nächsten Ort liefern lässt. Und die beiden deutschen Rennfahrer, die bloss ihr Leichtgewichtsrad und einen kleinen Rucksack dabei haben und uns mit einem netten Schwatz einen schweisstreibenden Aufstieg verkürzen. Denn was wir hier antreffen, lässt jedem Velofahrer das Blut in den Adern gefrieren. Haben wir entsprechende Hinweise im Internet zuvor noch ungläubig bezweifelt, erleben wir es nun an der eigenen Wade: Es ist durchaus möglich, in einer einzigen Kurve 30 Meter an Höhe zu gewinnen. Die spinnen, die Thais!

Nachdem wir Mae Hong Son mit seinem atemberaubenden Blick in die Berge Nordwestthailands und Burmas hinter uns gelassen haben, wird es ruhig an der Touristenfront. Wir teilen uns die Strasse mit vorbeieilenden Eidechsen, aufdringlich fiependen Vögeln, verschnörkelten burmesischen Holztempeln und dem einen oder anderen Wandermönch. Wandermönch? Beim ersten sind wir noch zu überrascht, um zu reagieren, aber beim zweiten lassen wir es uns nicht nehmen, ihm eine kleine Pausen-Sojamilch in die Almosenschale zu legen. Barfuss, gehüllt in eine orange Robe, bepackt mit einigen wenigen Habseligkeiten wandern sie allein durch Nordthailand – heiterefahne, da sind auch wir glatt Salontouristen dagegen.

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Nach unserem 11’000-sten Kilometer geniessen wir in Mae Sariang erstmals wieder die Vorzüge einer touristischen Infrastruktur und nippen beim Sonnenuntergang über Burma an unserem ersten Mai Tai. Ach, wie oft haben wir im kargen Zentralasien von diesem Moment geschwärmt! Wie oft hat einer von uns gesagt: Weisch wie fein wär iz… es Raclette! E Pizza! E Härdöpfustock! E Mai Tai! Und da ist er nun! Das einzige, was unser Glück in diesem Moment überschattet, ist Christians Knie. Ohne Klagen hat er sich in den letzten Tagen durch diese Höhenmeterhölle geplagt, obwohl ich an seinem Zurückfallen bemerkte, wie sehr es wohl schmerzen muss. Da wir über die letzte Etappe des ‚Loops‘ keinerlei Informationen haben und vermuten, dass über 2000 Höhenmeter und 120 Kilometer bevorstehen, beschliessen wir, zugunsten des Knies bis in den nächsten Ort einen Bus zu nehmen.

Beim Bus handelt es sich um eine klapprige Blechkiste, die am nächsten Morgen pünktlich um sieben Uhr auf dem Schotterplatz namens Busbahnhof aufkreuzt. Zusammen mit dem Fahrer hieven wir unsere Gefährte über eine schmale Leiter hinauf aufs Dach – alles wird befestigt und wir sitzen erwartungsfroh mit drei anderen Passagieren im ebenfalls klapprigen Interieur. Plötzlich heisst es: Aussteigen! Wieso, was, warum? Mangels Passagieren hat der Busfahrer kurzum seine Destination geändert. Er fährt jetzt in die entgegengesetzte Richtung, wo Horden von Thais auf eine Fahrgelegenheit warten. So geht das! Also zurück ins Bett – zum Glück liegt der Zimmerschlüssel immer noch unberührt auf der Theke – und eine Stunde später das gleiche Spiel. Diesmal fährt der Bus auch tatsächlich ab und uns wird wind und weh, wenn wir sehen, was wir in einem Tag alles hätten schaffen wollen. Wind und weh wird uns allerdings auch beim Auspacken der Räder. Einmal nicht nachkontrolliert und schon haben wir einen massiven Lackschaden an Christians Velo. Oje…

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Zentral-Thailand wird definitiv unterschätzt. Während sich in der Weihnachtszeit unten im Süden alles um ein Fleckchen Sandstrand prügelt, treffen wir in Thailands Königsstädten auf nur wenig bis gar keinen Massentourismus. Zum Beispiel in Lamphun mit seiner Pagode aus 7 Kilogramm Gold, die pompös im Nachtlicht erstrahlt. Oder in Lampang mit seinen hübschen Stelzenhäusern aus Teakholz, wo wir wie Prinz und Prinzessin für kleines Geld in einer riesigen Kammer mit Himmelbett logieren und uns am Abend durch die Essensstände des Nachtmarkts probieren. Die wenig besuchten Tempelruinen von Si Satchanalai befahren wir gleich mit Vollgepäck, jene von Kamphaeng Phet, die mitten im Dschungel stehen und kurz vor dem Überwachsen sind, lassen wir dann zugunsten eines kalten Feierabendbiers aber sausen. Und natürlich die beiden Touristenklassiker Sukhothai und Ayutthaya, welche auch beim zweiten Besuch noch unbekannte Ecken hergeben. Am lustigsten aber ist Lopburi – die Stadt der Affen – wo wir uns nach langen, anstrengenden Etappen endlich einen Ruhetag gönnen.

