La meravigliosa Umbria

Von Sydney über Singapur und Doha nach Rom mit nur zwei kurzen Umsteigestopps: Dies mag für den vielbeschäftigten Geschäftsreisenden Business as usual sein, für den Gelegenheitstouristen eine stressige Ausnahmesituation – für den Veloweitreisenden aber ist es schlicht ein Schock. Sind wir uns überschaubare Distanzen und das langsame Herantasten an neue Länder, Leute und kulturelle Begebenheiten gewohnt, werden wir in nur 26 Stunden zurück nach Europa katapultiert. In weiser Voraussicht haben wir uns für einen kleinen Schlenker auf dem italienischen Stiefel entschieden. So können wir uns sachte an die Heimat herantasten und vermeiden die freundlichen Schweizer Zöllner am Zurich Airport, die uns mit einem breiten Grüezi willkommen heissen. Und nicht zuletzt lassen wir damit eine kleine Träumerei aus der Anfangszeit unserer Reise wahr werden: „Eigentlich sollten wir unsere Route anpassen und eben doch erst einen Giro d’Italia machen…“

Frühmorgens kurz vor 7 Uhr landet unsere Qatar-Maschine in Roma-Fiumicino und steuert auf das vorgesehene Gate zu. Ein paar Meter davor ist allerdings Schluss. Wie üblich ist das Publikum beim Anblick des Flughafengebäudes schon aus den Sitzen gesprungen, um im Gepäckfach fiebrig nach seinen persönlichen Utensilien zu fischen. Doch nichts geht, mürrisch werden die Plätze wieder eingenommen. Nach einer halben Ewigkeit meldet sich der Pilot leicht entnervt. Man könne die finale Standposition leider nicht einnehmen, weil sich niemand für uns zuständig fühle. Man hört den Sarkasmus förmlich durch den Bordlautsprecher triefen. Da sitzen wir also weitere 10 Minuten, währenddessen das Bodenpersonal vermutlich gemütlich einen Caffè trinkt und die Gazzetta dello Sport durchblättert. Schliesslich sind wir verspätet, auf uns hat hier also keiner gewartet. Erneut meldet sich der Pilot, mittlerweile sichtlich verärgert: Unsere Maschine müsse nun mangels willigem Abfertigungspersonal am Dock an einen Standplatz etwas ausserhalb fahren. Immerhin fährt nach diesem Manöver ein Bus vor, um uns zur Gepäckausgabe zu bringen – wir hatten uns bereits auf einen Fussmarsch eingestellt. Für das Privileg eines Gepäckwagens wird dann auch noch eine Gebühr fällig: 2 Euro, zahlbar in kleinen Münzen. Das ist Italien!

Was für ein Kontrast: Eben noch waren wir im fernen Asien, wo der Aufbruch vielerorts fast mit Händen zu greifen ist. Wo Dutzende, ja Hunderte Millionen Menschen hart daran arbeiten, in einen – wenn auch bescheidenen – Mittelstand aufzusteigen. Nun stehen wir vor den Toren Südeuropas, wo es sichtlich gemächlicher hergeht. Fast scheint es, als hätte man es sich in der jahrelangen Krise gemütlich gemacht. Konsum ja, aber bitte nicht dafür arbeiten. Und spätestens Mitte Fünfzig dann die volle Rente erhalten. Auch das ist Italien.

Wir schrauben frohgemut unsere Räder zusammen und kurz darauf geht es los in die seltsam vertraut wirkende Landschaft. Vom Jetlag spüren wir wenig, und so lassen wir Rom rechts liegen und radeln bei herrlichstem Frühlingswetter gleich nordwärts zum Lago di Bracciano, wo wir einen praktisch leeren, verträumten Zeltplatz direkt am See finden. Und wen treffen wir nach dem kühlen Bade gleich neben unserem Zelt an? Ueli und Rita aus der Schweiz, die mit ihrem Landcruiser schon durch die entlegensten Regionen dieser Welt gekurvt sind und sich gerade auf ihre baldige Südamerika-Reise vorbereiten. Klein ist die Welt der Weltreisenden.

Noch am selben Abend bestätigt sich ein weiteres Italien-Klischee. Als wir am Strassenrand kurz anhalten, um uns zu orientieren, fällt uns eine betagte Dame auf: Heftig mit den Armen rudernd und aus ihrem Fiat-Fenster palavernd. Ausser Italienisch liegt bei ihr natürlich keine andere Sprache drin. Wir entnehmen ihrem Wortschwall, dass der Motor wohl streikt, und wir jetzt bitteschön ihre alte Rostlaube anschieben sollen. Machen wir natürlich gerne. Seit der Türkei mussten wir keinem verzweifelten Autolenker mehr den Wagen einen Berg hochstossen. Zeit, dass der zweiradfahrende Autofreund erneut zur Hilfe eilt!

