Ach Duschanbe!

Als Langzeitreisender kriegt man irgendwann das Gefühl, dass die Botschaften und Konsulate ziemlich treffend ihre Länder repräsentieren. Wir erinnern uns: Das Erlangen des tadschikischen Visums inklusive des begehrten blauen Stempels für die autonome Region Gorno-Badakhshan war im fernen Istanbul ein eher angenehmes Unternehmen, inklusive freundlichem Smalltalk mit dem Herrn Sekretär. Genauso willkommen fühlen wir uns, als wir ins Land einreisen: Kein stundenlanges Warten, keine seitenlange Formulare, kein Durchsuchen all unserer Habseligkeiten. Wir werden registriert, die Zöllner wünschen uns eine gute Fahrt und schon sind wir drin in diesem Land mit den unermesslich hohen Bergen, dem „Dach der Welt“. Vorerst allerdings ist es jedoch genauso glühend heiss wie zuvor in Usbekistan. Wir gönnen uns gleich nach der Grenze erst mal ein kühles Cola. Ein paar türkische Truckerfahrer sind auch da. Und da ich immer noch eine Handvoll iranische Rial im Portemonnaie habe, spreche ich sie an in der Absicht, ihnen das Geld zu schenken – sie werden ja bald wieder durch Iran zurück in die Türkei fahren. Eine kleine Geste für die unbeschreibliche Gastfreundschaft, die wir in ihrem Land erleben durften. Doch nichts da: Der Chauffeur zählt die Noten und kommt auf rund vier Dollar, worauf er einen 5-Dollar-Schein hervorkramt und mir hinstreckt. Nein nein, so war das nicht gemeint! Ich habe keine Chance, nicht mal einen Dollar Rückgeld nimmt er an. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir diese türkische Liebenswürdigkeit erleben dürfen, selbst weit ausserhalb des Landes…

Die Sonne neigt sich bereits dem Horizont zu und angesichts der anbrechenden Dunkelheit suchen wir uns schon bald ein verstecktes Plätzchen für unser Zelt. Vor uns ragen Dutzende von Kaminen in die Höhe – wir befinden uns beim riesigen Aluminiumwerk des Landes, das 46 Prozent des tadschikischen Stroms konsumiert und 50 Prozent der Exporterlöse ausmacht. Zelten mit Aussicht! Als wir just auf einen Feldweg einbiegen wollen, kommt Herr Bauer samt Familie mit seiner Klapperkiste vom Felde gefahren. Wir denken, ups, gibts jetzt Schelte? Im Gegenteil: Das Fenster wird heruntergekurbelt und man schenkt uns eine Tüte voller frischer Tomaten. Mmmmmh!

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Tags darauf fahren wir trotz übler Schotterstrecke schon gegen Mittag in der tadschikischen Hauptstadt Dushanbe ein. Leicht befremdet nehmen wir zur Kenntnis, dass hier noch mehr Polizisten herumstehen als in Usbekistan! Wir sind jedoch nicht hier zum Besichtigen von militärischen Streitkräften oder Sehenswürdigkeiten (wir wüssten auch gar nicht, welche), sondern um unsere Vorräte für die kommenden harten Tage aufzustocken. Denn nun ist fertig mit Wohlfühlprogramm, die nächste grössere Stadt Khorog liegt schon mitten in der Pamir-Region und der Weg dahin wird im wahrsten Sinne des Wortes steinig. Also füllen wir im Supermarkt einen Einkaufswagen mit Nudelsuppe, Pasta, Bouillon, Kartoffelstock, Haferflocken, Cola und vielem mehr…

P1070566_1Dann gehts los. Raus aus der Stadt auf feinstem Asphalt zuerst nach Osten und schon bald in den Süden. Man hört, der Präsident habe seine Privatresidenz in Danghara, wo wir vorbeifahren werden. Ehrensache, dass bis dahin die Strasse in piekfeinem Zustand ist. Man munkelt gar, es sei die beste Strasse des Landes. Sogar ein brandneuer Tunnel wurde eben gebaut, der uns viele mühsame Höhenmeter erspart hätte, wenn er denn schon offen gewesen wäre. Bei einer Einladung zum Tee in einem Teehaus am Strassenrand hören wir Stunden später, dass der Tunnel wenige Tage darauf vom Präsidenten persönlich feierlich dem Verkehr übergeben werden sollte. Am südlichen Tunnelportal stehen Busse, Fussgänger und Polizisten spazieren herum: Ist heute Tag der offenen Tunneltür? Als wir die Kamera zücken, beweist der Ordnungshüter wenig Humor und weist uns ab. Genauso wenig Humor hat offenbar auch der Herr Präsident, wie die Geschichte mit dem YouTube-Filmchen zeigt. Das Staatsoberhaupt war über die Veröffentlichung seiner Tanzkünste not amused und liess YouTube kurzerhand sperren. Tunnel hin oder her, immerhin kommen wir bei der Abfahrt in den Genuss der ebenso taufrischen Zufahrtsstrasse und die Kilometer runter zum tiefblauen Vakhsh fliegen nur so dahin.