Beim ersten morgendlichen Blick aus dem Fenster sitzt eine Affenfamilie auf dem Balkon des Hotels gegenüber und unten auf der Strasse turnen Affen und Äffchen an Telefonsträngen, sitzen auf parkierten Rollern und in fahrenden Trucks, balancieren auf Bahngeleisen und stehlen Essen, Spielzeug, Abfall, Brillen – einfach alles. Aber aufgepasst! Als wir einen davon von nahe fotografieren wollen, springt er ohne Vorwarnung auf Christians Kopf. Oh Schreck! Wir kommen zum Glück ohne Raub davon. Ich stelle mir schon vor, wie Christian ohne Brille blind auf dem Trottoir herumgetastet wäre, während ich den Affen über den Zaun hinweg auf den Tempel gejagt hätte, um sie zurückzuerobern. Seit dem Vorfall mit der verlorenen Brille in einem Walliser Bergbach weiss ich, wovon ich spreche… 😉 Andere Touristen sind weniger vorsichtig und lassen sich Sonnenbrillen, Strohhüte und ganze Einkaufstüten klauen. Was wir Touristen putzig finden, ist für die Einheimischen hingegen eine wahre Plage. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird mitgenommen oder zum Spielen missbraucht. Wer sich wehrt, wird aggressiv angefaucht oder gar attackiert. Da loben wir nun doch wieder den dummen Hund!

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Wer sich in Nord- und Zentral-Thailand über zuviel Verkehr beklagt, hat definitiv die falsche Route gewählt. Seit der Grenze zu Laos nehmen wir immer die kleinstmögliche Strasse. Dies allerdings nicht immer zur Freude aller Teilnehmer dieser kleinen Reisegruppe, da solche Routen oftmals als schmale Betonplattenpisten inmitten der Vorgärten überraschter Thais enden. Dafür ist der Spassfaktor maximal. Während sich Reiseführer wie Lonely Planet & Co. mit Tipps zu „off the beaten track“ und „unbekanntes Thailand“ überschlagen, fahren wir tagtäglich genau da durch, wo man selten bis gar nie einen Tourist sieht – geschweige denn einen auf dem Fahrrad. Wir gondeln vorbei an kleinen Flüsschen, Teakhausdörfern, unbekannten Ruinen, prächtigen Tempeln, grüssen hier, winken da und essen am Strassenrand gebratenen Reis oder Nudeln direkt aus Mamas Wok. Vor Ayutthaya erhalten wir dann allerdings auch auf der Nebenstrasse ungemütliche Konkurrenz: Riesige Lastwagen mit Zuckerrohr dröhnen in beiden Richtungen gefährlich nahe an uns vorbei. Wir taufen die Strecke ‚Zuckerrohrroute‘ und landen am Tag darauf auf der ‚Sonnenblumenroute‘: Abertausende, ja, Millionen der gelben Köpfe treffen wir auf riesigen Feldern bei Lopburi. 200’000 bis 300’000 Hektaren sollen es sein.

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Und was macht eigentlich das Wetter? Ein Jahr lang auf dem Velosattel zu sitzen und Tag für Tag den Launen der Natur ausgesetzt zu sein, heisst zu nehmen, was kommt, ohne zu wissen, was kommt. Kein Thomas Bucheli, der mit spitzbübischem Grinsen auf dem SRF-Wetterdach die Hochs und Tiefs in die Luft malt. Zumindest mit Regen haben wir in den letzten neun Monaten viel Glück gehabt. In Südchina haben wir jeweils fasziniert auf die Wetterkarte geblickt und gesehen, wie man wegen des Taifuns Haiyan in Vietnam, Laos und Thailand während Wochen wohl nur mit Schnorchel und Taucherbrille vorangekommen ist. Bei unserer Einreise nach Thailand kriegen wir zwar noch ein paar letzte Spontanregengüsse ab, doch als es zwei Tage lang wie aus Giesskannen aus dem Himmel schüttet, sitzen wir gemütlich im Holzbungalow und lassen das schlechte Wetter vorbeiziehen. Tage zuvor hatten wir beim Aufstieg noch Sturzbäche geschwitzt, und nun ist das Klima gar ziemlich fröstlig. Will man uns ein Zimmer mit Airconditioning schmackhaft machen, müssen die Hoteliers jeweils selber lachen. Draussen laufen die Thais mit dicken Wollmützen im Pandabär- und Schweinchen-Design herum und sehen aus, als wäre tiefer Winter. Und das ist es ja auch – fast. Wir verlangen oft nach zusätzlichen Wolldecken, da es uns in simplen Leintüchern ziemlich an die Nase friert. Was den Vorteil hat, dass wir am Morgen nie sehr früh starten müssen und tagsüber bei angenehmen Temperaturen fahren können. Etwas, wovon wir schon ziemlich bald träumen werden…

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