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Nordwärts fahren wir durch die duftende Landschaft nach Umbrien. Die milde Frühlingssonne ist nach den Strapazen auf der Südhalbkugel eine wahre Wonne. Unser Weg ist gesäumt von wunderbar unbekannten, schmucken Städtchen, wo das Leben noch seinen uritalienischen Lauf nimmt. Wir nippen unseren vormittäglichen Caffè gemeinsam mit dem adrett uniformierten Carabiniere auf der Plaza von Sutri, schauen den rauchenden Signore in Vignanello beim Strassenschach zu und treffen mit den wenigen Jugendlichen von Orte auf dem winzigen Kirchplatz zum Apéro ein. Viele dieser Städtchen, meist auf einer Erhebung hoch über dem Tal angelegt, verströmen noch heute einen Hauch der jahrtausendealten Geschichte, die oft weiter zurückgeht als bis zur Römerzeit. Alleen, gesäumt von unzähligen Zypressen und noch unzähligeren Schlaglöchern weisen uns jeweils den kurvigen Weg in die Hügel. Die spriessenden Reben überziehen ganze Landschaften mit einem saftiges Hellgrün. Wir radeln vorbei an herrschaftlichen Landhäusern, erhabenen Klöstern und verfallenen Palazzi.

Und nicht zu vergessen, was den wahren Charme Italiens ausmacht: Die Begegnungen. Ein kurzes Zvieri bei einem idyllisch gelegenen Kapuzinerkonvent wird zur ausgedehnten Konversation mit dem liebenswerten Rentner Martin, der sein Leben als Model verbracht hat und sich ob unserer Abenteuer kaum erholen kann. Er will uns gar nicht erst weiterfahren lassen und rät uns, möglichst bald nach Umbrien zurückzukehren. In Amelia spricht uns ein 70-jähriger Naturheilarzt an und erzählt gemütlich rauchend, wie er auf seinen ausgedehnten, monatelangen Wanderungen in fernen Landen jeweils einen Schirm auf den Rucksack bindet, damit die Autofahrer Abstand halten. In Todi atmen wir etruskische, umbrische und römische Geschichte und schlafen stilecht in historischen Gemächern aus dem 17. Jahrhundert. Am Lago Trasimeno bringen die Fischer im goldenen Abendlicht ihre Netze ein, während aus der fernen, schwarzen Silhouette der Stadt die Kirchenglocken erklingen.

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Umbrien gefällt uns ausserordentlich. Weit weniger touristisch als die überlaufene Toscana, die wir als nächstes ansteuern, bietet die Region alles, was man sich für eine Italienreise wünscht. Kurz vor der Einfahrt in unsere Lieblingsstadt Arezzo dreht Yvonnes Schaltgriff im Leeren. Nanu? Ein Blick genügt und wir wissen, dass das dünne Schaltkabel an der Rohloff-Nabe gerissen ist. Zehntausende von Gangwechseln hat es mitgemacht – keine schlechte Bilanz. Im Hof einer Autowerkstatt versuchen wir uns unter der stechenden Sonne erstmals im Auswechseln eines Schaltseil-Sets. Mit rauchenden Schädeln und etwas Schmierfett vom Garagisten klappts nach langem Herumpröbeln und wir schaffen es noch rechtzeitig in die Stadt. Hier legen wir einen Pausentag ein, bevor wir uns in Orte mit so klingenden Namen wie Siena oder Firenze aufmachen. Denn dort wartet ein letztes Mal Besuch auf uns!

2 comments to La meravigliosa Umbria

  • …und ich freue mich auch noch auf die allerletzten Geschichten auf eurer Heimreise und hoffe ihr habt euch seit eurer Rückkehr wieder einleben können und träumt dennoch jede Nacht von euren Abenteuern.

    Ich freue mich auf Freitag, euch wieder zu sehen, auch wenn ich mich dann möglicherweise nicht voll und ganz auf euch konzentrieren kann.

    Peace One Love

    🙂

    Ändu

  • Ach herrlich, was haben wir wieder einmal gelacht. Der Flughafen in Rom bietet doch immer wieder Stoff für lustige Geschichten.
    Könnt ihr nicht schon wieder los fahren, damit wir noch viiiiiiel mehr von euch lesen können?
    Wir sind noch immer in Down Under und warten auf den Sommer. Wenn uns das mal vorher einer gesagt hätte, dass es hier so kalt wird. Aber nein, alle haben immer nur gesagt wie heiss es in Australien nicht ist. Die sollten mal im Winter herkommen.
    Glg aus fast Melbourne und wir freuen uns schon auf euren nächsten Bericht!
    Markus und Heidi

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