Wenig später ist es vorbei mit raschem Vorankommen. Wir lernen die Schotterpisten Tadschikistans kennen! Kurz vor dem Shar-Shar-Pass ist Schluss mit Teer und wir kämpfen uns bei über 40 Grad auf prekärer Piste Steigungen von 10% den Berg hoch. Wir hangeln uns von Schattenplatz zu Schattenplatz, denn wir wissen: Hier muss irgendwann ein Tunnel kommen! Aber die Strasse windet sich weiter hoch ohne Aussicht auf Besserung. Ein paar tadschikische Lastwagenfahrer sprechen uns bei einer Not-Pause Mut zu: In zwei Kilometern sei es geschafft! Und tatsächlich, nach viel weiterem Schweiss und Jonglierarbeit erscheint der Tunnel. Praktischerweise steht dort gerade ein Staubpistenbewässerungs-LKW, der Wasser tankt. Da das Rohr leckt, stellen wir uns überglücklich unter die unerwartete, willkommene Dusche. Dann verschluckt uns der Berg, nur um uns auf der anderen Seite mit einem weiteren kräftigen Anstieg zu beglücken. Entschädigt werden wir von atemberaubenden Ausblicken auf das Norak-Reservoir im Abendlicht. Eine ausgezeichnete Stelle zum Campieren mit über 1400 Höhenmetern in den Beinen! Bei Sternenlicht hauen wir eine herzhafte Portion Pasta rein, unser Kalorienbedarf steigt jetzt wieder massiv an.

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Die Kühle der Berge hält leider nicht lange an, wir müssen wieder hinunter in die Niederungen, bevor es dann wirklich ins Gebirge geht. Zwar kommen wir wieder schneller voran, aber die bleierne Hitze in der von Baumwollplantagen geprägten Ebene macht uns schwer zu schaffen. Bei extrem trockenen 49 Grad fühlt es sich an wie in einem gigantischen Dörrofen und Yvonnes Kreislauf rebelliert erneut. Parkiert auf der Zeltplane lassen wir unter einem Baum die ärgsten Temperaturen vorbeiziehen und schwitzen uns am frühen Abend noch bis in die nächstgrössere Stadt Kulob durch, wo uns nichts als ein überteuertes Hotel erwartet. Wenigstens gibts eine Dusche! Wir machen uns schon am Abend abfahrbereit für einen weiteren Start bei Sonnenaufgang, denn wir wissen: Morgen erwarten uns ein weiterer happiger Pass und eine vermutlich noch üblere Piste als zuvor. Kurz nach 6 Uhr wecken wir am Stadtausgang die schlafenden Tankwarte: Einmal eine Petflasche Benzin, bitte! Die beiden reiben sich die Augen: Was zum Henker wollen diese Touristen mit Benzin auf einem Fahrrad?! Egal, wir bezahlen und fahren los. Der Anstieg sieht beschaulich aus, auf einer breiten Schwemmebene windet sich die Strasse in weiten Kehren den Berg hoch. Unser Velocomputer sagt aber etwas anderes: Zwischen 5 und 8 Prozent beträgt die Steigung die meiste Zeit, und schon bald schwitzen wir wieder ganze Bäche.

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Angst vor dem Verhungern oder Verdursten brauchen wir an diesem Tag nicht zu haben: Die Tadschiken zeigen sich extrem gastfreundlich. Während wir uns den Berg hinaufquälen, erhalten wir so viele Lebensmittel geschenkt, dass wir Angebote sogar ablehnen müssen, weil unsere Taschen schon prallvoll mit Spenden sind. Eine kleine Auswahl: 2 Melonen, ein Sack voll Äpfel von den Polizisten eines Kontrollpostens, 2 Granatäpfel, 2 Flaschen Wasser und Bonbons von einem deutschen Paar und eine ganze Tüte warme, duftende Teigtaschen! Die Geschichte dazu ist einfach wunderbar: Wir sitzen am Strassenrand im Geröll und genehmigen uns eine kleine Erfrischung, da fährt ein Mercedes vorbei, die Insassen winken uns freundlich zu und wir ebenso freundlich zurück. Dann: Bremsmanöver, Rückwärtsgang und schon steigt einer von fünf Business Men in Anzug und Krawatte aus, überreicht uns 10 Teigtaschen und wünscht uns gute Fahrt. Wir können uns kaum bedanken, da rauschen sie schon wieder davon. Wir zehren den ganzen Tag an diesen Köstlichkeiten, sooo lieb!

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Nach einem happigen Aufstieg und dank Schotterpiste genauso happigen Abstieg nähern wir uns einem mit Spannung erwarteten Zwischenziel: Wir stehen am Ufer des rauschenden Pandj, der Tadschikistan von Afghanistan trennt. Dass Afghanistan nur mehr ein paar Steinwürfe entfernt ist, ist am Anfang schon ein seltsames Gefühl. Viele Kilometer und Tage werden wir nun dem Grenzfluss aufwärts bis nach Khorog folgen. Die Szenerie ist atemberaubend: Links und rechts die schroffen Felswände, unten der tosende braune Strom und dazwischen unsere Holperpiste. Bei jeder erdenklichen topologischen Gelegenheit weichen die Brauntöne dem satten Grün von Bäumen und kleinen Feldern. Die Dörfer säumen den Fluss wie Perlen an einer Kette. Oft sitzen die Siedlungen aber auf den Schwemmkegeln von seitlich zufliessenden Bächen, was uns viele, viele Höhenmeter hinauf und hinab beschert. Bilanz eines Tages: In über acht Stunden reiner Fahrzeit haben wir gerade mal 66 Kilometer geschafft, das macht eine lächerliche Durchschnittsgeschwindigkeit von 8km/h! Dazu kommen fast 1500 Meter Höhenmeter rauf, leider aber auch 1200 wieder runter, womit wir der Hitze der tieferen Regionen immer noch nicht entkommen können. Das zehrt gewaltig an unseren Kräften. Nur auf zwei kurzen Abschnitten kommen uns fast Tränen der Freude, wo dank iranischer Unterstützung makelloser Teer verbaut wurde. Danke Iran, das war eine echte Wohltat!

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Aber was klagen wir über unsere Holperstrecke: Auf der anderen Seite schlängelt sich das afghanische Pendant dem Fluss entlang, und uns bleibt oftmals die Spucke weg, wenn wir sehen, auf welch beschwerlichem Weg sich die dortigen Dorfbewohner fortbewegen müssen. Abenteuerlich windet sich der schmale Pfad mal direkt am Flussbett, mal hoch über einen Felsvorsprung. Da ist manch ein Wanderweg in den Alpen ein reiner Spaziergang dagegen. Die Kinder sind oft stundenlang unterwegs zur Schule oder nach Hause und winken uns lachend zu, während sie schnellen Schrittes ihren Weg gehen. Und auch wenn Strom- und Telefonanschluss oftmals inexistent sind und aus unserer Warte jeglicher Luxus fehlt: Die Dorfbewohner haben Wasser, bauen Getreide und Gemüse an, halten Vieh und machen auf den ersten Blick einen recht zufriedenen Eindruck – zumindest scheinen sie in ihrer Abgeschiedenheit von den Kriegswirren des Landes verschont zu bleiben…

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Unser Tagesrhythmus pendelt sich ein: 04.30 Uhr Tagwacht, ausgiebiges Frühstück, Zeltabbau und vor Sonnenaufgang auf die Strasse. Bei jeder Quelle werden die Flaschen aufgefüllt und der Kopf mit Wasser übergossen. Zur Mittagszeit Nudelsuppe und Brot, im Verlauf des Nachmittags lange Pause an einem möglichst schattigen Plätzchen. Gegen Abend bis zum Einbruch der Dunkelheit Weiterfahrt. Suche eines versteckten Platzes für unser Zelt. Einrichten unserer Schlafstatt. Katzenwäsche und Kochen einer beachtlichen Portion Reis oder Teigwaren. Müde auf die Isomatte sinken und sofort einschlafen.

Nicht schlecht staunen wir an einem steilen Felsabschnitt, wo wir in der Ferne riesige Felsblöcke in die Tiefe stürzen sehen. Das kann ja nicht sein, da müssen wir durch? Zum Glück stellt es sich als Baustelle heraus, wo türkische Gastarbeiter die Strasse sichern. Der Verkehr ist kurzzeitig gesperrt und ein Bagger bricht weiter oben das Geröll auf, das mit Getöse über die Strasse ins Tal kullert. Staub und Sand wirbeln durch die Luft. Kurz darauf wird der Abschnitt wieder kurz zur Passage freigegeben, auf der anderen Seite heissen uns die Türken willkommen zu Tee und Früchten: Schon wieder die türkische Gastfreundlichkeit!

Acht Tage sind wir nun ohne Pause durchgefahren. Über 6000 Höhenmeter sind in unseren Beinen und 600 von rund 800 Kilometern bis zum Zwischenziel Khorog sind geschafft. Doch der Höllenritt fordert seinen Tribut. Am achten Tag seit der Wiederaufnahme unserer Velotätigkeit an der usbekischen Grenze ereilt uns ein Alarmzeichen: Schon frühmorgens fühlt sich Yvonne schwach und ihr ist schwindlig. Nicht zu spassen auf dieser Strasse, wo man oft am Rand des Abgrunds auf einem Sandstreifen balanciert! Wir stoppen sofort: An ein Weiterfahren ist nicht zu denken. Leider ist weit und breit kein Baum, kein Dorf, kein gar nichts. Ich spanne die Zeltplane über die beiden Fahrräder und Yvonne legt sich in den Schatten. Kein Auto, kein LKW, wir warten und warten, Stunden vergehen und die Verzweiflung wächst. Endlich kommt ein Truck, doch leider voll beladen. In 20 Minuten sollen weitere kommen, meint der Fahrer. Banges Warten, ab und zu kommt ein Auto vorbei, aber wer fährt hier schon mit leeren Plätzen durch die Gegend? Vollbeladen sind sie alle, die Minibusse und 4×4, die an uns vorbeibrausen – keine Chance für uns, mitzufahren. Doch endlich, in der Ferne tauchen vier weisse Trucks auf. Sie fahren leer nach China, um dort Textilien zu laden. Der nette, aber wortkarge Fahrer öffnet den Frachtraum, wir schmeissen unsere Taschen rein, die Velos drauf und schon sitzen wir erleichtert in der Fahrerkabine mit Ziel Khorog. Glück gehabt!

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Wer nun denkt, mit dem LKW sei die Anfahrt zum berüchtigten Pamir Highway ein Sonntagsspaziergang, der irrt gewaltig: Wir werden durchgeschüttelt wie selten zuvor. Mit jedem Kilometer wächst unser Respekt vor diesen furchtlosen Chauffeuren, die immer und immer wieder auf dieser waghalsigen Strecke ihre Trucks von Dushanbe nach Kashgar und wieder zurück steuern. Das Fahren erfordert höchste Konzentration, und die Gruppe macht alle 50 Kilometer Pause. Rund 200 kräftezehrende Kilometer auf dem Velo ersparen wir uns im LKW und erreichen Khorog kurz vor dem Eindunkeln. Nun locken ein Guesthouse, eine warme Dusche und ein indisches Restaurant, wo wir noch am selben Abend fürstlich speisen. Einfach herrlich!

Verzückung und Verzweiflung, beides haben wir die letzten Tage erlebt. Seit wir in der Schweiz vor fünf Monaten losgefahren sind, haben wir bei kleineren und grösseren Schwierigkeiten oft lauthals „Ach Duschanbe“ gerufen. Jetzt sind wir in Tadschikistan und sagen tatsächlich: Ach du Schande! 😉

5 comments to Ach Duschanbe!

  • Daniel Wulle

    Meisterliche Leistung, was ihr erlebt und durchmacht… CHAPEAU!

  • Kurt Wulle

    Und ab jetzt hat das Abenteuer Pamir begonnen. euch weiterhin eine unfallfreie Fahrt.

  • Emma

    Ach Duschhaube! Es ist für die Nerven definitiv besser, die Abenteuer erst hinterher zu lesen. Die Warnungen des Ausländischen Amtes für Tadschikistan sind ja recht… eindrucksvoll. Zelten an der afghanischen Grenze wird eindeutig nicht empfohlen, aber anscheinend ist es ja richtiggehend gemütlich im Grenzgebiet :-).

    Gruss aus der neuen Wohnung, Emma

  • Es sieht auch recht kompliziert aus, Zeltplätze zu finden. da muss man bestimmt auch Abstriche an die Lauschigkeit machen. Viel Glück weiterhin.

  • Salut

    wir sind gerade erst auf Euren Bericht gestossen. Da haben wir uns ja dermassen knapp verpasst. Am 6.9. sind wir an den Aluwerken vorbei nach Usbekistan ausgereist.
    Schön in Eurem Bericht zu lesen.

    Grüsse nach Thailand

    PS Dina hat sich in China auch über die schlecht zu öffnenden Jogurts genervt

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